Das sind finstere Tage für die Finanzindustrie. Von der Öffentlichkeit weitestgehend ignoriert, ist es innerhalb der grössten der am Markt gehandelten Anlageklassen zu einem veritablen Crash gekommen. Gemeint sind die Obligationen, die infolge des Zinsanstiegs der vergangenen Wochen einen historisch einmaligen Kurseinbruch erlebt haben.

Allein in der Schweiz hat der – für den breiten Markt repräsentative – Swiss Bond Index seit Jahresbeginn gut 10 Prozent an Wert verloren. Das ist doppelt so viel wie während Corona und hat massive Auswirkungen auf unsere Pensionskassen, Versicherer und all diejenigen Anleger, denen die Banken sogenannte konservative Anlageprodukte verkauften.

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Wer sich in einer solchen, scheinbar sicheren Lösung vor der Unbill des Auf und Ab der Börsen geschützt zu sein glaubte, reibt sich nun erstaunt die Augen. Von einer konservativen Anlage kann nicht die Rede sein. Verluste von 5 Prozent und mehr in nur vier Monaten sind an der Tagesordnung. Tatsächlich trennt sich in solchen Phasen die Spreu vom Weizen in der Vermögensverwaltung. Stresstest nennt das die Finanzindustrie. Für viele Anbieter gilt wohl: Stresstest nicht bestanden.

Der Autor

Der Ökonom Klaus Wellershoff ist Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners.

 

Zinsänderungsrisiken drücken auf die Bankbilanzen

 

Aber nicht nur die Anleger sind stark vom Anstieg der Zinsen betroffen. Auch für die Banken und Versicherer selbst ist die Lage nicht einfach. Für Letztere, weil ein Grossteil der Aktiva auf ihrer Bilanz Finanzanlagen sind und sich diese aktuell schneller abwerten als ihre Verbindlichkeiten. Für Erstere, weil die Zinssatzänderungsrisiken in den Bilanzen durch das Kreditgeschäft erheblich sind und wohl niemand mit einem so heftigen Anstieg der Zinsen gerechnet hat.

Schliesslich ist da noch die Nationalbank. Deren Bilanz besteht in erster Linie aus ausländischen Finanzanlagen als Folge der ungehemmten Interventionitis an den Devisenmärkten der vergangenen Jahre. Anfang Jahr beliefen sich die Anlagen auf 1000 Milliarden Franken, wovon 75 Prozent in Obligationen stecken und 25 Prozent in Aktien. Das Eigenkapital der SNB betrug damals 200 Milliarden Franken. Tempi passati. Nimmt man die aktuellen Kurse zum Massstab, muss man feststellen: Viereinhalb Monate später ist ein Viertel des Eigenkapitals verschwunden. Wäre der Dollar aktuell nicht so ungewöhnlich stark, wäre es wohl die Hälfte.

Es kracht im Gebälk unseres Finanzsystems. Und da die Kapitalmarktzinsen immer noch weit unter der Inflation liegen, wird es wohl erst noch schlimmer, bevor es wieder besser werden kann. Aber es gibt Hoffnung: Eine neuerliche Rezession könnte den Zinsanstieg bremsen – und eine Rezession ist aktuell viel wahrscheinlicher, als die meisten Ökonomen glauben wollen. Aber auf eine Rezession hoffen? Wer mag das schon?