Kokain hat mein Leben beinahe zerstört», sagt der 42-jährige Manager Markus B. (Name geändert). Er sitzt leicht angespannt in einem Zürcher Lokal, fährt sich durch die Haare und räuspert sich. Alles hatte doch so gut angefangen: Er stieg nach Fachhochschulstudium und MBA in einem Finanzinstitut in Frankfurt ein und rasch auf, heiratete mit 30 und war mit 35 Eigenheimbesitzer und Vater zweier Kinder. Da seine beruflichen Perspektiven in der Schweiz besser aussahen, liess er sich nach Zürich versetzen, wo seine Karriere steil anstieg. Er jettete wöchentlich zwischen der Schweiz und Grossbritannien, spulte abends sein Marathon-Lauftraining ab und managte an Wochenenden die Wettkampfeinsätze seiner sportbegeisterten Kinder.

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Nach einer langen Sitzung am Londoner Firmensitz bot ihm ein englischer Kollege beim Bier im Pub einen «kleinen Aufsteller» an, da er «so müde aussehe» - gratis, natürlich. Nachdem sich Markus B. seine erste Linie gezogen hatte, fühlte er sich augenblicklich leichter und besser. An diesem Abend machte es ihm nichts aus, noch schnell heimzufliegen, ein paar Kilometer durch den Wald zu laufen und die Präsentation vom nächsten Tag vorzubereiten. Die Kollegen staunten über seine riskanten Vorschläge, seine Frau über seine Energie.

Der Anfang des Abstiegs

«Das war der Anfang meines Abstiegs», sagt Markus B. und runzelt die Stirn. Zwar passt der gediegene Anzug immer noch perfekt, das Lächeln wirkt souverän. Aber eben ist er aus einem dreimonatigen Aufenthalt in einer Privatklinik zurückgekehrt, wo er sich einer Behandlung mit Gesprächen, Körpertherapie und Psychopharmaka unterzog. «Ob ich es auf Dauer wirklich schaffe, weiss ich noch nicht», sagt er leise. «Der Druck im Job ist riesig, und ganz aussteigen will und kann ich nicht - schon meiner Familie zuliebe, die zwar von mir kaum etwas hat, aber wenigstens über das Geld verfügen kann. Und daran hat sie sich natürlich gewöhnt.»

Dass Manager aus dem mittleren und oberen Management zunehmend Kokain, Aufputsch-, Beruhigungsmittel und Alkohol konsumieren, ist bekannt. Der Leistungsdruck in allen möglichen Lebensbereichen steigt seit Jahren rapide an - und immer mehr Menschen greifen immer hemmungsloser zu Seelentröstern und Stimmungsaufhellern.

«Seit etwa sechs, sieben Jahren hat der Verkauf von Antidepressiva und Beruhigungsmitteln deutlich zugenommen», sagt Metin San, Apother in der Zürcher Bellevue-Apotheke. Eine eindeutige Korrelation zur Finanzkrise sieht er dabei nicht, aber er stellt fest: «Während der Krise, als das Burn-Out-Syndrom in den Medien stark thematisiert wurde, kauften viele Frauen für ihre Männer rezeptfrei Beruhigungsmittel.» Da man die Konsumenten nicht nach ihren Berufen frage, sei es schwierig, die Entwicklung des Konsums in einzelnen Branchen zu verfolgen.

Auch das Bundesamt für Gesundheit betont, dass sich die heute verfügbaren Studien nicht auf die Ebene des Individualkonsums übersetzen lassen. «Das heisst, sie geben Auskunft über die Menge, die verfügbar ist und wahrscheinlich konsumiert wird, aber nicht über die Verbreitung», sagt Mediensprecherin Mona Neidhart. «Mit anderen Worten: Die effektive Zahl von Kokainkonsumierenden kann nur eingekreist werden. Wobei vorweg gesagt werden muss, dass in Bezug auf das höhere Management kaum Aussagen belegt werden können, sondern meist nur Annahmen vorliegen. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Kokainkonsum in bestimmten Milieus gehäuft auftritt: Im traditionellen Drogenmilieu, im Night-Life-Milieu und bei gut integrierten Personen in Stressberufen. Diese Auflistung ist nicht abschliessend, und gerade bei Letzteren ist die Frage nach den Ursachen des Konsums nicht geklärt.»

Die Tendenz, für jedes Problem eine Pille einzuwerfen, zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und Altersstufen: Was Kiffen für den 16-Jährigen auf dem Dorfplatz, Ecstasy für den 20-jährigen Clubbesucher, Epo für den Radprofi und Crack für den Drogenjunkie, sind Prozac, Viagra, Rohypnol und Kokain als Mut- und Muntermacher für gestresste Manager.

Was da geschluckt, gesnifft, geraucht, geschnüffelt und gespritzt wird, birgt Risiken. Deren Gefahrenpotenzial wird in der Öffentlichkeit oft heruntergespielt und verharmlost. Man hat seinen Konsum im Griff, glauben schon Jugendliche - und davon sind erfolgsverwöhnte und topdisziplinierte Manager erst recht überzeugt.

«Bei jeder Linie dachte ich: Das ist die letzte», sinniert Markus B. Doch statt aufzuhören, musste er seine Dosis laufend erhöhen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Bald brauchte er ein Gramm täglich, um sein berufliches und sportliches Marathonprogramm überhaupt absolvieren zu können. Körperliche Nebenwirkungen liessen nicht auf sich warten: «Ich hatte Bluthochdruck und häufig Nasenbluten. Ausserdem ass und schlief ich viel zu wenig, daher brauchte ich den Stoff immer dringender.» Mindestens so schlimm waren die psychischen Folgen: «Wenn die Wirkung nachliess, hatte ich oft Ängste, Schuldgefühle gegenüber meiner Familie, war innerlich leer, fast depressiv.»

Aus der Spirale von Dauerstress und Doping auszubrechen, erweist sich als nahezu unmöglich. Sich nicht mehr aufzuputschen hiesse, viel weniger zu leisten, was das Selbstwertgefühl eines Kadermannes knicken würde. Die Familie aufklären? Sich bei Kollegen outen? Eine Therapie anfangen? «Alles undenkbar», sagt Markus B. «Mein Körper musste erst schlappmachen, bis ich selber den Bruch vollzog.» Eines Abends ging gar nichts mehr, Markus B. gestand seiner Frau sein Doppelleben und liess sich krankschreiben. Burnout, lautete die Diagnose gegenüber Konzern und Kollegen.

«Der Leistungsdruck auf die Top-Manager hat sicherlich zugenommen», sagt Philippe Hertig, Chef von Egon Zehnder International Schweiz. «Obwohl die sogenannte Work-Life-Balance bei den wenigsten obersten Führungskräften gegeben ist, wird man sich beispielsweise der Problematik eines Burnout immer bewusster und unternimmt auch aktiv etwas dagegen.»

Die innerbetrieblichen Kontrollmechanismen seien heute stärker ausgeprägt als früher, aber auch die Aufsichtsfunktion des Verwaltungsrates werde heute intensiver wahrgenommen. Früher habe man in einer tabuisierten Gesellschaft eher zur Flasche oder Tablette gegriffen, sagt Hertig. Dagegen seien moderne Führungskräfte mit gesundheitsbewussten Spitzensportlern vergleichbar, «die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und genau wissen, dass Alkohol und Drogen mit überdurchschnittlicher Leistungserbringung nicht kompatibel sind».

Die Vermutung liegt nahe, dass es diesen «Typ Spitzensportler» wohl gibt - aber eben auch dessen Gegenpart, der seine Nöte allerdings unter Verschluss hält. Deutlich pessimistischer als Hertig äussert sich etwa der deutsche Soziologe Günter Amendt, der in der «Berliner Zeitung» schreibt: «Kokain ist überall, wo in Hochgeschwindigkeit gearbeitet wird.» Und: «Der Treibstoff der New Economy ist Kokain.»

Vernünftiges Selbstmanagement

Nicht jeder hat das Zeug zum sauberen Spitzensportler. Vermutlich können - analog zum Sport - relativ wenige auf Dauer an der Unternehmensspitze mithalten, ohne zu Doping zu greifen. Für die anderen steht eine gesunde Selbsteinschätzung und ein vernünftiges Selbstmanagement im Vordergrund. «Ich habe mich überschätzt und überfordert», sagt Markus B. «Nun will ich haushälterischer mit meinen Ressourcen umgehen.» Künftig will er mehr auf Ermüdungserscheinungen, körperliche Signale und Anspannungen reagieren. Er lehnt sich zurück und sagt: «Das ist ganz wichtig, denn wer einmal im Teufelskreis von Leistung und Drogen steckt, kommt allein kaum mehr heraus.»