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Nervig
Partner statt Job: Fiese Anmache auf LinkedIn & Co

Anzügliche Nachrichten statt tolle Jobangebote: Für viele Frauen werden Karriereportale zum Schrecken. Männer nutzen sie offenbar immer häufiger als Datingplattform.

Von Laura Frommberg
am 14.10.2015

«Dieses sinnliche Lächeln, dieser sexy Blick – ich kann nicht aufhören, daran zu denken!» Eigentlich ist das eine recht schmeichelhafte Nachricht. Wenn sie nicht so enden würde: «Daher freue ich mich sehr, dass Sie mich Ihrem Netzwerk auf LinkedIn hinzugefügt haben.»

Als Katharina Erle* diese Nachricht las, klappte sie vor Schreck erst einmal den Laptop zu. «Mir wurde regelrecht übel», erinnert sich die 30-Jährige, die in der Werbebranche arbeitet. Die Kontaktanfrage des Absenders hatte sie akzeptiert, weil sein Profil klang, als wäre er beruflich ein nützlicher Kontakt. Getroffen hatte sie ihn noch nie. Die eindeutigen Avancen des 50-jährigen Managers eines Schweizer Unternehmens schockierten Erle daher umso mehr.

Weitere Betroffene machten ähnliche Erfahrungen

Das Schlimme: Es war die erste einer ganzen Reihe solcher Anmachen, welche die junge Frau in den nachfolgenden Wochen erreichten. Andere Schweizerinnen berichten dasselbe. «Ich hoffe, Sie finden meine Nachricht nicht allzu unprofessionell», steht dann im Text. «Aber ich würde mich unglaublich freuen, wenn wir einmal ausgehen würden.»

Oft sind es Männer, deren Kontaktanfragen sie angenommen hatten, ohne sie persönlich zu kennen – aus beruflichen Gründen. «Ich erhalte solche Nachrichten aber auch von Männern, die mich an einem Fachanlass gesehen haben und dann auf diese Weise an mich herantreten wollen», berichtet eine junge Unternehmensberaterin.

In anderen Ländern bereits früher ein Problem

Ein Phänomen, das im angelsächsischen Raum seinen Anfang nahm, ist damit in der Schweiz angelangt: Männer missbrauchen Karriereportale als Dating-Plattformen. Warum sie das ausgerechnet dort tun, erklärt Social-Media-Fachmann Christoph Hess von der Agentur Kuble: «Da sie aus professionellen Gründen genutzt werden, akzeptieren dort viele Frauen Einladungen von Männern, die sie zunächst nicht einschätzen können. Das ist anders als bei Facebook.» Immerhin, so Hess, könne der Kontakt ja nützlich sein.

Dazu ermutigt LinkedIn die Nutzer auch. Zwar kann man in den Einstellungen den Kreis der Menschen, die einen kontaktieren können, einschränken. Doch in der Hilfe rät LinkedIn explizit dazu, sein Profil für alle zugänglich zu lassen. 

«Die Nachrichten waren mir zu widerlich»

Daran hatte sich Katharina Erle gehalten. «Bei meiner Arbeit ist netzwerken wichtig, und das geschieht eben zunehmend online», erklärt sie. Doch jetzt nicht mehr: «Ich habe meine Nutzung von LinkedIin heruntergefahren, die Nachrichten waren mir zu widerlich.»

Auch auf Xing, dem Konkurrenzportal von LinkedIn, erhalten Frauen unangemessene Post. Allerdings berichten die Frauen, dass die Nachrichten bei Xing meist von Leuten kommen, die sie bereits einmal getroffen haben. Das mache sie aber nicht weniger anzüglich. Eine Frau berichtet davon, dass man sogar ihre «wohlgeformten Rundungen» kommentiert habe.

LinkedIn verurteilt das Verhalten

Zum Teil sind die Männer sich gar nicht bewusst, dass sie sich mit ihren Annäherungsversuchen daneben benehmen. «Man flirtet ja auch am Arbeitsplatz, wa­rum soll ich dann nicht auch auf LinkedIn einer hübschen Dame ein Kompliment machen?», rechtfertigt sich einer, nachdem er auf seine Nachricht angesprochen wird. Kam es denn schon einmal zu einem Treffen nach einem LinkedIn-Flirt? «Dazu will ich nichts sagen, ich bin verheiratet.»

Bei LinkedIn verurteilt man das Verhalten der hofierenden Herren mit Nachdruck. Das Portal sei ganz klar dazu da, Karrieren auf- und auszubauen und berufliches Wissen zu erwerben, so Sprecherin Gudrun Hermann. «Wenn jemand auf LinkedIn ein derartiges Verhalten an den Tag legt, werden wir die notwendigen Schritte unternehmen, um die Profile dieser Mitglieder zu blockieren oder, wenn nötig, zu löschen.»

Ersttäter mahnt Xing

Auch von Xing heisst es: «Für uns ist es essenziell, dass Kontakte seriös sind und das Miteinander vertrauensvoll ist.» Deshalb kümmere sich ein ­eigenes Support-Team darum, dass die Spielregeln eingehalten würden, erklärt Sprecher Frank Legeland. Erst- oder Wiederholungstäter kontaktiere man, mahne sie ab und schliesse sie in vereinzelten Fällen auch von der weiteren Nutzung aus.

Dabei geht es nicht nur um den Schutz von Nutzern, sondern auch um die ureigensten Interessen der Netzwerke selbst. «Bei LinkedIn und Co. steht gerade die Integrität des Geschäftsmodells auf dem Spiel», sagt Bernhard Bauhofer von der Unternehmensberatung Sparring Partners. Bauhofer und seine Kollegen beraten Unternehmen in Reputationsfragen.

«Missbrauch läuft aus dem Ruder»

«Der Missbrauch läuft inzwischen aus dem Ruder», so Bauhofer. Und er findet nicht nur auf der anzüglichen Ebene statt: LinkedIn-Mitglieder berichten von Nachrichten, die nach dem Vorbild der klassischen Spam-Mails verfasst sind. Nur bittet in diesen kein nigerianischer Prinz um ­einen Kredit, sondern ein realer Kontakt steht dahinter. Wie das funktioniert: Zum einen über gefälschte Profile, die schnell entlarvt werden können. Schwieriger wird es bei einer anderen Masche: Cyber-Kriminelle kopieren das Profil einer realen Person und schaffen sich so Zugang zu deren Netzwerk.

Dass es zu so etwas kommt, ist laut dem Reputationsexperten Bauhofer der Eigendynamik geschuldet, die sich ergibt, wenn ein Portal wächst und wächst und so von einem exklusiven Netzwerk zu einem Massenportal wird. Auch von Xing-Sprecher Legeland heisst es: «Grundsätzlich stellt ein soziales Netzwerk ein allgemeines Abbild der Gesellschaft dar – mithin gibt es neben seriösen und vertrauenswürdigen Geschäftspartnern vereinzelt schwarze Schafe.» Aber man tue alles dafür, diese zu entlarven und loszuwerden. Xing zählt rund 9 Millionen Mitglieder. Linkedin hat 6 Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum, weltweit sind es zusammen 380 Millionen Mitglieder.  

«Werde es dem Arbeitgeber melden»

Um die schwarzen Schafe zu finden, bitten die Netwerke um die Hilfe der Nutzer. Man solle jeden Fall sofort melden, so Xing-Sprecher Legeland. «Sobald unser User Care davon erfährt, handeln die Kollegen innerhalb von 24 Stunden.» Das Problem: Die Funktion, unter der man einen Nutzer blockieren oder melden kann, ist derzeit sowohl bei Xing als auch bei LinkedIn versteckt. Bei Xing findet man sie im Profil unter dem Punkt «mehr». Bei LinkedIn muss man auf dem Profil des Übeltäters den Pfeil neben der Auswahlmöglichkeit «Nachricht senden» klicken.

«Ich würde nie darauf kommen, dass ich ausgerechnet dort jemanden blockieren kann, wo man ihm eine Nachricht schickt», sagt Katharina Erle. Bisher hat sie Absender und Nachricht immer gelöscht. Eine Freundin brachte sie nun aber auf die Idee, was sie das nächste Mal tun kann: «Ich werde es dem Arbeitgeber des Absenders melden.» Immerhin repräsentiere er auf den Portalen ja auch sein Unternehmen. «Und die Chefs sehen das sicher nicht gern.»

* Name der Redaktion bekannt

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