Der Auftritt blieb kurz und 
gut inszeniert: An einem frühen Abend Mitte November stand Ruth Metzler-Arnold auf der Bühne des Kursaals in Bern und liess sich von Sportmoderator Rainer Maria Salzgeber unverfängliche Fragen stellen.

Der Anlass: Die Verleihung der «Milestone»-Preise des Schweizer Tourismus. Seit letztem Frühjahr ist Metzler Präsidentin der Jury, welche innovative Tourismusprojekte nominiert hatte. Der Preis habe einen direkten Zusammenhang mit dem Wirtschaftsstandort Schweiz, erklärt sie ihre Motivation für den neuen Job. Das sei eines ihrer Kernanliegen.

Expertin für die Zuger Regierung

Metzlers Engagement für den Tourismus reiht sich ein in eine Vielzahl neuer Jobs und Tätigkeitsfelder. Am Montag vor der «Milestone»-Gala (Dresscode: Cocktail) machte sie im Schweizer Fernsehen bei einem Dok-Film zum starken Franken mit. Bis Dezember wird sie auf Wunsch des Zuger Finanzdirektors in einer Expertengruppe die Sparvorschläge überprüfen, welche das strukturelle Defizit von 100 Millionen Franken abbauen sollen.

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Ebenfalls im Dezember wird sie zur ersten Sitzung ihres neuen Verwaltungsratmandates nach Genf reisen: Die Bank Reyl hat sie im Oktober in ihr Aufsichtsgremium gewählt. Die 1973 gegründete Reyl & Cie ist in Familienbesitz, verfügt über Niederlassungen in der Schweiz, in Europa (London, Luxemburg, Malta) und weltweit (Singapur, Santa Barbara, Dallas und Dubai), verwaltet ein Vermögen von über 12 Milliarden Franken und beschäftigt gut 200 Mitarbeiter.

Reyl droht Busse aus Frankreich

Allerdings droht Reyl Ungemach: Die auf Finanzdelikte spezialisierte französische Staatsanwaltschaft fordert ein fünfjähriges Geschäftsverbot in Frankreich, eine Strafzahlung von 1,875 Millionen Euro wegen Verschleierung von Steuerbetrug – und bedingte Gefängnisstrafen und Bussen für das oberste Management. In der Angelegenheit geht es um den ehemaligen französischen Budgetminister Jérôme Cahuzac und ein geheimes Konto mit angeblich 600’000 Franken.

Das Urteil wird am 8. Dezember erwartet. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Genfer Bank wegen Steuerbetrugs finanziell bluten muss: Anfang Jahr wurde bekannt, dass sie im Rahmen einer Schuldanerkennung eine Busse von 2,8 Millionen Euro akzeptiert hatte.

«Verkörpert Geist des Unternehmertums»

Metzler wird also eine angespannte Stimmung in Genf antreffen. Sie verkörpere «den Geist des Unternehmertums, der unsere Gruppe kennzeichnet», gibt sich Bank-Chef François Reyl überzeugt. «Wir werden von ihrem Weitblick und ihrer Fachkompetenz sowie von ihrer Fähigkeit und Energie profitieren.» Die neue Verwaltungsrätin sieht der drohenden Verurteilung gelassen entgegen.

«Es ist eine Bank, die international aufgestellt ist», analysiert die gebürtige Willisauerin mit geschäftlichem Standbein in Appenzell, privater Beziehung zu Basel und einjährigem Abstecher nach Paris. Zudem bevorzuge sie bei ihren VR-Verpflichtungen Familienunternehmen, wo es bei Entscheiden immer auch um die Eigentümer gehe.

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Schmerzhafte Abwahl

Die helvetische Geschichtsschreibung notiert den 10. Dezember 2003: Mit fünf Stimmen Unterschied unterliegt die amtierende Bundesrätin Ruth Metzler dem SVP-Vertreter Christoph Blocher. Ihre Partei, die CVP, hatte die erst 39-Jährige fallen gelassen. «Mir ist es nie total schlecht gegangen», beteuert Metzler heute, was enge Vertraute von ihr allerdings anders sehen.

Letztlich habe sie, die den New Yorker Marathon schon wiederholt und in sehr guten Zeiten von unter vier Stunden gelaufen ist, die Abwahl aber sportlich genommen nach dem Motto: «Eine Niederlage kann ich nicht ändern, also richte ich meine Energie nach vorne aus und investiere in die Zukunft.» Eine Verbitterung über das abrupte Ende ihrer steilen Politkarriere will auch alt Nationalrätin Ruth Grossenbacher nicht erkannt haben: «Natürlich hat sie nachher gesucht, wie es weitergehen soll», erinnert sich die Solothurnerin, «denn wer stellt schon eine ehemalige Bundesrätin an?»

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Eine Büro mit Berner Mitstreiter

Unterschlupf fand die Juristin und Wirtschaftsprüferin Ruth Metzler-Arnold zunächst bei Novartis in Paris, dann in Basel. Bis sie ihre Bern-Connection reaktivierte und zusammen mit ihrem früheren Pressesprecher Hans Klaus und mit alt-Bundesrat Kaspar Villigers ehemaligem Mitarbeiter Daniel Eckmann ein Beratungsbüro lancierte.

Seither sichert sie sich ein Verwaltungsratsmandat nach dem anderen, sitzt im Universitätsrat von St. Gallen und seit diesem Jahr im Stiftungsrat von Avenir Suisse. Finanziell darben muss sie nicht: Bereits vor zehn Jahren hatte sie auf ihre Bundesratspension von 204’000 Franken verzichtet. Vor allem ihr Präsidium der früheren Osec (heute: Switzerland Global Enterprise) liegt ihr am Herzen.

Lukrative Mandate

Ungleich einträglicher freilich sind ihre Mandate beim Industriekonzern Bühler, bei der Axa Winterthur und beim Zürcher Vermögensverwalter Aquila, wo sie seit letztem Jahr sogar als VR-Präsidentin fungiert. Des Weiteren sitzt sie mit dem Starökonomen Ernst Fehr bei Fehr Advice im Verwaltungsrat, den der ehemalige FDP-Mann Gerold Bührer präsidiert. Zusammen mit dem neuen Mandat bei der Reyl-Bank und all ihren anderen Aktivitäten dürfte sie es locker auf ein Gesamthonorar von 350’000 Franken im Jahr bringen.

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Bisher liess sich die Umtriebige in allen ihren Aktivitäten keine groben Schnitzer anlasten. Ins schiefe Licht geriet sie allerdings mit ihrem VR-Mandat beim Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden, als Anfang 2014 ihre horrenden Tagesansätze von 3000 Franken für drei Sitzungen ruchbar wurden.

Metzler zog die Konsquenzen

Metzler zog die Konsequenzen und verzichtete auf die Wiederwahl. Ihr Ruf als Frau mit «keckem Selbstbewusstsein, ohne Dünkel und Bitternis», wie es ein Bekannter formuliert, hat nicht gelitten.

Im gleichen Jahr wurde sie unter die 100 wichtigsten Frauen der Wirtschaft eingereiht, ein Jahr später weilte sie unter den Gästen zum Abschied von Botschafter Tim Guldimann in Berlin, wurde am VIP-Empfang der Basel Tattoo gesehen und durfte diesen März als Ehrengast das Zürcher Sechseläuten begleiten.

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«Ich bin eine Generalistin»

«Die Bandbreite meiner Beschäftigungen hat sehr wohl mit mir und meinem Lebenslauf zu tun», sagt sie, «ich bin eine Generalistin.» Selbst für ein tierisches Projekt hat sie sich jüngst verpflichtet: Als Mitglied einer 15-köpfigen Kerngruppe, die das Patronat für ein neues Ozeanium im Basler Zoo übernommen hat.