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Coaching
So verhindern reiche Familien, dass die Kinder Schnösel werden

Rich Kid

Spielregeln für den Umgang mit Reichtum

Quelle: Brigitta Garcia Lopez

Family Governance, teure Coaches und Familien-Intranet: So vererbt man erfolgreich Geld und Moral.

Von Stefan Mair
am 22.04.2019

Dieter und Daniela Dettwyler sind reich. Seit dem Verkauf eines Unternehmens im Bereich erneuerbare Energie steht dem Paar mit zwei Kindern so viel Geld zur Verfügung, dass auch die Kinder der Kinder ausgesorgt haben dürften. Es ist dem Paar gelungen, das ­Vermögen durch Immobi­lienkäufe gut anzulegen. Das gibt eine schöne Rendite mit wenig Risiko.

Wenige Monate nach dem Verkauf ihrer Firma stellte Daniela Dettwyler ihrem Mann einige Fragen: «Was ist eigentlich der Sinn und Zweck dieses Vermögens? Wie geben wir dieses Kapital weiter?» Weder den Erben noch den Besitzern grosser Summen ist oftmals bewusst, dass viel Geld auch viel Klärungs­bedarf mit sich bringt – oft in einer emotional verminten Zone und vor allem lange bevor es ans Erben geht. Es kommen Ängste auf: Werden die Kinder zu Schnöseln? Werden sie träge? Sind sie überfordert und gefährden sogar, was die Eltern aufgebaut haben? Dettwylers Sohn, ein ETH-Ingenieur, interessiert sich für Startup-Investments. Die Tochter ist eine Künstlerin, die vom Vermögen der Familie abgeschreckt ist. Deckungsgleiche Interessen? Fehlanzeige.

30.000 Franken Gebühr pro Jahr

Diese Unsicherheiten und Unwägbarkeiten sind ein gutes Geschäftsfeld für Coaches und Berater reicher Familien, die unter dem Label Family Governance arbeiten. Auch die Dettwylers haben ein solches Coaching genutzt. Heute besitzen sie ein Familienleitbild, das sie mit dem Marcuard Family Office in Zürich erarbeitet haben. Eine Art Verfassung, die innert zweier Jahren mit den Kindern und Eltern erstellt wurde. «Eigentlich hätte das Familienleitbild am Anfang von allem stehen sollen», erklärt Dieter Dettwyler. Also noch vor dem Verkauf der Firma.

Das Leitbild besteht aus ­sieben Kapiteln, begonnen bei den Werten der Familie von Sicherheit über Freiheit bis zur Integrität. Die Familie wurde in drei Gruppen eingeteilt, mit abgestufter Entscheidungskompetenz, ein Rhythmus für Treffen wurde festgelegt, Bedingungen für regelmässige und ausserplanmässige Finanzspritzen an die Familie wurden definiert. Zudem wurden Notfall- und Charityaktionen ausgefeilt.

Dutzende Familien befragt

Die Dettwylers heissen ­eigentlich anders, sie sind nur eine von zwei Dutzend anonymisierten Familien in der Schweiz, die in einem Buch der Finanz- und Vermögensexperten Jorge Frey und Eugen Stamm («Von Geld und Werten», Juni 2019, jetzt vorbestellbar) Auskunft über ihre Strategie geben, wie sie Geld und Moral an ihre Kinder weiterge­geben haben – oder es versucht haben. Die Familiencoaches, die in der Schweiz immer häufiger aktiv werden begleiten Familien meist über mehrere Jahre. Das Honorar schwankt je nach Grösse der Familie und Komplexität der Situation.

Eine fünfköpfige Zwei-Generationen-Familie in der Schweiz muss mit einem Beratungsaufwand von ungefähr 30 000 Franken pro Jahr rechnen, darin inkludiert sind individuelle Interviews mit allen Familienmitgliedern sowie vier Familientreffen pro Jahr inklusive Vor- und Nachbereitung. Renommierte Familiencoaches in den USA verlangen bis zu 15 000 Dollar pro Tag. Für Familien mit weniger als 5 Millionen Franken Vermögen lohnt sich das Investment kaum.

Familien-Intranet aufgeschaltet

Leonardo De Luca von De Luca Advi­sory in Zürich, Steuerexperte und Unternehmensberater mit guten Kontakten zu vielen reichen Familien, ist überzeugt davon, dass sich die Kosten nach dem Projekt und den erreichten Meilensteinen richten sollten und nicht nach den aufgelaufenen Stunden. Denn Coaches übernehmen in den komplexen Situationen gleich mehrere Rollen: Sie stellen Kommunikationsplattformen für alle Familienmitglieder zur Verfügung und steuern eine Art «Intranet» der Familie. Nach Interviews aller Familienmitglieder werden die Aussagen aller Be­teiligten gespiegelt, also den Eltern und Kindern vorgelegt um gemeinsame und divergierende Erwartungen zu erkennen. Fragen in den Interviews sind etwa: Wissen Ihre Nachkommen, welche Werte für Sie wichtig sind? Welche Kommunikationskultur gibt es in der Familie? Wie viel soll vererbt und geerbt werden?

Der Anwalt oder Wirtschaftsberater der Familie eignet sich als Familiencoach für diese Fragen nur begrenzt. Sonja Kissling, Rechtsanwältin und Inhaberin von Family Business Matters, einer Beratungsfirma für Familienunternehmen in Zürich, sagt: «Wenn ein Rechtsanwalt oder Berater – trotz besten Absichten – eine Familien­verfassung für die Familie schreibt und das Dokument von den Familienmitgliedern lediglich unterzeichnen lässt, ist das nicht Beratung in Family-Business-Gover­nance-Sinn.» Zudem steht der Hausanwalt den Eltern oft näher als den Kindern.

Lösungen für Konflikte

Marc Alain Affolter, VR-Präsdeint der Affolter Holding, die mechanische Uhrenbestandteile herstellt, startete mit dem Governance-Prozess beim Übergang von der dritten auf die vierte Eigentümergeneration. «Es gibt einen Aktionärsbindungsvertrag, Familienversammlungen, eine Familiencharta, welche die Werte der Familie und das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander festhält, Konfliktlösungsmechanismen und eine Internet-Kommunika­tionsplattform», erklärt er. Er ist froh, dass seine Familie ­lange vor dem Generationenwechsel mit den Governance-Instrumenten experimentiert hat. «Hätten wir erst zwei Jahre vor dem Wechsel begonnen, wären wir gescheitert.» Dorothee Auwärter, VR-Prä­sidentin von Kuhn Rikon, die Kochutensilien herstellt, hat mit ihrer Familie einen Fami­lienrat etabliert, dem vier ­Cousinen angehören und der zwischen Familienmit­gliedern und Firma vermittelt.

Auf die Frage, ob man Family Governance lernen kann, antwortet Berater und Coach Heinrich Christen: «Ich glaube nicht, dass man Empathie und das Interesse an Menschen in spe­ziellen Situationen lernen kann. Das wäre, wie wenn wir uns in Betroffenheit üben ­würden. Entweder ist man betroffen und interessiert, oder man ist es nicht.» Das jahrelange und nicht preisgüns­tige Familiencoaching ist jedenfalls eine etwas modernere Form, Bezug zu Fami­lienwerten herzustellen, als es der Mil­lionenerbe Peter Weber tun musste: «Wir lernten, die Namen der 16 Kinder meines Urgrossvaters auswendig aufsagen.»

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Renommierte Berater vermögender Familien

Heinrich Christen, St. Gallen, ehemaliger Partner EY, Unternehmer

Sonja Kissling, Zürich, Family Business Matters Consulting

Jorge Frey, Zürich, Invest-Experte, Autor

Eugen Stamm, Zürich, Invest-Experte, Autor

Manuel Liatowitsch, Zürich, Kanzlei Schellenberg Wittmer

Leonardo De Luca, Zürich, De LucaAdvisory

Marc Nufer, Bern, Eversheds Sutherland

Caroline Piraud, Zürich, Julius Bär Stiftung

Renè Strazzer, Zürich, Experte für Erbfragen