Mit solchen Charaktereigenschaften macht man sich in der Regel keine Freunde. Der abtretende Apple-Chef Steve Jobs gilt als egoistisch, menschenverachtend, diktatorisch und ungerecht. Der iGod der modernen Lifestyle-Technologie hat sein ganzes Leben lang all das gemacht, wovor sämtliche Managementtheoretiker vehement warnen.

«Steve hat bewiesen, dass es okay ist, ein Arschloch zu sein», bringt es Guy Kawasaki auf den Punkt. Der ehemalige Marketingmanager von Apple steht mit dieser Meinung längst nicht alleine da. Selbst ein nobler Professor wie Robert Sutton von der ehrwürdigen Stanford-Universität benutzt im Zusammenhang mit Jobs gerne mal Fäkalsprache. Als bekannt geworden sei, dass er an seinem Bestseller «The No Asshole Rule» arbeite, sei er überrannt worden von Betroffenen, die alle eine A-Geschichte über Jobs zu erzählen hatten. «Das Ausmass, in dem die Leute in Silicon Valley Angst haben vor Jobs, ist unglaublich», erzählt Sutton. Er sorge dafür, dass die Leute sich schrecklich fühlen. Er bringe die Leute zum Weinen.

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«Nein, Steve Jobs’ Führungsstil ist nicht gerade das, was die meisten Managementbücher propagieren», sagt auch Suttons Arbeitskollege Jeffrey Pfeffer, Professor für Unternehmensverhalten. Trotzdem gebe es wohl wenige Karrieren, die zu studieren sich mehr lohne.

In Jobs eigenen Worten wirkt der Führungsstil des Gurus allerdings so simpel wie seine Rollkragenpullis. «Mein Job ist es, nicht einfach zu den Leuten zu sein. Mein Job ist es, sie besser zu machen.»

Jobs setzte auf sein höchst persönliches Management by Achterbahn. Wer gestern für ihn ein Held war, konnte heute in seinen Augen ein «bozo» sein, ein Volltrottel, was Apple-intern der «hero-shithead-rollercoaster» genannt wird.

Pathologischer Perfektionismus

«Wer sich dem Anführer nicht unterordnen mag, ist schnell draussen, der Rest der Mannschaft bleibt meist lange an Bord», erklärt Dozent Konstantin Korotov von der Berliner Managementschule EMST das Phänomen. Man wolle sein Idol ja nicht enttäuschen. Und Entscheidungen des Anführers würden meist ohne langes Zögern umgesetzt.

Im Laufe der vergangenen 100 Jahre hat sich die Managementphilosophie von der Versklavung und Ausbeutung der Mitarbeitenden gewandelt hin zu Eigenverantwortung, Motivation und Wertschätzung. «Jobs hat mit diesem Trend gebrochen, mit Taktiken aus der Industriellen Revolution – und es hat funktioniert», sagt der ehemalige Apple-Marketingmitarbeiter John Martellaro vom MacObserver-Blog nicht ohne Bewunderung.

Laut gängiger Lehre erweisen sich «hauruckartige Führungsübungen und Hüftschüsse mehrheitlich als unwirksam, wenn nicht als schädlich» , sagt Paul Senn von der Hochschule Luzern. Umsichtiges Führungshandeln sei unabdingbar, um den Menschen mit ihren Bedürfnissen, Stärken und Schwächen ihre Existenzängste zu nehmen.

Jobs hat exakt auf das Gegenteil gesetzt und reüssiert. Seine eiserne Hand des absoluten Diktators, sein pathologischer Perfektionismus, sein Kontrollwahn, seine Kompromisslosigkeit, verbunden mit Rücksichtslosigkeit und Unhöflichkeit, verbreiteten in weiten Teilen der Belegschaft ein Klima des Schreckens. Unzählige Mitarbeitende hatten Angst, ihn auf dem Campus auch nur zu grüssen. Andere fürchteten sich davor, mit ihm Lift zu fahren und stiegen konsequent Treppen – da man nie sicher sein konnte, ob er einem aus nichtigem Anlass entliess. Einmal soll ihm die falsche Mineralwassermarke hingestellt worden sein – der Versager, der das verbrochen hatte, flog sofort raus.

Trotz seiner Selbstherrlichkeit, Unnahbarkeit und Arroganz gelang es dem charismatischen Jobs wie einem Sektenführer, eine Vielzahl von hörigen Jüngern um sich zu scharen. Entweder man konnte mit seiner Art umgehen oder man zerbrach daran. Genauso wie es unter den Anwendern nur Mac-Gläubige oder Mac-Verächter gibt und nichts dazwischen, gibt es in der Belegschaft auch nur Jobs-Bewunderer oder Jobs-Hasser.

Jobs ist kein Mann des Mittelmasses. Jobs ist ein Visionär. Ein Getriebener, ein Besessener. Mit solchen Ausnahmetalenten auszukommen, ist nicht einfach. Besonders wenn sie Vorgesetzte sind. Die in der Managementliteratur immer wieder geforderte Authentizität der Führungspersönlichkeit ist gerade bei hochgradig komplexen und mitunter gar multiplen Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein und despotischen Zügen nicht einfach auszumachen. Am besten kommt man mit ihnen aus, wenn man sie agieren lässt und ihre Ausrutscher nicht persönlich nimmt. Was sie nicht ertragen können, ist Kritik. Besonders berechtigte.

«Wir machen keine Marktforschung. Wir beschäftigen keine Berater.» Jobs allein weiss am besten, was gut ist für die Kunden, die Anbeter, die Menschheit. Ein absolutes Unding für einen modernen Konzern im globalen Konkurrenzkampf, wie die Literatur lehrt. Doch angesichts der hoffnungsfrohen Erwartungshaltung anlässlich der spärlichen Lancierungen neuer Produkte ist man geneigt, ihm zu glauben. «Manchmal ist es das Beste, seinen Instinkten zu folgen und zu glauben, man tue das Richtige. Paralysis by analysis – Analysieren bis zur Lähmung – ist die Ursache dafür, dass viele Organisationen schlecht laufen», analysiert das Marketinggenie Jobs lakonisch.

Seine Arbeitsorganisation

Apple ist in den letzten Jahren stark gewachsen und beschäftigt nun gegen 50000 Mitarbeiter. Ein relativ grosser Betrieb, der normalerweise auch eine entsprechende Hierarchie benötigt. Doch Hierarchie heisst immer auch Intransparenz, lange Entscheidungswege und Unkontrollierbarkeit. Das sind alles Dinge, die Jobs hasst. «Ich muss so arbeiten können, dass ich alles anfassen kann», wird Jobs von seinem Ex-Co-Chef John Sculley zitiert.

Sein Mac-Team umfasste deshalb maximal 100 Leute aufs Mal, die jeder für sich ihren Teil zu einem neuen Produkt, einer neuen Idee einbrachten. «Es ist wie in einem Künstleratelier, und Steve ist der Meister, der herumspaziert und die Arbeiten begutachtet und seine Urteile darüber abgibt, und in vielen Fällen lehnt er die Arbeit ab», schildert Sculley in seinem Buch «On Steve Jobs».

Jobs hat das Neinsagen perfektioniert und so Mitarbeiter immer und immer wieder vor den Kopf gestossen und blossgestellt. Dennoch schaffte er es während Jahrzehnten ausnahmslos, sich mit den fähigsten Leuten zu umgeben. John Sculley sagt über Jobs Mitarbeiterrekrutierung: «Er suchte sich immer die allerbesten Leute aus, die er überhaupt finden konnte. Diese Aufgabe delegierte er nie.»

«Es bedeutet, die Nadeln im Heuhaufen finden. Wir verbringen viel Zeit damit. Ich habe in meinem Leben an der Anstellung von über 5000 Leuten mitgewirkt. Ich nehme das sehr ernst», sagt Jobs selber. Am Ende basierten die Anstellungen auf seinem höchsteigenen Bauchgefühl und nicht auf irgendwelchen vorformulierten Kriterienkatalogen, wie sie in zahllosen Personalabteilungen aufliegen. «Ich frage jeden: Warum sind Sie hier? Die Antworten sind nicht das, was ich suche. Es sind die Aussagen auf der Metaebene.»

Und Jobs fordert alles von seinen Leuten. Absolute Hingabe, Leidenschaft, Liebe. «Das wirkliche Kriterium für mich ist die Frage: Verlieben sie sich in Apple? Denn wenn sie sich in Apple verlieben, kommt alles Weitere von selbst. Dann werden sie alles tun wollen, was gut ist für Apple, nicht für sie selber.»

Gegen aussen gab sich Jobs demonstrativ teamorientiert. Tatsächlich stahl er seinem Team stets die Show. Ein solch rüppelhaftes Verhalten ist für die Glaubwürdigkeit eines Chefs normalerweise Gift. So hat zum Beispiel der britische Designer Jonathan Ive den iMac entwickelt und das Aussehen von iBook, iPod, iPhone und iPad massgeblich geprägt. Doch niemand kennt Ive, alle sprechen nur von Jobs. «Die Gelegenheit, sich im Abglanz des Ruhmes des Anführers zu sonnen, bildet einen Teil der Vergütung», sagt dazu Korotov von der Berliner Managementschule EMST.

Sein Umgang mit Krisen

Auch angesichts unternehmerischer oder konjunktureller Krisen gab sich Jobs souverän: «Apple hat bewiesen, dass Versagen zu Erfolg führen kann. Vielen Unternehmen fehlt Innovation, weil sie Versagen fürchten.» Mitten in einer Krise wisse man nicht, ob man es schaffen werde. «Aber wir haben es immer geschafft, und daher haben wir ein bestimmtes Mass an Vertrauen. Der Schlüssel ist, dass wir nicht alle zur selben Zeit verängstigt sind. Und wir legen unser Herz und unsere Seele in all das.» Eine ziemlich undogmatische Art von Risikomanagement für einen Multi-Milliarden-Konzern.

Steve Jobs hat zeit seines Lebens sämtliche Management- und Personalführungstheorien erfolgreich ad absurdum geführt. Nur jetzt, zum Schluss, tut er, was manche erfolgreiche Führungspersönlichkeiten verpassen. Er regelt seine eigene Nachfolge. Freilich findet selbst das nicht uneingeschränkte Zustimmung bei den Gelehrten.

David B. Yoffie, Professor an der Harvard Business School, sagt es so: «In vielen Gebieten ist Steve unersetzlich.» Yoffie ist überzeugt, dass es mehrere Personen brauchen wird, um Steve Jobs’ grosse Schuhe zu füllen.