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Notfallplanung
Chef weg: Wie KMU den GAU verhindern

Klumpenrisiko Patron: wenn er ausfällt, geht im Kleinunternehmen oft gar nichts mehr. Bruno Muff

Wenn der Chef ausfällt, ist das Überleben des ganzen Unternehmens gefährdet. Doch wenige Firmen sind sich der Konsequenzen bewusst. Versicherer möchten sie nun besser auf den Worst Case vorbereiten.

Von Marco Brunner
am 02.10.2017

Als Swiss-Life-CEO Patrick Frost im März aufgrund seiner Krebserkrankung eine Auszeit von mehreren Monaten nehmen musste, konnte er die Führung des operativen Geschäfts guten Gewissens seinem Finanzchef Thomas Buess überlassen. Der Versicherungskonzern mit 7800 Mitarbeitern lief auch während der Abwesenheit des CEO rund. Und bei seiner Rückkehr Mitte August konnte Frost sogar noch erfreuliche Halbjahreszahlen präsentieren.

Doch was für einen Konzernchef funktioniert, ist für den Patron eines KMU schwieriger umzusetzen. Einen plötzlichen Ausfall des Chefs können Kleinbetriebe mit maximal vierzig Angestellten nur sehr schwer verkraften, geschweige denn kompensieren. Für viele KMU ist es der Super-GAU schlechthin. Denn in den meisten Fällen ist der Patron die erste Ansprechperson für Kunden, Lieferanten, Angestellte und Behörden. Oft ist er Eigentümer, Chef und Angestellter in Personalunion. Nur er kennt den aktuellen Auftragsbestand. Nur er verwaltet die Passwörter für die Zugänge zum Onlinebanking. Nur er hat die Gesamtsicht. Seine Abwesenheit kann für eine Firma sehr schnell existenzbedrohend sein.

Notfallplan und Krisenmanager

Im Klumpenrisiko kranker Patron wittern Versicherer nun das grosse Geschäft. So möchte etwa die Zurich mit einer Unternehmerversicherung den Schweizer KMU-Chefs die Möglichkeit geben, sich im Voraus abzusichern. Das Risiko eines Ausfalls des Patrons ist erheblich. Bis zu 15 Prozent der Schweizer zwischen 40 und 69 Jahren sind gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik aus 2015 mindestens einmal während mehr als dreissig Tagen in stationärer Behandlung und darum arbeitsunfähig. Doch die Zurich schätzt, dass nur wenige der rund 577'000 KMU in der Schweiz auf eine solche Notsituation vorbereitet sind. «Es ist wie mit der Patientenverfügung. Man ist sich zwar bewusst, dass man diese Angelegenheit eigentlich regeln sollte, doch kümmert man sich nicht rechtzeitig darum», sagt Michael Stutz, KMU-Experte und Projektleiter bei der Zurich.

Die Versicherung bietet den Patrons neben einer Kapitalleistung im Schadenfall eine webbasierte Plattform, auf der die Unternehmer im Detail einen Notfallplan festlegen können. Bei Bedarf können sie dabei auf Unterstützung eines KMU-Experten der Versicherung zurückgreifen. Punkte wie die Ernennung eines Stellvertreters, Vorkehrungen zur Erhaltung des Geschäftsbetriebs, Ansprechpartner oder Passwörter werden so bereits von vornherein geregelt. «Auf diese Checkliste hat der Chef jederzeit Zugriff und er kann so genau definieren, wer was macht, sollte der Worst Case effektiv eintreten», sagt Stutz. Kommt es zum Ernstfall, so stehen die Zurich-Experten den Stellvertretern zudem als Coaches zur Seite.

Wirtschaft befürchtet Milliardenschäden

Doch haben die Patrons auch wirklich ein Bedürfnis nach mehr Risikoprävention? Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) hat bereits vor sieben Jahren bei seinen Mitgliedern nachgefragt. Wegen eines Vulkanausbruchs auf Island wurde damals der Luftverkehr in ganz Europa stark beeinträchtigt. Die Wirtschaft befürchtete Milliardenschäden, nicht zuletzt wegen Mitarbeitern oder sogar Chefs, die nicht mehr in die Schweiz zurückreisen konnten. Wie die SGV-Umfrage ergab, hatte damals die Mehrheit der Schweizer KMU kein Notfallmanagement und nur wenige holten sich externe Hilfe, zum Beispiel bei Interimsmanagern.

Heutzutage würden die Ergebnisse solch einer Umfrage wohl kaum anders aussehen. Laut SGV setzen Betriebe mit bis maximal neun Mitarbeiter auf die Polyvalenz des Teams. So könne man die Absenz des Chefs eine gewisse Zeit lang kompensieren. Doch bereits ab zwei Wochen werde es schwierig. Der Patron fehle vor allem bei der Kundenakquise.

Vom Tagesgeschäft absorbiert

Allerdings beschäftigen sich gemäss SGV auch weiterhin die wenigsten KMU mit konkreten Notfallszenarien. «Kleine Betriebe setzen sich praktisch nie mit Prozessen auseinander. Vielen ist nicht einmal die eigene Kostenstruktur bekannt. Das wundert nicht, sind sie doch voll vom Verkauf und Tagesgeschäft absorbiert», erklärt Henrique Schneider, Stellvertretender Direktor beim SGV. Für Firmen mit einer Belegschaft ab zehn Personen gebe es vereinzelt wohl ein Bedürfnis nach mehr Planungssicherheit.

Doch 88 Prozent der Schweizer Unternehmen sind Mikrobetriebe. «Für viele ist die Lösung der Nachfolgeregelung prioritär und bleibt wohl die grössere Herausforderung», sagt Schneider. Zurich-Projektleiter Michael Stutz ist indessen überzeugt, dass ein präventiver Notfallplan die KMU-Verantwortlichen für die Problematik sensibilisieren kann: «Unser Angebot ist ähnlich wie ein Assessment. Der Unternehmer soll sich fragen: Wie gut oder schlecht bin ich selber eigentlich aufgestellt?»

Zurich ist Vorreiter

Die Zurich ist in diesem Bereich derzeit der einzige Versicherer mit einer allumfassenden Notfalllösung für KMU im Schweizer Markt. Laut Auskunft der Konkurrenten Mobiliar, Allianz und Helvetia sind bei ihnen neben den gängigen Angeboten (Krankentaggeld- und Unvallversicherung) momentan keine ähnlichen Produkte in der Pipeline. Die Vaudoise verweist auf ihre Kooperation mit dem Lausanner Krisenmanager ICP. Eine Online-Plattform mit Checkliste gibt es bei den Westschweizern aber nicht.

Und die Axa hat ihre Versicherung für den Ausfall des Unternehmers wegen zu geringer Nachfrage wieder eingestellt. Gute Kenner der KMU-Szene wären eigentlich die Treuhänder. Neben den Risikoanalysten aus der Versicherungsbranche kennen sie die Situation der KMU am besten. Beim Branchenverband Treuhandsuisse ist man sich der Thematik denn auch bewusst. Laut Geschäftsführerin Vanessa Jenni zieht der Verband in Erwägung, selber auch eine Notfall-Checkliste auszuarbeiten.

Kampf um lukrative KMU-Klientel

Die Zurich prescht also vor und versucht mit den All-Risk-Produkten gezielt Kleinbetriebe längerfristig an sich zu binden. Die Online-Plattform zur Hinterlegung des Notfallplans ist da nur ein Puzzleteil einer grösseren Offensive, welche bewusst auf KMU abzuzielen scheint. So lancieren die Zürcher gleichzeitig etwa eine neue Cyber-Versicherung mit spezifischem Rechtsschutz und Beratung bei Hackerangriffen für Kleinunternehmen.

Der Kampf um die lukrative KMU-Klientel geht folglich in die nächste Runde. Und die Anbieter bringen sich in Stellung.Vielen KMU bleibt währenddessen der tägliche Überlebenskampf: Starker Franken, offene Rechnungen und die ungelöste Nachfolgeregelung dürften so manchen Selbstständigen und Eigentümern auch künftig schlaflose Nächte bereiten. Mit oder ohne Notfallplan.

CHECKLISTE - Notfallplan, wenn der Chef ausfällt:

Stellvertretung:
Wer kann Tätigkeiten übernehmen, die allein in den Verantwortungsbereich des Unternehmers fallen?

Vollmacht:
Existieren die nötigen Vollmachten, damit der Stellvertreter die Tätigkeiten ausführen kann?

Ansprechpartner:
Wer ist der Ansprechpartner für Kunden, Lieferanten, Behörden und andere Kontakte?

Mündliche Absprachen:
Gibt es mündlich abgesprochene Regelungen mit Kunden und Lieferanten?

Dokumente:
Wo sind die wichtigsten Unterlagen wie Passwörter, Verträge und Belege aufbewahrt?

Löhne:
Wann, wie und von wem werden die Lohnzahlungen ausgelöst?

Tagesgeschäft:
Gibt es betriebsspezifische Regelungen, die für das Tagesgeschäft unabdingbar sind?

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