Eines der wenigen Segmente, die den Investoren in den boomenden Aktienmärkten 2021 einen Verlust beschert haben, waren die Neulinge: Die Initial Public Offerings an Europas Börsen erwiesen sich sehr oft als überteuert. Die Hälfte der zehn grössten Verlierer im Stoxx Europe 600 Index gelangten erst innerhalb der letzten 15 Monate an die Börse – darunter THG Plc, Auto1 Group, Allegro.eu, Deliveroo and InPost, die alle um 39 Prozent oder mehr abrutschten. Derweil stieg der Index um 39 Prozent.

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Und so gibt der Markt für europäische Neukotierungen kein schönes Bild ab; obwohl 2021, wenn man es an den IPO misst, das lebhafteste Jahr seit 2007 war.

All die Blindgänger bedienen oder betreiben E-Commerce-Plattformen – ein Feld, das in den ersten Lockdown-Monaten noch geboomt hatte. Aber die Attraktivität sank mit dem Neustart des wirtschaftlichen Lebens, so dass die Unternehmen nicht in der Lage waren, ihr explosives Wachstum aufrechtzuerhalten. Zugleich kamen viele von ihnen mit recht hohen Bewertungen an die Börse. Und obendrein setzten die Anleger das eine oder andere Fragezeichen zur Governance einiger Neulinge, etwa THG und Deliveroo.

On Running: War da was?

Auch die Schweizer Börsenfrischlingen landeten mehrheitlich im roten Bereich. Lediglich die Sulzer-Abspaltung Medmix, der Turnschuh-Hersteller On und die Tessiner Contentmarketing-Firma ID-Entity konnten nach der Kotierung zulegen; ferner – und zwar sehr deutlich – die an der Schweizer Börse neu lancierte Polypeptide, ein schwedischer Chemiekonzern und Pharmazulieferer).

Bemerkenswert ist auch, dass On Running beim Start in New York noch als Highflyer gefeiert wurde – jetzt aber, rund drei Monate nach der Kotierung, liegt die Aktie bloss noch hauchdünn im Plus.

«Wir haben es schon erlebt, dass die Qualität tiefer ist, wenn die Zahl der Börsengänge hoch ist. Und dieses Jahr widerspiegelte genau diesen Trend», sagt Luc Mouzon, Leiter des Europa-Aktien-Research bei Amundi. Die Anleger können «mit extrem negativen Renditen» leben müssen, wenn sie nicht sehr gezielt vorgegangen waren.

Die schlimmsten Verluste setzten nach dem Sommer ein, als alle Märkte wegen der Lieferkettenprobleme, wegen steigender Inflation und wegen einer wieder auflebenden Pandemie heikel wurden. Die neusten Covid-Massnahmen sollten zwar hilfreich sein für jene Unternehmen, die von Lockdowns profitieren; aber die allgemeineren Marktrisiken überwiegen oft den vorübergehenden Schub fürs Geschäft. Denn insgesamt wandern die Anleger ab aus den Boombereichen des Aktienmarktes.

Motto: Abwarten

«Die Investoren werden abwarten und die weltweite Wirtschaftserholung beurteilen», sagt Susannah Streeter, Senior Analyst bei Hargreaves Lansdown. «Viele IPO-Bewertungen wurden von den Erwartungen des künftigen Wachstums bestimmt, und einige Unternehmen mussten wegen Inflations- und Zinssorgen einen Rückschlag bei ihren Aktien verzeichnen.»

Abgesehen von Deliveroo, das beim Debüt floppte und sich nie richtig erholte, konnte die meisten neuen Aktien nach dem Börsengang zunächst zulegen. Während Sorgen über die allgemeine Wirtschaftslage zu der schlechten Performance beitrugen, verschärften auch dann aber auch unternehmensspezifische Probleme die Lage.

Die Online-Shopping-Plattform THG, die in diesem Jahr mit einem Rückgang von 76 Prozent den letzten Platz belegt unter Europas Börsenfrischlingen, und die Foodliefer-Plattform Deliveroo wurden durch Governance- und Bewertungsprobleme nach unten gezogen. Die Aktie von InPost litt, nachdem der in Amsterdam kotierte Paketfachbetreiber vor einem sinkenden E-Commerce-Volumen gewarnt hatte. Wachsende Konkurrenz belastete den polnischen E-Commerce-Riesen Allegro.

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Natürlich gab nicht nur schlechte Nachrichten für Investoren bei Börsengängen. Von den mehr als 550 Unternehmen, die in diesem Jahr in Europa neu kotiert wurden, stieg etwa die Hälfte im Wert über den Ausgabepreis.

Und Fondsmanager werden auch im Jahr 2022 viele Chancen haben, ihre Verluste auszugleichen, da das erste Quartal randvoll sein dürfte mit neuen Angeboten. «Insgesamt besteht nach wie vor ein sehr grosser Appetit auf qualitativ hochwertige Notierungen», sagt Loic Chenevier, der bei Natixis als Aktienmarktstratege für Frankreich und Benelux zuständig ist.

Bloomberg», rap)