1. Home
  2. Management
  3. Wie Chefs reagieren müssen, wenn ein Mitarbeiter stirbt

Todesfälle
Wie Chefs reagieren müssen, wenn ein Mitarbeiter stirbt

Trauerbegleiter sollen Firmen in Extremfällen helfen

Wenn Kollegen sterben, brauchen Mitarbeiter Zeit zum Trauern. Gleichzeitig müssen die Geschäfte weiterlaufen. Wie Firmen diesen Spagat schaffen.

Von André Schmidt-Carré
am 08.02.2016

Als bei einem grossen Schwei­zer Mittelständler aus dem Kanton Thurgau vor einem Jahr ein Abteilungsleiter starb, standen die Mitarbeiter unter Schock: Der Tod kam unerwartet, der Chef war an einer schweren Krankheit verstorben, die Ärzte erst kurz zuvor bei ihm diagnostiziert hatten. Der Manager war beliebt, ein Typ Chef, der sich für seine Mitarbeiter einsetzt und ihnen den Rücken freihält. «Die Trauer war gross, das Team war vorübergehend weitgehend arbeitsunfähig», sagt André Böhning, Trauerbegleiter und Coach aus Konstanz. «In solchen Situa­tionen ist es normal, dass nichts normal ist.»

Für Unternehmen ist es dann wichtig, den richtigen Mittelweg zwischen Trauerarbeit und Weitermachen zu finden, weiss der Trauerbegleiter. Unternehmen engagieren ihn, wenn Mitarbeiter während ihrer aktiven Zeit sterben und der Firmenalltag plötzlich aus den Fugen gerät. Der Experte spürt bei diesen Einsätzen immer wieder: Wenn Kollegen oder Vorgesetzte sterben, hinterlassen sie nicht nur fachlich eine Lücke.

Externe Trauerarbeiter

Niemand befasst sich gerne mit dem Tod, schon gar nicht in Unternehmen, die naturgemäss vor allem aufs Funktionieren ausgerichtet sind. Zudem ist der Tod eines Kollegen zumindest in kleinen und mittelgrossen Unternehmen mit überschaubarem Mitarbeiterkreis eher die Ausnahme als die Regel. «Wenn man andere schwere persönliche Verluste wie den Tod eines Angehörigen hinzurechnet, sieht die Sache aber schon anders aus», sagt Wolfgang Weigert. Der Theologe aus Winterthur schult regelmässig Führungskräfte im Umgang mit Todesfällen, sei es im Unternehmen oder von Angehörigen von Mitarbeitern.

Ausgehend von der Zahl der jährlichen Todesfälle in der Schweiz und der Dauer von Trauerprozessen schätzt er, dass durchschnittlich stets mehr als 10 Prozent aller Mitarbeiter hierzulande trauern. Damit können sie vorübergehend nicht die gewohnte Leistung am Arbeitsplatz bringen. «Für Unternehmen ist es deshalb wichtig, dass sie mit einer solchen Situation richtig umgehen», fordert Weigert.

Reaktion auf den Verlust

Es gilt nicht nur, fachlich zeitnah Ersatz für den Verstorbenen zu finden, sondern mit dem menschlichen Verlust angemessen umzugehen: Kollegen arbeiten schliesslich nicht nur zusammen, oft sind über viele Jahre Freundschaften entstanden. Je besser die zwischenmenschlichen Kontakte, desto grösser ist auch die Trauer in der Belegschaft als Reaktion auf den Verlust. «Aus Sicht des Arbeitgebers hingegen ist die Trauer ganz nüchtern betrachtet zunächst einmal ein Störfall», sagt Weigert. Dennoch sollten Teamleiter und Vorgesetzte der Trauer Raum geben.

«Wenn Mitarbeiter ihre Trauer am Arbeitsplatz leben dürfen, sind sie später zufriedener, langfristig produktiver und loyaler, weil sie sich mehr mit ihrem Unternehmen identifizieren.» Wichtig beim Trauern sind laut Weigert zwei Dinge: Gefühle zeigen und Gefühle mit anderen Menschen teilen, auch wenn das im Arbeitsalltag sonst nicht gerade üblich ist. «Aber das sind elementare Grundbedürfnisse beim Trauern.»

Trauerraum in Firma

Wie genau der richtige Rahmen fürs Trauern aussieht, hängt davon ab, wie stark die Bindung der Mitarbeiter an den Verstorbenen war. Im Falle des beliebten und plötzlich verstorbenen Abteilungsleiters beim Mittelständler aus dem Kanton Thurgau zum Beispiel richtete Trauer­begleiter Böhning in der betroffenen Abteilung einen Trauerraum ein, mit Kondolenzbuch, Kerze sowie einem Foto des verstorbenen Chefs. In einen solchen Trauerraum können sich die Kollegen während der Arbeitszeit zwischendurch für einige Minuten zurückziehen, um Abschied zu nehmen.

Ausserdem trafen sich die Kollegen dort gemeinsam mit Böhning zu Gesprächen, um ihre Erinnerungen an den Verstorbenen auszutauschen. Wenn kein externer Trauerbegleiter engagiert wird, sollten Führungskräfte mit den Kollegen des verstorbenen Mitarbeiters reden und auch die eigene Ohnmacht zum Ausdruck bringen.  «Viele Führungskräfte sind allerdings mit ihrer eigenen Trauer und der ihrer Mitarbeiter überfordert und wollen deshalb schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Das funktioniert so aber nicht», mahnt Böhning.

Innere Kündigung droht

Wichtig ist auch der Kontakt zur Familie des verstorbenen Mitarbeiters. Der Chef sollte klären, wer von den Kollegen zur Beerdigung gehen möchte, und ob die Familie zum Beispiel damit einverstanden ist, wenn er am Grab eine kurze Rede hält. «Die Unsicherheit ist oft gross, was man sagen soll, wie man die richtigen Worte für die Angehörigen findet, die man vorher vielleicht noch nie im Leben gesehen hat», sagt Trauerbegleiter Weigert. Wenn der Chef eine Rede hält, sollte er sich vorab persönliche Worte überlegen, damit er nicht ein mündliches Arbeitszeugnis seines Mitarbeiters abgibt. «Wenn der Vorgesetzte sich über seine Rolle in der Situation nicht im Klaren ist, klingt so eine Rede schnell schief», sagt der Trauer-Coach.        

Ähnlich ist die Lage im Unternehmen, wenn ein Mitarbeiter einen Angehörigen verliert. Das ist zwar zunächst eine private Angelegenheit, die ihn aber unweigerlich auch bei der Arbeit beschäftigt. «Die Trauer kann man nicht zu Hause lassen und auf der Arbeit unterdrücken», sagt die niederländische Expertin für Verlustkommunikation Anne-Marie Vermaat. Für Arbeitgeber stellt sich damit die Frage, wie sie in einem solchen Fall reagieren sollen. Je nach Kanton bekommen Mitarbeiter in der Schweiz meist zwei bis drei Tage frei, wenn ein naher Angehöriger stirbt. «Das reicht bestenfalls, um die Beerdigung zu organisieren, aber nicht, um den Verlust eines nahen Angehörigen zu bewältigen», sagt Vermaat.

Anteilnahme demonstrieren

Oft dauert es viele Wochen oder sogar Monate, bis ein trauernder Mitarbeiter wieder voll einsatzfähig ist. «Der Chef sollte bald nach dem Todesfall das Gespräch suchen, damit man gemeinsam klären kann, wie es weitergeht», rät Vermaat. Etwa, wie lange der Mitarbeiter zu Hause bleibt, wann er wiederkommt. «Man sollte ihm in jedem Fall anbieten, einige Tage daheim zu sein», sagt die Trauerbegleiterin. «Menschen sind in ­einer solchen Situation nur eingeschränkt lebens- und damit auch nur bedingt arbeitsfähig.» Chefs sollten Kontakt zum Mitarbeiter halten, Aufmerksamkeit und Anteilnahme demonstrieren. «Viele Menschen sind froh, wenn sie wieder ­arbeiten können und einen geregelten Tagesablauf haben», sagt Vermaat.

Allerdings sollte man sich so weit wie möglich auf den Mitarbeiter einstellen. Bei mangelnder Anteilnahme seitens des Unternehmens droht eine innere Kündigung des Mitarbeiters. Wer seinem Mitarbeiter hingegen Raum zum Trauern gibt, investiert damit in dessen langfristige Arbeitsfähigkeit. «Wenn der Chef seinen Mitarbeiter persönlich als Mensch schätzt und ihm in einer so schwierigen Zeit beisteht, wirkt sich das mit Sicherheit positiv auf dessen Verhältnis zum Arbeitgeber aus», sagt Vermaat.

Anzeige