Die Geschichte beginnt an einem Wintermorgen im Jahr 2011. Ein elfjähriges Flüchtlingskind aus dem Irak breitet auf einem Parkplatz in Ipsach am Bielersee seinen Nintendo, Pokémon, Memorys und Puzzles auf einem alten Teppich aus. Bis am Abend hat er all seine Spielsachen verkauft. Jetzt hat er das Anfangskapital, um bald darauf seine ersten 10 Bitcoins für 15 Euro zu kaufen. Mit weiteren Zukäufen und geschicktem Handel von Kryptowährungen soll der Junge aus dem Seeland Multimillionär oder gar «der jüngste Selfmade-Milliardär der Schweiz» («Blick») geworden sein.

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Die Geschichte des heute 21-jährigen Dadvan Yousuf, der in der NZZ schon «Krypto-Zauberlehrling» genannt wurde, wanderte nicht nur durch die Schweizer Medienlandschaft, sondern auch durch die internationale Presse. Dabei ist dem Flüchtlingskind sehr viel Sympathie entgegengebracht worden. Doch nun mehren sich Zweifel an der Tellerwäscher-Saga. 

Kauf per Kreditkarte nicht mehr möglich 

Sie fangen dort an, wo Yousuf im autorisierten «Handelszeitung»-Interview im Herbst 2021 behauptete, seine KV-Lehre erfolgreich abgeschlossen zu haben. Dabei hat er, zeigte sich später, die Abschlussprüfung gar nicht bestanden. Gleichenorts sagte er auch, dass er seine ersten Bitcoins 2011 mit der Kreditkarte seines Vaters über die Kryptobörse Mt. Gox gekauft habe. Allerdings konnte man damals über diese Plattform gar keine Bitcoins per Kreditkarte kaufen. Das war nur bis 2010 möglich, weil Mt. Gox damals noch eine Börse für Spielkarten war, die man mit Kreditkarte kaufen konnte. Aber als Mt. Gox von einer Spielkarten- zu einer Bitcoin-Börse mutierte, wurde der Kauf per Kreditkarte unterbunden.

Auf Nachfrage zum Kreditkartenkauf meint Yousuf: «Vergessen geht hierbei regelmässig, dass Medienschaffende selbst – da nicht frei von Fehlern – Ungenauigkeiten publizieren, welche mir nunmehr vorgehalten werden.»

Dadvan Yousuf im Interview mit der Handelszeitung.

Dadvan Yousuf im Interview mit der Handelszeitung im Herbst 2021.

Quelle: Screenshot Handelszeitung

Tatsächlich habe er die ersten Bitcoins über die Virwox-Exchange-Plattform gekauft. Das habe er mit Kreditkarte und verknüpftem Paypal-Konto abgewickelt. Er schreibt, dass er für die Bitcoins dort direkt mit Dollar oder Euro bezahlt habe. Auf Nachfrage schreibt er, es könnten auch Britische Pfund gewesen sein.

Kein direkter Kauf möglich

Allerdings konnte Bitcoin damals auf der Plattform mit keiner klassischen Währung direkt gekauft werden. Es war komplizierter: Es musste zuerst Linden, das Spielgeld aus der Internetwunderwelt «Second Life», gekauft werden, damit dann erst Bitcoin.

Bei der Transaktion wären Gebühren für Kreditkarte, Paypal sowie Bitcoin und Linden-Kauf entstanden. Kein attraktives Geschäft. Yousuf soll sein Startkapital aus dem Spielzeugverkauf von 15 Euro eingesetzt haben. Dabei dürften rund 10 Prozent als Gebühren und Kosten angefallen sein. Trotzdem hätte der Betrag bis Ende April 2011 tatsächlich noch gereicht, um 10 Bitcoins zu kaufen. Es war also keinesfalls ein Kinderspiel, sich als Elfjähriger mit Kreditkarte und Paypal des Vaters auf der Börsenplattform Virwox zurechtzufinden, um für wenige Euro Bitcoin zu kaufen.

Transaktions-ID, aber kein Beleg

Gemäss Kryptoexperten sind Bitcoins, die man aus dem Mining erworben hat, sehr gut rückverfolgbar. Auch bei den Bitcoins, die damals über die Börse gekauft wurden, wäre dies möglich, wenn man die Adresse hätte, wo diese Bitcoins heute gespeichert sind. Doch diese Prüfung ist nicht einfach. Yousuf schreibt: «Die frühsten Bitcoins, die ich heute noch belegen kann, sind 1000 Stück aus dem Jahr 2012. Davon habe ich sowohl Exchange-Auszüge als auch die Wallet-Adresse und Trading-Historie.» Er würde diese Adressen aber aus Sicherheitsgründen nicht per Mail versenden.

Allerdings steht in einem Artikel der NZZ: «Er zeigt ein Transaktionsprotokoll von damals zum Kauf von 10 Bitcoins. Damaliger Preis: 15 Euro. Heutiger Wert: fast 600’000 Franken.» Yousuf schreibt dazu, das sei ein «ein Tracker mit der Transaktions-ID usw. von damals – aber kein Beleg.» 

Mit Gelegenheitsarbeiten als Kind Schulden zurückbezahlt

Weiter sagt Yousuf, er habe als Kind in den Anfängen seiner Bitcoin-Zeit auch Geld geliehen – mal 20 Franken, mal 50 Franken –, um Bitcoin zu kaufen. Dafür musste er das Bargeld auf das Konto seines Vaters einbezahlen, um dann per Kreditkarte und Paypal in Bitcoin zu investieren. Diese Schulden habe er immer bald zurückbezahlt, mit Geld, das er bei Gelegenheitsjobs verdient habe.

«Die Herkunft seines angeblichen Vermögens scheint mir unplausibel»

Zu reden gibt in den Medien auch die Dohrnii Stiftung, die er im Frühling 2021 gründete. Sie hat eine grosse Mission – giving back. «Wir wollen das Wissen der Investoren vergrössern und bieten ihnen ein Arsenal von Werkzeugen, damit sie ihre Rendite maximieren können.» Ziel sei die finanzielle Freiheit. Dazu müssten Anleger den Dohrnii-Token kaufen und könnten dann von den Trading-Strategien profitieren, die Yousuf immer noch reicher machten. Er lässt sich nicht lumpen: Er habe – mit Kontoauszügen nachvollziehbar – über 2,5 Millionen Franken aus seinem Privatvermögen in die Dohrnii Stiftung gesteckt. 

Kritiker werden lauter

Die grossen Ankündigungen auf der Stiftungs-Website wie «Erreiche finanzielle Freiheit» oder «Wir geben Investoren ein Arsenal von Werkzeugen, um ihre Renditen zu steigern» riefen Kritiker auf den Plan. Besonders in Zeug legte sich ein Anonymus, der auf der Plattform bitcoinpapers.io grobe Kritik platzierte. Alles Unsinn, meint Yousuf: «Ich warte nach wie vor darauf, dass man mir Fakten präsentiert, nicht nur Gerüchte.»

Jürg Kradolfer ist ein ehemaliger Treuhänder, der als Bitcoin-Ausbildner agiert. Er führt eine Liste der Kellerkinder unter den Kryptowährungen und Token. Mit dieser machte er auch schon national auf sich aufmerksam, etwa wegen der Kryptowährung Alpcoin, die er als «Scharlatanerie» bezeichnete.

Mr. Bitcoin des Seelandes findet Herkunft des Vermögens nicht plausibel

Das «Bieler Tagblatt» bezeichnete Kradolfer auch schon als «Mr. Bitcoin des Seelandes». Der Zufall will es, dass dieser Mr. Bitcoin in Ipsach wohnt, wo Yousuf als Kind mit seiner Familie lebte und seine Spielsachen verkaufte. Kradolfer kennt Yousuf nicht. Zum Dohrnii-Token schreibt er: «Zusammenhänge sind oft nicht vorhanden, ebenso wenig konkrete Erklärungen. Die Mitglieder des Stiftungsrates sind in der Bitcoin-Szene kaum oder gar nicht bekannt.» Ob er den Dohrnii-Token auf die Liste der Scharlatane setzt, dessen ist er sich noch nicht sicher. Bei vielen Scharlatanen existiere oft nicht mal ein Token, hier gebe es immerhin einen solchen. Zum angeblichen Milliarden-Vermögen von Yousuf meint er: «Die Herkunft seines angeblichen Vermögens scheint mir unplausibel – zumindest in dieser Grössenordnung.» 

Alles bei Banken verifiziert

Derzeit ist die Finanzmarktaufsicht Finma daran, zu prüfen, inwiefern sie für die schillernde Bitcoin-Welt von Dadvan Yousuf zuständig sei, und wenn ja: ob die Vorschriften eingehalten wurden. Yousufs meint: «Wir sind seit Beginn unserer Tätigkeit im Austausch mit der Finma.»

Und überhaupt könne er all die Vorwürfe, wonach er in einer wenig transparenten Wunderwelt agiere, gar nicht verstehen: «Ich musste bei der Öffnung jeder Bankbeziehung den Source of Funds und Proof of Funds meines Vermögens vorweisen und nachvollziehbar aufweisen.» Im Übrigen habe er seine gesamte Trading-Historie, Exchange-Auszüge und Wallets bei verschiedenen Prüfprozessen bei Banken verifizieren müssen

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