Die Jobsuche per Google ist nun auch in der Schweiz angekommen. Nicht nur, dass hiesige Stellenportale ordentlich Konkurrenz bekommen, die Google-Jobsuche will mit einem Tabu brechen. Denn in den Inseraten kann der Lohn durch ein teilnehmendes Stellen-Portal ausgewiesen werden. 

In der Schweiz sind Arbeitgeber bisher eher diskret beim Offenlegen von Löhnen. In manchen Arbeitsverträgen gibt es sogar Verschwiegenheitsklauseln. So sind zwar die Löhne in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten zumindest in börsenkotierten Unternehmen in den vergangenen Jahren transparenter geworden. Denn seit die Schweizer Börse 2002 die «Richtlinie betreffend Informationen zur Corporate Governance» eingeführt hat, sind Unternehmen verpflichtet, die Vergütungen offen zu legen. 

«Interne Salärhygiene»

Aber in anderen Positionen sind transparente Löhne in den meisten Schweizer Unternehmen weiter ein Tabuthema. Nur einzelne Firmen gehen mittlerweile offener mit dem Thema um, vor allem junge Firmen in neuen Branchen wie Startups oder Organisationen im Sozialbereich sowie in der öffentlichen Verwaltung. 

Werden Löhne künftig über Jobportale wie Google offengelegt, so werden auch Mitarbeitende vieler Unternehmen in der Branche genau hinsehen. Diese Transparenz könnte für einige Firmen zum Problem werden, falls sie kein klares und faires Vergütungssystem haben. Die Vergütungsexperten von Kienbaum nennen das «interne Salärhygiene». Wo diese fehlt, dürften die Unternehmen nicht bereit sein, ihre Vergütungspraxis offenzulegen, weil sie negative Reaktionen ihrer Mitarbeitenden befürchten.

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Unternehmen kommen unter Druck

Auf der anderen Seite dürfte mehr Lohntransparenz in Stellenausschreibungen für Unternehmen mit fairem Vergütungssystem sogar attraktiv sein, so die Experten. Neben einem monetären Anreiz können sie sich nämlich als transparenter Arbeitgeber präsentieren.

«Darüber kann sich eine Firma am Arbeitsmarkt gut differenzieren, weil eine hohe Transparenz eher selten gegeben ist, jedoch gerade von jüngeren Generationen zunehmend gewünscht wird», sagt Jörg Scholten von Kienbaum. Mit zunehmender Lohntransparenz werden immer mehr Arbeitgeber für faire und transparente Vergütungssysteme sorgen müssen, um langfristig attraktiv für künftige Mitarbeitende zu sein. 

Die Transparenz steige aber ohnehin, denn Mitarbeitende tauschen sich heute offener über ihre Löhne aus. Auch von dieser Seite kommen Unternehmen also etwas unter Druck, sofern sie keine fairen und klaren Lohnsysteme haben. Allerdings gibt es auch Arbeitgeber, die ihre Angestellten formell oder zumindest inoffiziell daran hindern, den Lohn preiszugeben. Laut einer Studie der Universität Luzern tut dies etwa ein Drittel der Unternehmen in der Schweiz

Der entscheidende Vorteil von Lohntransparenz: Sie gewährleistet gleiche Löhne und verhindert Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Alter oder Herkunft. Allerdings gibt es aus arbeitsrechtlicher Sicht auch eine Einschränkung: Lohntransparenz allein reicht nämlich nicht aus, um die Persönlichkeitsrechte bzw. Datenschutz der Arbeitnehmenden einzuschränken. Wird ein Arbeitgeber jedoch verdächtigt, ungleiche Löhne an seine Mitarbeitenden zu zahlen, darf der Datenschutz nicht vorgeschoben werden.

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Mehr Gerechtigkeit durch Transparenz

Gerade die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sind in der Schweiz teilweise gravierend – Frauen verdienen im Durchschnitt 18 Prozent weniger als Männer. In Grossbritannien etwa müssen grosse Unternehmen die Lohnkluft offen legen: Heraus kam, dass einige Schweizer Firmen ihren dortigen Mitarbeiterinnen über 30 Prozent weniger bezahlen als männlichen Kollegen.

In der Schweiz sollen Lohndiskriminierungen durch das Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann von 1995 zwar verhindert werden. Aber ohne Lohntransparenz ist das Gesetz wenig hilfreich: Eine Arbeitnehmerin kann eine Diskriminierung nämlich nur feststellen, wenn sie weiss, was ihre Kollegen verdienen. 

Mehr Transparenz führt letztlich zu mehr Gerechtigkeit, und zwar unter Mitarbeitenden mit vergleichbaren Funktionen und Qualifikationen, zwischen den Hierarchieebenen sowie zwischen den Geschlechtern.

Eine Frage der Kultur

In anderen Ländern sind transparente Löhne längst Gang und Gäbe: In den USA, Grossbritannien und Australien etwa müssen Unternehmen in Stelleninseraten Löhne oder zumindest Gehaltsspannen nennen.

Was passiert also, wenn sich die Google-Jobsuche in der Schweiz etabliert, die Arbeitgeber ihre bisherige Praxis aber nicht ändern wollen? In den USA können Jobsinserate mit einer aggregierten Lohnschätzung versehen werden. Diese Angabe ist jedoch für die Schweiz bis auf  Weiteres nicht geplant, wie Google Schweiz gegenüber der Handelszeitung mitteilt. 

Schliesslich könnte Google dazu beitragen, ein langes Tabu langsam aufzubrechen und einen Kulturwandel hierzulande herbeizuführen. 

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