Er galt als sensibel und überkorrekt. Doch er führte ein Doppelleben. Nachdem der langjährige Chef von Ricola seine Veruntreuung vor dem Verwaltungsrat zugegeben hatte, warf er sich vor einen Zug. Die dicke Haut habe ihm gefehlt, um die Interventionen der Besitzerfamilie auszuhalten, sagen Bekannte rückblickend. Er sei überfordert gewesen, mutmassen andere.

Führungskräfte stehen heute unter höherem Druck denn je. Durch die Globalisierung ist das Geschäftsleben zur Rund-um-die-Uhr-Aufgabe geworden. «Die Taktrate der Veränderungen um uns herum steigert sich stetig und verlangt immer schnellere Entscheide», sagt Charles Donkor, Partner der PricewaterhouseCoopers und Experte in Personalfragen. Gemessen würden Chefs an ihrer Fähigkeit, in kurzer Zeit überzeugende Resultate vorzuweisen, sagt auch André Pahud, Unternehmensberater in Buchs SG. Davon hänge ihre berufliche Zukunft wie auch ihr Selbstwertgefühl ab.

Knallharte Entscheide gefordert

Suizide von Führungskräften sind deshalb keine Seltenheit. Die Bank Julius Bär beispielsweise verlor vor drei Jahren auf diese Weise ihren Konzernchef. Im Januar 2010 nahm sich der Sicherheitschef des WEF und Bündner Polizeikommandant das Leben. Ihre Entscheide alleine auf die Belastung in ihrem Job zurückzuführen, wäre zwar vermessen. «Ein Suizid ist meist das Resultat von verschiedenen Ursachen. Die berufliche Belastung kann eine sein. Häufig ist sie aber gekoppelt mit gesundheitlichen, physischen und psychischen Schwächen, zwischenmenschlichen Problemen», so Donkor.

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Das hyperkompetitive Umfeld auf Teppichetagen führt aber zweifelsohne zu immensem Druck auf die Entscheidungsträger. «Die Wirtschaft fordert offenbar knallharte Führungskräfte, nur sie kommen in diesem System weiter», sagt ein Manager. Hinter der perfekten Fassade können sich Ängste verbergen. «Als Chef muss ich eine Autorität sein. Ja, das ist eine meiner Hauptängste», sagte ein Manager zu Marco Todesco, dem Präsidenten der Angst- und Panikhilfe Schweiz. Verdrängte Ängste kehrten aber mit doppelter Wucht zurück; die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit birgt Sprengkraft.

Hinzu kommt die Einsamkeit an der Spitze. «Wer das nicht will, soll nicht Chef werden», sagt Donkor. Berater Pahud ist überzeugt, dass Einsamkeit und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, Führungskräfte gefährden können. Zwar würden sich manche Führungskräfte nicht als einsam beschreiben, sie unterlägen jedoch einem fatalen Trugschluss. Denn der geschäftliche Austausch mit Mitarbeitenden sei keinesfalls gleichzusetzen mit wertschätzender Begleitung durch eine Vertrauensperson. Wenn diese fehle, steige die Gefahr der Vereinsamung exponentiell. «Und einsame Chefs treffen schlecht nachvollziehbare Entscheidungen», sagt Pahud. Daher sei es im Sinn jedes Unternehmens, der Führungskraft besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Zudem wirkten sich Demütigung, Überforderung und Überlastung stark negativ auf die emotionale Befindlichkeit aus. Pahud: «In der Folge zieht sich der Manager tendenziell zurück und grenzt sein Umfeld sukzessive aus.» Könne er sich in persönlich belastenden Situationen nicht auf ein stabiles, vertrauensvolles und partnerschaftliches soziales Umfeld verlassen, steige die Suizidgefährdung erheblich an, so der Experte.

Wer mit derartigen Situationen erfolgreich umgehen wolle, müsse gut geerdet sein, merkt auch Personalexperte Donkor an. «Dazu gehört, sich im Klaren zu sein, wo man stark ist und wo man Hilfe braucht.» Dies aber ist genau der Knackpunkt. Denn noch immer fällt es vor allem Männern schwer, sich selbst und anderen ihre Bedürftigkeit einzugestehen. Sie befürchten, dass es ihnen als Schwäche ausgelegt wird, wenn sie ihre Empfindungen thematisieren. «Zudem sind dann oft auch die Kollegen überfordert», räumt Donkor ein. Männer seien auch oft so gepolt, dass sie ein Problem erst für sich sortieren wollen, bevor sie es besprechen; bei Frauen geschehe das Strukturieren des Problems durch das Gespräch selbst.

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Nicht ohne meinen Coach

Auch Pahud hat die Erfahrung gemacht, dass Manager selbst in extremen Situationen sich nicht wirklich helfen lassen wollen. «Sie sind schlichtweg nicht gewohnt, andere um Unterstützung zu bitten. Oder sie vermeiden bewusst alles, was Rückschlüsse auf etwaige Unzulänglichkeiten erlauben würde», sagt der Berater. Das Umfeld sehe dies jedoch anders: «Wer implizit oder explizit eingesteht, dass er nicht alles wissen kann oder zu leisten in der Lage ist, gilt paradoxerweise als glaubwürdiger», so Pahud.

Donkor empfiehlt Führungskräften einen kleinen Kreis von Vertrauten. «Diese Vertrauten gilt es aktiv und konsequent zu pflegen und genauso zu priorisieren wie eine Verwaltungsratssitzung.» Mit ihnen solle eine offene, ehrliche Kommunikation auf gleicher Augenhöhe gepflegt werden. «Unter echten Freunden und in der Familie gibt es keine Chefs», sagt Donkor. Wer im Privaten die Chefmütze ablegen könne, finde Unterstützung. «Dort kann man wieder Kraft tanken für die etwas einsameren Stunden im Corner Office.»

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Noch dürften solche engen Freundschaften bei Männern nicht die Regel sein. Umso mehr betont der Personalexperte die Bedeutung von persönlichen Coaches. «Es ist immer akzeptierter auf der Teppichetage, dass sich Führungskräfte einen Coach nehmen», sagt Donkor. Kein Spitzensportler wolle und könne über lange Strecken ohne Coach sein.

Es sei aber wichtig, dass man sich den richtigen Coach aussuche, denn es gebe heute eine Heerschar von Anbietern. Professionelles Coaching sieht Donkor als anspruchsvolle, analytische und sensitive Aufgabe, zu der Lebenserfahrung, psychologisches Wissen und idealerweise auch Unternehmenserfahrung gehören. «Viele Führungskräfte sind nicht mehr gewohnt, dass ihnen jemand ungeschminkt die Wahrheit sagt», merkt Donkor an. Das brauche Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen, aber auch Standfestigkeit. Ein solcher Coach wird laut Berater Pahud den Manager daran erinnern, was letztlich zählt: Die persönliche Gesundheit und die gelebte Fähigkeit, zu seinen persönlichen Werten zu stehen.

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Prävention: Freunde und ein Profi-Berater

Freundschaften «Männlichen Führungskräften fehlen stabile und vertrauensvolle Beziehungen zu echten Freunden», sagt Unternehmensberater André Pahud. «Wirkliche Freunde sind rar; alle anderen sind Kollegen, Vereins-, Partei- oder Geschäftsfreunde.» Freunde seien nicht neutral, die Männerfreundschaft sei oft zu wertvoll, als dass man sie durch kritische Äusserungen in Frage stellen wolle. Ein Hinweis mit kritischen Untertönen sei noch weit von einer effektiv kritischen Haltung entfernt.

Coaches Eine wertschätzende Haltung und Begleitung vonseiten des Verwaltungsrats, der Lebenspartner, Kinder und Freunde ist primär vorbeugend. Ein externer Coach sollte wirtschaftlich und sozial unabhängig und dem Manager menschlich und punkto Erfahrung ebenbürtig sein. Ein reifer Coach kann Unangenehmes ansprechen, schwierige Situationen offen besprechen und potenzielle Änderungen vorausdenken.

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