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Jobmarkt
Unpopuläre Inserate: Diese Jobs will niemand

Ein Grossteil der Suche nach Jobs spielt sich online ab. zvg

Auf welche Inserate besonders häufig oder praktisch nie geklickt wird, hat eine Studie auf den grossen Schweizer Stellenportalen untersucht. Die Resultate erlauben Rückschlüsse über den Arbeitsmarkt.

Von Stefan Mair
am 08.02.2017

Täglich werden Hunderte neue Inse­rate auf Schweizer Jobsites hochgeladen, die auf Hunderttausende Schweizer Stellensuchende treffen. Wie oft aber werden Inserate einzelner Branchen genau an­geklickt? Wie ist das Verhältnis zwischen ausgeschriebenen Inseraten und der Klickrate in einzelnen Branchen und Sprachregionen?

Jobcloud, die einige der dominantesten Portale (Jobs.ch, Jobup.ch) auf dem Schweizer Stellenmarkt betreibt, hat in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) genau das analysiert. In einer Studie wurde ausgewertet, welches In­serat welche Klickrate hat. Ausgewertet ­wurden 30'000 Inserate und die Verteilung von mehr als 30 Millionen Klicks von Job­suchenden.

Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage

Dieses Klickverhalten gibt einen inte­ressanten Einblick in den Schweizer Arbeitsmarkt, vor allem in jene Teile, bei ­denen Angebot und Nachfrage nicht zusammenpassen. Bei den Berufsgruppen zeigen sich markante Unterschiede zwischen Inserate- und Klickanteil in der Deutsch- und der Westschweiz. In der Deutschschweiz werden am meisten Stellen in der Berufsgruppe Informatik/Telekommunikation ausgeschrieben, die aber verhältnismässig wenig angeklickt werden.

Das ist ein klarer Beleg für den immer wieder beklagten Fachkräftemangel in diesem Feld. Auch im Bereich Bau und ­Ingenieurwesen und im medizinischen und im Pflegesektor wird ein deutliches Ungleichgewicht zwischen ausgeschriebenen Stellen und Nachfrage der Job­suchenden deutlich. Jene Absolventen oder Berufserfahrene, die in diesem Bereich Arbeit suchen, können sich ihre ­Stelle durch das starke Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage aussuchen.

Eklatanter Fachkräftemangel

In der Deutsch- wie in der Westschweiz werden hingegen Inserate aus dem Bereich Sekretariat, Administration und Personalarbeit angeklickt wie wild. Hier befinden sich besonders viele Personen auf dem Arbeitsmarkt und treffen auf ein knapperes Angebot.

Besonders eklatant ist der Fachkräftemangel in der Westschweiz auch im Bereich Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Produktion. Hier werden die Inse­rate vergleichsweise sehr wenig geklickt. Im Bereich HR und Administration werden hinegegen viele Stellen ausgeschrieben, aber auch von weitaus am meisten Jobsuchenden angeschaut.

«Eine spannende Erkenntnis der Studie ist, dass die Jobsuche und das Klickverhalten von Arbeitssuchenden nicht zwingend mit der Arbeitslosenquote ­korrespondiert. Im Bildungsbereich beispielsweise, der kaum von Arbeits­losigkeit betroffen ist, sind offene Stellen sehr gefragt und erhalten eine hohe Aufmerksamkeit.», erläutert Nicoline Scheidegger von der ZHAW.

Romands suchen nach Beamtenjobs

Interessant ist auch, dass in der Deutschschweiz die Konsum- und Luxusgüterindustrie eine hohe Aufmerksamkeit von Jobsuchenden geniesst, neben den klassisch gefragten Branchen Detail- und Grosshandel sowie Bildungswesen. In der Westschweiz gibt es zudem ein besonders akzentuiertes Interesse der Jobsuchenden an Stellen in der öffentlichen Verwaltung, also an Stellen bei Bund und Kantonen. Temporäranstellungen sind auf dem Schweizer Jobmarkt unüblich und auch sehr unpopulär, wie die Daten zeigen.

Die meisten Jobs werden als Festanstellung ausgeschrieben. In etwa 23 Prozent der ­Inserate werden Temporärstellen ange­boten. Zum Vergleich: In der Schweiz hat jeder achte Arbeitnehmende, sprich haben 13,6 Prozent eine befristete Stelle. Im untersuchten Zeitraum wurden also mehr befristete Stellen ausgeschrieben, als verhältnismässig angeklickt wurden, was auf eine gewisse Vorsicht und Unsicherheit der Unternehmen schliessen lassen könnte, wie die Studienautoren schreiben.

Teilzeitstellen unbeliebt

Auch der Forderung nach mehr Teilzeitstellen auf Führungsebene, die von ­Experten immer wieder vorgebracht wird, verpasst die Analyse der Ausschreibungs- und Klickdaten eine kalte Dusche. 87 Prozent der Stellen als Führungskraft sind als Vollzeitstellen annonciert. Offenbar ist die Einstellung immer noch verbreitet, dass eine Führungskraft unbedingt die volle Arbeitswoche schuldet, um erfolgreich sein zu können.

Ernüchternd ist auch der Befund, ­wonach die Jobsuchprofile von Männern durchschnittlich viel häufiger angeklickt werden als jene von Frauen. Bei Männern sind es im Durchschnitt 31 Klicks pro Profil und bei Frauen nur 16. Den Grund für diese Ungleichheit nennt die Studie nicht. Ob sich Männer auf den Jobportalen ­besser verkaufen oder ob Recruiter eine Geschlechterpräferenz bei ihrer Arbeitskraftsuche haben, ist weiteren Interpretationen überlassen.

«Anders als bei Umfragen, die immer einer gewissen Unschärfe unterliegen, basieren unsere Daten auf dem tatsächlichen Verhalten, welches wir auf unseren Portalen Jobs.ch und Job­up.ch beobachten konnten», erklärt Job­cloud-Chef Renato Profico. In dieser Verhaltensstudie werde der direkte Vergleich zwischen inserierten Stellen und Klicks von Jobsuchenden ermöglicht. Und dieser Vergleich bestätigt einige Klischees, etwa die Liebe der Romands zum öffentlichen Dienst, oder lange Bekanntes, wie den eklatanten IT-Fachkräftemangel in der Deutschschweiz.

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