Aufgewachsen bin ich im Paradies.» Eine Antwort wie die bekommt man nicht alle Tage. Will Roland Ledergerber einen auf den Arm nehmen? «Nein, nichts läge mir ferner. Der kleine Weiler, in dem ich in meiner Jugend zuhause war, heisst so. Ein ehemaliges Kloster, drei Bauernhöfe, ein Pfarrhaus und ein paar wenige Bauten – mehr gibt es da nicht.» Sein erstes Sackgeld verdiente er sich als Ausläufer für das elterliche Geschäft, er spielte aber auch stundenlang Fussball.

Ledergerber war es «gar nicht drum», eine akademische Laufbahn einzuschlagen. «Ich wollte eigentlich eine KV-Lehre absolvieren. Aber der Lehrer und meine Eltern sahen das anders.» Mit einer Matura am Wirtschaftsgymnasium in Frauenfeld war der erste Nagel für seine berufliche Laufbahn eingeschlagen, mit der Promotion an der HSG der zweite. Dass er als Vertiefungsrichtung Finanz- und Rechnungswesen wählte, schliesst sich nahtlos an das an, was er als Grundausstattung in seinen «Business-Rucksack» packte.

Freundin, Köchin, Frau

An die Studentenzeit erinnert er sich gerne zurück; damals gab es noch keinen Bologna-Stress, und Zeit zum Festen sei auch geblieben. Ledergerber lebte zunächst in einer WG, zog dann mit seinem Schulschatz zusammen, den er nach Abschluss des Studiums 1987 auch heiratete. «Dieses Detail ist deshalb erwähnenswert, weil meine Kommilitonen die Annehmlichkeiten eines geordneten Haushaltes und währschafte Mahlzeiten genossen und oft vorbeischauten», blendet er in jene Zeit zurück.

Anzeige

Aus ihr hat er viele gute Freunde, mit denen er heute noch in Kontakt ist – etwa VZ-Gründer Matthias Reinhart oder Roland Iff, CFO von Geberit. Auch Professoren wie Franz Jaeger, Controlling-Altmeister Hans Siegwart oder der begabte Didaktiker Rolf Dubs gehören für ihn zum unabdingbaren «Lehrblätz» von damals. Jaeger animierte zum Debattieren, Siegwart zum beinharten Analysieren der Zahlen und Dubs zum klaren Kommunizieren.

Mit Frau und Kind nach London

Seine erste Stelle trat er als Controller bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) an. Die Frage, ob er heute nicht heilfroh sei, später zur St.Galler Kantonalbank gewechselt zu haben, vermag ihm nicht einmal ein Lächeln zu entlocken. Im Gegenteil. Ledergerber sagt nur: «Schadenfreude wäre fehl am Platz. Kommt hinzu, dass, was jetzt abläuft, der Branche als Ganzes abträglich ist.»

Viel lieber spricht er über seinen ersten Auslandaufenthalt. Die Bank schickte ihn für drei Jahre nach London. «Mit meinem Schulenglisch hatte ich einen harten Start», sagt er lachend. Man habe ihn zwar wohlwollend aufgenommen, aber zu behaupten, der junge Schweizer sei mit offenen Armen empfangen worden, wäre wohl übertrieben – «ja, ich musste mich ganz schön behaupten».

Dass ihm seine Frau mit dem erstgeborenen, gerade einmal sechs Monate alten Buben ohne mit der Wimper zu zucken mitten in diese Weltstadt folgte, war auch damals durchaus nicht selbstverständlich.

Die Erfahrungen in der Londoner Bankenwelt bezeichnet er als faszinierend. Es war einfach alles ein paar Schuhnummern grösser. Zum Glück war der junge Controller sattelfest in seinem Metier, was in dieser Finanzgemeinde einen besonders hohen Stellenwert hat.

Eine kleine Episode aus dieser Zeit zeigt, dass der sonst eher sachlich und distanziert wirkende neue CEO der St.Galler Kantonalbank auch eine weiche Seite hat. «Zum Mittagessen blieb nie viel Zeit. Ich ging meistens zum Italiener um die Ecke und kaufte mein Lieblings-Sandwich ‹Baguette, Parma Ham, no Butter›. Als ich später wieder einmal nach London kam, um einen Vertrag zu unterzeichnen, stand ich in der Reihe, wie es dort üblich ist. Als ich dran war, schaute mir der Mann ins Gesicht und sagte nur ‹Baguette, Parma Ham, no Butter›. Wir mussten beide laut lachen und ich war gerührt.»

Das «without butter» scheint heute noch zu gelten. Ledergerber ist gertenschlank und weit entfernt von dem, was man sich unter einem Metzgerssohn vorstellt. «Ich stehe täglich um fünf Uhr auf und jogge einige Kilometer», lautet sein Rezept.

Andere Kulturen akzeptieren

Heute steht Ledergerber vor grossen Aufgaben. Es gilt, die im Dezember letzten Jahres übernommene Anglo Irish Bank, die inzwischen Hyposwiss heisst, zu integrieren. Diese Übernahme wird in Analystenkreisen als Signal dafür gewertet, dass sich «die internationalste unter den kotierten Kantonalbanken noch weiter über den Tellerrand hinauslehnt». Darauf deutet auch die Expansion in Deutschland hin, wo auf das 1. Quartal 2009 in München eine Tochterbank für das Onshore-Geschäft gegründet wird.

Bei der Übernahme der Anglo Irish Bank in Genf wurde ein kleines Fest gefeiert. «Mir fiel auf, dass es der eine oder die andere mit der angesagten Uhrzeit nicht so ernst nahmen und zu spät kamen. Das hat mich nicht geärgert, ich habe es einfach zur Kenntnis genommen und gedacht, dass das Teil einer anderen Kultur ist.»

Ähnlich wird es ihm auch in Deutschland ergehen. «Ich finde die Verschiedenartigkeit von Kulturen spannend», sagt er. Man hat das Gefühl, er würde andere Länder und andere Sitten nicht kritisieren, sondern versuchen, neben seinem Wertekanon zu akzeptieren. «Ich gehöre nicht zu denen, die alles umkrempeln wollen; am wichtigsten ist mir, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stolz darauf sein können, zu unserem Team zu gehören», sagte er damals in einem seiner ersten Interviews.

Nicht aus dem Hut gezaubert

Dass Peter Gomez nach seinem Amtsantritt als VR-Präsident der Swiss Financial Market Services ein Auge auf Ledergerbers Vorgänger Urs Rüegsegger geworfen hatte und ihn ebenfalls zur SMX holen wollte, wurde zwar schon bald nach der Wahl des ehemaligen HSG-Rektors in diese Institution bekannt. Aber die Ankündigung, dass Rüegsegger dem Ruf nach Zürich so schnell folgen werde, kam dann doch überraschend. Zumal er gerade die Bank in Riesenschritten vorwärts gebracht hatte.

Dass Roland Ledergerber umgehend als neuer CEO der St.Galler Kantonalbank gekürt wurde, haben Bankenkreise als Zeichen dafür gewertet, dass er nicht einfach aus dem Hut gezaubert wurde, sondern schon vorher im Visier einer geordneten Nachfolgeregelung war.

Zur St.Galler Kantonalbank ist er nach der Fusion von SBG und SBV zur heutigen UBS gekommen. Guido Sutter, ein Freund aus der SBG-Zeit, hat ihn in die Ostschweiz gelockt, wo er zunächst als dessen Stellvertreter für das Firmenkundengeschäft zuständig war und im Jahre 2002 schliesslich als dessen Nachfolger in die Geschäftsleitung befördert wurde.

Eine sehr interessierte Tochter

Anfänglich pendelte er zwischen Schaffhausen und St.Gallen, doch spätestens mit der Beförderung in die Geschäftsleitung war für ihn und die Familie klar, dass die Zukunft in St. Gallen liegen würde. So wohnen die Ledergerbers mit ihren drei Kindern nun schon seit bald sechs Jahren in St.Gallen-Rotmonten – im Quartier, in dem die HSG liegt. Von den drei Kindern, zwei Buben und ein Mädchen, scheint sich die jüngste – sie heisst Lisa – besonders für den Beruf ihres Vaters zu interessieren. «Sie verpasst keinen Tochter-Vater-Tag», versichert Roland Ledergerber.

Dann schaut Ledergerber auf die Uhr: «Ein Einstellungsgespräch», entschuldigt er sich. – Weitere Stabsübergaben stehen in der St.Galler Kantonalbank offenbar an.