Jörg Reinhardt mag es beständig: Ferienhaus im Tessin, Wohnort Ehrenkirchen im Breisgau, wo seine Frau bis vor wenigen Jahren eine Apotheke führte. Bei Novartis aber liess Jörg Reinhardt keinen Stein auf dem anderen, seit er vor drei Jahren auf dem Campus übernahm: Abschied vom Empire Building, wie es sein Vorgänger Daniel Vasella pflegte, hin zu einem Unternehmen, das auf Innova­tion und organisches Wachstum setzt.

Die wichtigste Weiche hat er diese Woche ­gestellt: Mit der Wahl des erst 41-jährigen Entwicklungschefs Vas Narasimhan zum Nachfolger von Konzernchef Joe Jimenez.

Die Kur, die Jörg Reinhardt Novartis verpasste, hat es in sich. Schon 2014 stutzte er Vasellas Reich auf drei Divisionen ­zusammen. Die Tiergesundheit ging an Eli Lilly, das Geschäft mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten in ein Joint Venture, die Impfsparte an die britische GSK, von der Novartis im Gegenzug die Onkologie übernahm. Der Grosseinkauf ins Krebsgeschäft kostete das Unternehmen 16 Milliarden Dollar.

Rundumerneuerung in zwei Jahren

Zugleich startete die Rundumerneurung der Konzernleitung, im Zuge deren die Vasella-Boys nach und nach von der Bildfläche verschwanden. Der deutsche Harry Kirsch wurde 2013 Finanzchef, 2014 bekam die Generikasparte mit Richard Francis einen neuen Chef, ebenso wie die Personalabteilung mit Steven Baert.

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Die grosse Rochade kam 2016, verbunden mit einer Reorganisation, bei welcher der legendäre Pharmachef David Epstein durch Bruno Strigini (Onkologie) und Paul Hudson (Pharmaceuticals) ersetzt wurde. Im gleichen Jahr übernahm mit Jay Bradner ein Mann aus dem universitären Wissenschaftsbetrieb die Novartis-Forschung. Zudem rückte der nun zum Konzernchef beförderte Vas Narasimhan als Entwicklungschef in die Konzernleitung nach. Amtsältestes Konzernleitungsmitglied war nun, abgesehen von Konzernchef Joe Jimenez, Felix Ehrat, der General Counsel. Frischzellenkur à la Reinhardt.

Einstimmig für den Entwicklungschef

Bleibt als vorläufig letzter Streich die Transition an der Konzernspitze. Viel ist nicht bekannt über die Wahl desjenigen, der am 1. Februar nächsten Jahres auf dem Novartis-Campus das Ruder übernehmen wird. Das Unternehmen selbst spricht von einem «extensiven ­weltweiten Suchprozess», aus welchem der Entwicklungschef als Spitzenanwärter hervorgegangen sei. Die Ernennung im Verwaltungsrat sei einstimmig erfolgt.

Einstimmig, aber keineswegs klassisch. Der neue Konzernchef ist ein Eigengewächs und erst noch ein vergleichsweise junges; ein interner Kandidat ohne Erfahrung als Konzernchef für eines der grössten Pharmaunternehmen der Welt. Das sei mutig, sagt ein Headhunter, der den jungen Konzernchef schon persönlich getroffen hat. Novartis habe sich entschieden, eine Generation zu überspringen, so der Headhunter weiter. «Und ich bin überzeugt, dass das richtig ist.» Denn die individualisierte, digitale Zukunft werde schneller kommen, als man sich das zurzeit vorstelle. Das Risiko, dass Novartis die Zukunft verpasse, sei real. In dieser Situation sei es essenziell, die Zeit nicht mit einem «klassischen Kandidaten» zu verschwenden.

«Intelligent, fokussiert, ehrgeizig»

Den neuen Konzernchef beschreibt der Headhunter als «ausgesprochen intelligent, ehrgeizig, fokussiert, zielorientiert» und er habe ein «modernes, teamorientiertes Führungsverständnis», was, so betont er, nicht mit «Wischiwaschi» zu ­verwechseln sei. Zudem habe er ihn als­jemand erlebt, der noch immer genügend Distanz zum Unternehmen habe, um die Dinge verändern zu können.

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«Die Wahl liegt im Trend», so Philippe Hertig von Egon Zehnder, und der gehe dahin, sich alle Optionen offenzuhalten, interne und externe Kandidaten und immer häufiger auch Kandidaten, die bereits über Verwaltungsratserfahrung verfügten. Dass Novartis selbst bei der Besetzung der Konzernspitze auf einen internen Kan­didaten setzen könne, spreche zudem für ein ausgezeichnetes Talent­management. Alles in allem ergebe sich das Bild einer kontrollierten Nachfolgeplanung.

Ein möglicher Abschreiber

Das zeigt sich auch beim Timing. Die Wahl des neuen Konzernchefs erfolgte, nur wenige Tage nachdem Novartis mit der Zulassung von Kymriah einen Durchbruch hatte feiern können. Es handelt sich dabei um eine revolutionäre Therapie zur Behandlung leukämiekranker Kinder, bei der körpereigene Zellen des Patienten ­genetisch verändert und zu Krebskillern aufmunitioniert werden. Joe Jimenez kann für sich in Anspruch nehmen, dass er der Technologie auch dann noch eine Chance gab, als sie von der Konkurrenz fallen gelassen wurde.

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Doch auch für den neuen Konzernchef passt der Zeitpunkt. Am Fahrplan in ­Sachen Alcon soll sich nämlich nichts ändern. Jimenez stellte bei der Bekanntgabe seines Rücktritts erneut ein «Update» bis Ende Jahr in Aussicht. Mit anderen Worten: Ein Abschreiber bei einem allfälligen Verkauf der Augenheilsparte würde auf ihn zurückfallen und nicht den Start von Vas Narasimhan belasten.