«Wir schreiben Zukäufe gleich im ersten Jahr immer ganz ab», sagte Mobiliar-Finanzchef Peter Brawand an der Jahres­medienkonferenz im April in Bern. Damit war denn auch gleich klar, dass die im Sommer 2018 kolpor­tierten 115 Millionen Franken dem ­tatsächlichen Kaufpreis für die ­Buchhaltungssoftwarefirma Bexio entsprochen hatten. Bexio, ausge­stattet mit einem nominellen Aktienkapital von 618 000 Franken, hatte eine eigene Bilanz von 12 Millionen Franken. Es wurden bei der Mobiliar im Geschäftsjahr 2018 111 Millionen Franken Goodwill abgeschrieben, 107 Millionen mehr als noch im ­Vorjahr. Zuzüglich kleinerer Käufe kommt man überschlagsmässig auf genau 115 Millionen Franken.

Aber: Das gesamte Mobiliar-Management schwieg zu diesem Punkt vielsagend an der Jahresmedienkonferenz. Denn das hätte weitere Fragen hervorgerufen. Etwa nach den Kalkulationsgrundlagen für den Case. Die Bexio-Bücher waren in der ersten Jahreshälfte 2018 von einigen weiteren Investoren genau geprüft worden. Unter diesen Investoren machten Preisschätzungen von 25 bis vielleicht 40 Millionen Franken die Runde. Der tatsächlich bezahlte, aber nie im Detail kommunizierte Kaufpreis hatte dann alle überrascht. Was sahen die Mobiliar-Verantwortlichen, was den anderen Investoren bei diesem Kauf entgangen war?

Vielleicht ab 2025 profitabel

Bexio soll gemäss der Mobiliar verwendet werden, um die «starke Position der Mobiliar im KMU-Markt digital auszubauen und ein Ökosystem rund um Dienstleitungen für KMU zu gestalten». Anhand der wenigen bekannten Eckwerte zu den bisherigen Kunden von Bexio – Ende 2017 waren es 15 000 KMU, die einen Jahres­umsatz von etwas über 3 Millionen Franken einbrachten – lässt sich der Business Case selbst anhand der aktuellen Eckwerte (es sind bereits mehr als 20 000 Kunden) und der durchschnittlichen monatlichen Einnahmen zwischen 50 und 200 Franken pro Kunde innert vernünftigen Zeitspannen im Zeitalter der Digitalisierung nicht rechnen. Bevor selbst bei optimistischer langfristiger Betrachtung ein Bexio-Stand-alone-Geschäftsmodell die Investitionen wieder eingespielt hat, werden in der Schweiz die verfügbaren KMU knapp.

Das sieht man auch bei der Mobiliar und verweist darauf, dass die Attraktivität von Bexio im KMU-Bereich bei den zusätzlichen Potenzialen für den Verkauf von weiteren Versicherungsprodukten liegt. Tatsächlich lässt eine solche Betrachtung den Kaufpreis in einem etwas günstigeren Licht erscheinen: Je nach unterstelltem Wachstum und der Gewinnmarge könnte sich ein solcher Kauf Mitte der 2020er Jahre rechnen, was sich wiederum mit den Hinweisen deckt, wonach der Kauf Ausdruck eines «langfristigen Engagements» ist.

Allerdings hängen alle Szenarien, die man durchrechnet, auch davon ab, dass bei den neuen Bexio-Kunden möglichst wenige bestehende Mobiliar-Versicherungskunden dabei sind. Wirtschaftlich rechnerisch attraktiv sind neue KMU-Kunden, wenn sie zunächst Bexio-Kunden werden und dann auf attraktive Versicherungs­angebote einschwenken. Die umgekehrte Variante ist hingegen für den Bexio-Case alleine nicht optimal. Immerhin: Die Mobiliar-Verantwortlichen sehen sich im Vergleich beispielsweise zu Banken in der führenden Rolle bei der Kundenbeziehung mit den KMU. Eine Versicherung habe eine bessere, weil tiefere Kundenbeziehung als Banken.

Und es bleiben weitere Fragezeichen: Hört man sich am Markt um, nutzen etliche Bexio-KMU-Kunden bisher vor allem die Funktionen für den Zahlungsverkehr (teilweise via UBS und neuerdings auch Credit Suisse). Zudem ist der Wechsel von einem Software-Anbieter zu einem anderen auch für KMU sehr aufwändig. Deshalb stellt sich die Frage nach der Wahl einer neuen Firmenbuchhaltung vor allem für Start-ups und sehr junge Firmen. Schliesslich gibt es in diesem Bereich eine zunehmende Konkurrenz durch Firmen wie Abacus, Proffix sowie für mittelgrosse Firmen die ganz grossen Anbieter im Software-Markt wie SAP und Microsoft. Auch diese wissen um die attraktiven stabilen Seiten des KMU-Geschäfts.

Inhouse-Programmierung

Immerhin bleiben die bisher engagierten Banken und weitere Versicherungen wie die Swiss Life auf kommerzieller und strategischer Ebene Bexio treu. Bexio soll Teil eines Ökosystems werden, wobei indes die weiteren Elemente noch nicht ganz sichtbar sind, aber in Umrissen erahnt werden können. Grund dafür ist auch die veraltete IT bei der Mobiliar. Zuverlässige, aber veraltete Systeme, welche die rasche Lancierung neuer und flexibler Angebote erschweren, sollen in den kommenden Jahren abgelöst werden. Im Gegensatz zum Mainstream in der Versicherungsindustrie, der gemächlich Richtung (flexibel anpassbare) Standard-Software geht, vertraut man hier auf die Programmierung im eigenen Haus. Um die Arbeiten zu beschleunigen, wirft man zusätzlich weitere 250 Millionen Franken auf. Davon geht derzeit jeweils fast die Hälfte in die Erneuerung der Nicht-Leben-Systeme. Für das laufende Jahr sind hierfür alleine 82,6 Millionen Franken vorgesehen, fast 20 Millionen mehr als noch 2018. Grösster Engpass bei der Mobiliar sind derzeit weniger die Mittel für die Investitionen als vielmehr die nicht besetzten Informatiker-Stellen und die auch hier knapper werdenden Talente. Aktuell sind 180 Positionen vorwiegend in Bern offen.

Auch das Budget für die sogenannten «Schnellboote» wird dieses Jahr von 5,5 auf 8 Millionen Franken aufgestockt. Mit solchen kleinen, flexiblen Projekten, die man in der zunehmend auf agile Methoden umgestellten eigenen IT-Abteilung (mit)baut, will man weitere Elemente des zukünftigen digitalen Ökosystems aufbauen. Laut Analysten sind Verbindungen zwischen Bexio und den Plattformen der Scout-Gruppe, bei der die Mobiliar die Hälfte der Firmen besitzt, oder zur Kreditvermittlungsplattform Credex, an der die Berner Versicherung einen Viertel besitzt, denkbar und eigentlich zwingend erforderlich. Denn in der sich formierenden idealen Plattformwirtschaft, die gemächlich auch in die Versicherungswirtschaft eindringt, würde durch die Direktanbindung von professionellen Händlern (beispielsweise im Auto- oder Immobilienbereich) via Bexio auf der Ebene der Buchhaltungssoftware, über die Kaufplattformen als Vermittlungsebene und mit Finanzierungsmöglichkeiten über die Kreditvermittlungsplattform eine Art Amazon für ausgesuchte attraktive und volumenstarke Marktsegmente entstehen.

Die Mobiliar würde laut Analysten bei einem solchen freilich vom Management an der Medienkonferenz nicht vorskizzierten Weg möglicherweise 2021 dorthin gelangen, wo Amazon in den USA heute mit der Abdeckung der Services von und für Käufer bzw. Verkäufer, mit ausgewählten Versicherungsleistungen und entsprechenden Finanzierungen bereits aktiv ist. Für den schweizerischen Markt wäre das eine grosse und auch kommerziell attraktive Nummer, zumal hierzulande das «Winner takes it all»-Prinzip ebenfalls gilt und es bei solchen Plattformen zahlreiche, für die Mobiliar attraktive weitere Cross- Selling-Möglichkeiten geben würde. Einziges Problem: Die Versicherung ist nicht Alleinbesitzer der Scout-Gruppe und muss deshalb weitere Interessen integrieren.

Starke Identität, wichtige Generalagenturen

Vertreter der reinen Lehre der Plattformwirtschaft halten die traditionellen, fein verzweigten Distributionsnetze für überflüssig. Nicht so die Mobiliar: Das Netz der Generalagenturen soll keinesfalls geschwächt werden. Allerdings zeichnet sich auch hier ein Wandel ab: Das überall unter Margendruck stehende Geschäft mit Privatkunden wird, so die Erwartung von Analysten, zukünftig grösstenteils über Plattformen und online abgewickelt werden. Umgekehrt sorgt die Komplexität der KMU-Problemlagen rund um das Thema Versicherungen weiterhin für hohen individuellen Anpassungs- und Gesprächsbedarf. Wenn hier dereinst voll digitale Lösungen eingeführt werden, dann gemäss den Erwartungen der US-Markt-­ forschungsfirma CB Insights frühestens nach dem Jahr 2025. Bis dahin warten im Hintergrund weitere Aufgaben, die man jetzt systematisch angeht. Dazu gehört die interne Umstellung auf die neuste (vierte) Version der SAP-Software. Diese macht viele Schritte wie die Spesen- und Arbeitszeitabrechnungen, welche die Angestellten zunehmend selber erledigen müssen, weniger als zuvor zu einem Nullsummenspiel für ganze Organisationen, weil sich diese Schritte dank benutzerfreundlicher Software einfacher als früher erledigen lassen (ohne internen Support geht es indes auch hier freilich nicht).

Und so zeichnen sich die Elemente der zukünftigen Mobiliar ab, die gemäss CEO Markus Hongler auf «einer starken Identität, dezentralen Strukturen mit unternehmerisch arbeitenden Generalagenturen, Schadenregulierung vor Ort und einem starken Corporate Design» basieren sollen, bei der alle Produkte über alle Kanäle verkauft werden. Digitalisierung? Ja – aber bei der Mobiliar nur als Mittel zum Zweck.