Werden die Zinsen künftig weiter steigen und die Inflation immer drückender? Solche Befürchtungen gibt es. Denn EZB, US-Notenbank und andere Zentralbanken kündigen weitere Zinserhöhungen und eine «straffere» Politik an. Die bereits gestiegenen langfristigen Zinsen werden von meisten als Ursache für den Aktieneinbruch Anfang 2022 angesehen.

Weitere Zinsanstiege bedeuten demnach auch weitere Einbrüche bei den Aktien. Doch das ist falsch! Mit dem nachlassenden Druck auf die Lieferketten werden die langfristigen Zinsen stagnieren und das Jahr 2022 weitgehend unverändert beenden. Selbst wenn der Aufwärtstrend anhalten sollte, wären die Auswirkungen auf die Aktienmärkte überschaubar.    

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Denken Sie an die Inflation. Während die Schlagzeilen den schnellen Preisanstieg beklagen, beweisen die immer noch tiefen langfristigen Zinsen, dass der aktuelle Preisdruck vorübergehend ist. Sonst wären die langfristigen Zinsen deutlich höher. Kreditgeber würden sehr viel mehr verlangen, wenn die Inflation die Rückzahlungen der Kreditnehmenden ernsthaft untergraben würde.    

Staatsanleihenrenditen sind immer noch sehr tief    

Anmerkung: Trotz den jüngsten Steigerungen bringen zehnjährige Schweizer Staatsanleihen nur 0,28 Prozent. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen beträgt nur 2,05 Prozent – nach heutigem Standard ist das viel, aber dicht am vorpandemischen Niveau, welches damals für niedrig gehalten wurde. Britische Staatsanleihen bieten 1,58 Prozent.
 

Über den Autor

Ken Fisher ist ein US-amerikanischer Autor und Investmentanalyst sowie Gründer und Vorsitzender von Fisher Investments, einer Firma für Finanzberatung und Vermögensverwaltung mit Sitz in Camas, Washington.    

Und die japanischen Zehnjahresanleihen? Mikroskopische kleine 0,21 Prozent. Die Bundesanleihen sind derzeit zwar positiv, aber bei lediglich 0,32 Prozent. Das Kapital fliesst weltweit – auf der Suche nach höheren Renditen. Daher bewegen sich auch die Zinsen weltweit parallel.    

Inflation ist ein monetäres Phänomen    

Aber warum sind die Renditen nicht stärker gestiegen? Märkte wissen, dass eine anhaltende Inflation auf breiter Front erfolgt und ein monetäres Phänomen ist: Zu viel Geld jagt zu wenigen Gütern hinterher. Das trifft aktuell aber nicht zu. Abgesehen von der Energiekrise in Europa gehören dazu vor allem die vorübergehenden, mit den Covid-19-Lockdowns verbundenen Hindernisse in den Lieferketten. Diese werden nachlassen, wenn Europa und die Schweiz die Omikron-Beschränkungen aufheben.    

Es stimmt, dass der Verbraucherpreisindex der Schweiz im Januar gegenüber dem Vorjahr um 1,6 Prozent gestiegen ist, was weithin als ein «13-Jahres-Hoch» bezeichnet wurde, weltweit jedoch wenig ist und vom Vorjahreswert von minus 0,5 Prozent ausgeht. Aber selbst dieser Wert liegt unter dem Ziel der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 2 Prozent.

Abgesehen davon ist die Energie das Hauptproblem. Die Kerninflation, die volatile Lebensmittel- und Energiepreise herausrechnet, beträgt gerade einmal 0,8 Prozent. Ähnlich war es in der benachbarten Euro-Zone: Die Preise legten im Januar gegenüber dem Vorjahr um satte 5,1 Prozent zu, der Anstieg des Kernverbraucherpreisindexes verlangsamte sich jedoch von 2,6 Prozent im Dezember auf 2,3 Prozent.    

Die Folgen der hohen Energiepreise

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Energiepreise werden früher oder später wieder sinken    

Der Energiepreisanstieg löst sich auf. Seit Dezember hat sich der Preis für niederländisches TTF-Gas mehr als halbiert, weil die amerikanischen Gaslieferungen nach Europa das Angebot vergrösserten. Die amerikanischen Schieferölproduzenten fahren ihre Produktion hoch. Währenddessen umgingen die vielfältigen Energiequellen der Schweiz, darunter die Atom- und Wasserkraft, die Unsicherheiten um Russland und die Ukraine.

Bald kommt der Frühling, sodass wir die saisonale Nachfragespitze hinter uns haben. Zudem sind die Frachtkosten gesunken. Die Umfragen unter Einkaufsmanagern und Berichte über das amerikanische BIP im vierten Quartal zeigen, dass die Unternehmen ihre leer gefegten Regale wieder auffüllen.    

Quantitative Lockerungen haben kaum Zinseffekte    

Ebenso wenig kurbelt die nachlassende quantitative Lockerung der EZB und der US-Notenbank die langfristigen Zinsen an. Das Aussetzen der quantitativen Lockerung ist für die zukunftsgerichteten Märkte, die alle weithin bekannten Informationen vorab einpreisen, eine alte Nachricht. Notenbanker signalisierten monatelang eine Reduzierung der Anleihenkäufe. Daher sanken die Renditen der zehnjährigen deutschen Anleihen nach dem Zurückfahren der Lockerung durch die EZB im September.

Die von Europa stark beeinflussten schweizerischen Zinsen spiegelten das wider. In den USA stiegen in der Woche nach dem Rückgang der Anleihenkäufe durch die Fed im November die Renditen der US-Schatzanleihen um gerade einmal 0,01 Prozentpunkte und nach der Beschleunigung im Dezember um 0,02 Punkte. Wenn eine weniger lockere Geldmengenpolitik, als sie noch eine Nachricht wert war, die Zinserträge nicht befeuert hat, warum sollte sie es jetzt tun?    

Märkte reagieren immer früher    

Zinserhöhungen werden die langfristigen Zinssätze nicht in die Höhe treiben – auch wenn EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihre Kolleginnen und Kollegen zunehmend von einer Straffung sprechen, was Vorhersagen nährt, dass die SNB diesem Beispiel folgen könnte. Betrachten Sie lieber die lange Datenhistorie der USA. Oft kommt es vor einer ersten Anhebung durch die Fed zu einem leichten Anstieg der langfristigen Zinsen.

Aber die Fed reagiert eher auf die Situation, als dass sie diese verursacht. Das predige ich schon lange. Seit 1933 stieg der durchschnittliche Zins von zehnjährigen US-Schatzanleihen in den 6, 12 und 18 Monaten nach der ersten Anhebung der Fed in jedem Zyklus um etwa einen Viertelprozentpunkt. Das ist sehr wenig! Die langfristigen Renditen gingen in etwa einem Drittel dieser Zeitspannen zurück. Warum? Die Märkte legen die langfristigen Zinssätze fest, sie preisen die erwarteten Schritte der Zentralbanken vorab ein. Immer.    

Die meisten glauben, dass steigende langfristige Zinsen den Aktien schaden werden. Der Swiss Performance Index (SPI) und die Schwankungen der weltweiten Aktien zu Jahresbeginn 2022 scheinen das zu bestätigen. Es sind jedoch zu viele andere Faktoren zu berücksichtigen, um den Rückgang allein an den Zinsen festzumachen. Ein liquider Markt «weiss» nie mehr als ein anderer und diktiert auch nicht die Richtung des anderen.    

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Zinsen steigen und Aktienmärkte auch    

Wären steigende Zinsen automatisch negativ, müssten die Aktien historisch betrachtet bei Zinsanstiegen regelmässig gefallen sein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall! Die Korrelation des SPI mit den Zinsen der zehnjährigen Anleihen beträgt 0,28. Das bedeutet, dass sich die Werte häufiger miteinander als gegenläufig bewegen. Da 1,00 eine identische und minus 1,00 eine gegensätzliche Bewegung bedeutet, ist der Zusammenhang aber nicht eng.

Auch der amerikanische S&P 500 weist mit 0,33 eine leicht positive Korrelation mit den Zinsen der amerikanischen Zehnjahresanleihen auf. Zwischen dem deutschen DAX und den zehnjährigen Bundesanleihen sieht es ebenso aus.

Selbst wenn die schwach positive Korrelation keine Gewährleistung dafür ist, dass steigende Zinsen auch steigende Aktienkurse bedeuten, so unterstützt sie gewiss auch keines der aktuellen Weltuntergangsszenarien.    

Auf die Geschichte und die Märkte hören    

Die Fed hat seit 1971 zehn Zinsanhebungszyklen angestossen. Zwölf Monate nach der ersten Anhebung legten die weltweiten Aktien im Schnitt um 6,9 Prozent zu und stiegen in acht von zehn Fällen. Nach 24 Monaten lagen sie bei nur zwei geringfügigen Rückgängen durchschnittlich bei plus 17,9 Prozent. Zinsanstiege schaden den Aktien also nicht. Meist ist das Gegenteil der Fall.    

Fazit: Hören Sie auf die Märkte und die Geschichte. Lassen Sie sich nicht von Zinssteigerungskobolden erschrecken.