Finanzkrise, Euro-Krise, Corona-Schock, jetzt der Preisschock und ein Krieg am Rand von Europa: Das alles hat seinen Tribut gefordert. Europa hat an Relevanz verloren. So braucht es mittlerweile die acht grössten DAX-Konzerne, um das helvetische Krafttrio Nestlé, Roche und Novartis zu übertreffen. Im Verbund schaffen es die Schweizer auf eine Marktkapitalisierung von 777 Milliarden Franken. Die Deutschen müssen sich schon zu einem Super-Block bestehend aus Linde, SAP, Deutsche Telekom, Volkswagen, Siemens, Airbus, Merck und Allianz zusammenziehen, um diese Marke zu knacken. 

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Vor zwanzig Jahren noch war die Weltordnung eine andere, Deutschland deutlich relevanter im Vergleich zur Schweiz. Thomas Rühl, Investmentchef der Schwyzer Kantonalbank, erklärt, wie das passiert ist, wie das mit dem grössten Lebensmittelkonzern der Welt zusammenhängt und wie es weitergeht.

Herr Rühl, warum hat sich die Schweiz besser gehalten als die Nachbarländer?

Die Schweizer Unternehmen waren insbesondere seit der Finanzkrise in einem ständigen «Fitnessprogramm». Der starke Franken zwang sie dazu, effizienter zu werden. Ausserdem wurde die Schweizer Wirtschaft von den Krisen der letzten Jahrzehnte weniger tangiert als etwa die Euro-Zone. Und schliesslich haben wir und unsere Unternehmen als attraktiver, weltoffener und dynamischer Standort stark von der Globalisierung profitieren können. Diese Faktoren schlagen sich auch in den Unternehmensbewertungen nieder.

Welche Rolle spielen die drei Grossen: Nestlé, Roche, Novartis?

In der Tat geht ein Grossteil der Wachstumsbeiträge auf diese Titel zurück. Mehr als ein Viertel des Zuwachses der SMI-Kapitalisierung der letzten zwanzig Jahre geht allein auf Nestlé zurück, 16 Prozent beziehungsweise 14 Prozent auf Roche und Novartis. Im Gegenzug haben vor allem die Titel der Grossbanken gelitten, was von den Industrietiteln mehr als kompensiert wurde.

Trotzdem bleibt – gemessen an der Weltkapitalisierung – ein relativer Bedeutungsverlust. Das hängt wohl auch mit dem Aufstieg Asiens und der Entwicklung des Nasdaq zusammen, oder sehen Sie das anders?

Dies ist korrekt. Die Marktkapitalisierungen in den entsprechenden Ländern – Fernost am Beispiel von China und Hongkong – sowie im Nasdaq sind in den letzten zwanzig Jahren stark angestiegen. Gemessen in US-Dollar hat sich der Wert der chinesischen Aktien verdreiundzwangigfacht und der Wert des Nasdaq verzehnfacht.

Wie geht es jetzt weiter in einer Welt, die zusehends – und erneut – zweigeteilt ist?

Im Moment ist die Welt zwischen dem Westen und Russland zweigeteilt. Bezüglich China sehen wir in einzelnen Branchen Handelshindernisse – zum Beilspiel 5G-Technologien, Mikrochips, künstliche Intelligenz und weitere Zukunftstechnologien. Von einer Zweiteilung kann keine Rede sein, da die Handelsbeziehungen in zahlreichen Gütern und Dienstleistungen sehr ausgeprägt sind.

Die Ereignisse der letzten Tage, vor allem das Säbelrasseln um Taiwan, haben nichts geändert?

Ein umfassender Abbruch der Handelsbeziehungen Chinas mit dem Westen – etwa aufgrund eines klaren Positionsbezugs für Russland oder aufgrund eines Angriffs auf Taiwan – wäre aus chinesischer Sicht sehr kostspielig. Wir halten dies für ein eher unwahrscheinliches Szenario, da beide Seiten grosse wirtschaftliche Interessen an einer Weiterführung der Handelsbeziehungen haben.

Das hiess es im Vorfeld des russischen Angriffskriegs auch.

Der Rückzug aus Russland war für zahlreiche Unternehmen schmerzhaft, aber verkraftbar. Ein Rückzug aus China wäre aufgrund der wichtigen Rolle Chinas in den Wertschöpfungsketten und als Absatzmarkt jedoch gravierend. Insbesondere Industrietitel würden in einem solchen – von uns nicht erwarteten – Szenario stark leiden. Wir sind überzeugt, dass sich die grösseren Schweizer Unternehmen auf verschiedene geopolitische Szenarien vorbereiten, so gut dies möglich ist.

Thomas Rühl ist seit August 2022 Chief Investment Officer der Schwyzer Kantonalbank. Er startete seine Karriere bei der Credit Suisse und war zuletzt Leiter Research bei der Schweizerischen Bankiervereinigung.