Nach einem turbulenten Jahr des Tigers wurde in China das neue Jahr der Hasen sicherlich mit grosser Erleichterung begrüsst. Dem Sternzeichen des Hasen werden die Eigenschaften Ruhe, Besinnlichkeit und Langlebigkeit zugeschrieben, was nach den Verwerfungen des letzten Jahres wie eine Handlungsempfehlung an die Entscheidungsträger erscheint.

Die Lockdowns im Herbst und die massenhaften Infektionen im Dezember führten zu einem Abschwächen des realen BIP auf 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Chinas Schwäche belastete zweifellos die Exportdynamik der ganzen Region. Die Exporte der asiatischen Handelspartner nach China waren ab Mitte 2022 im Jahresvergleich rückläufig.

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Aufgrund der Wiedereröffnung und flankierenden wirtschaftspolitischen Massnahmen erwarten wir für 2023 eine konjunkturelle Erholung. Denn vergleichbar mit den USA und Europa vor 18 Monaten besteht heute in China ein erheblicher Nachholbedarf in der Konsumnachfrage. Einschränkungen und Bedenken hinsichtlich der wirtschaftlichen Aussichten führten zu einem Anstieg der Sparquote von mehr als 4 Prozentpunkten gegenüber dem Durchschnitt zwischen 2015 und 2019.

Grosses Shopping-Fest

Dienstleistungen und Tourismus sollten zu den grossen Nutzniessern der Öffnung gehören. Im Jahr 2019 reisten mehr als 150 Millionen Chinesinnen und Chinesen ins Ausland und gaben insgesamt 255 Milliarden Dollar aus – insgesamt rund 17 Prozent des weltweiten Marktes für Auslandreisen. In Asien werden Hongkong und Thailand am meisten von der Rückkehr chinesischer Touristinnen und Touristen profitieren, wo chinesische Touristenausgaben im Jahr 2019 5,6 beziehungsweise 3,2 Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung entsprachen. Seit Ende November ist die Zahl der internationalen Flüge aus China bereits um mehr als 20 Prozent gestiegen.

Über den Autor

Tilmann Galler ist globaler Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei J.P. Morgan Asset Management.

Die Verkäufe von Konsumgütern könnten aufgrund des zunehmenden Verbrauchervertrauens ebenfalls anziehen. Erste Daten der nationalen Steuerbehörde zeigen, dass die Chinesinnen und Chinesen die neue Freiheit für ausgiebiges Shopping genutzt haben. Der Einzelhandel verzeichnete in der Woche des 21. Januar einen Umsatzanstieg von über 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Wachstumsimpuls aufgrund der aufgestauten Nachfrage dürfte deshalb nicht nur die chinesische Wirtschaft, sondern auch die asiatischen Volkswirtschaften beleben und damit die negativen Effekte einer abschwächenden europäischen und US-Wirtschaft mindestens zum Teil kompensieren.

Auswirkungen auf den Rohstoffmarkt

Die Wiedereröffnung Chinas wird auch Auswirkungen auf den Rohstoffmarkt haben. Zwischen 2021 und 2022 gingen Chinas Rohölimporte durchschnittlich 4 Prozent pro Monat gegenüber dem Vorjahr zurück – 2019 lag der monatliche Anstieg noch bei 12 Prozent. Die chinesische Nachfrage nach Öl und Treibstoffen wird anziehen, wodurch der Ölpreis wieder ansteigen kann, sollten die Angebotskapazitäten nicht entsprechend erhöht werden. Rohstoffexportierenden Ländern wie Malaysia, Indonesien und Australien dürfte das zugutekommen.

2023 hat aufgrund des überraschend schnellen Abschieds Chinas von der Zero-Covid-Politik das Wirtschaftswachstum und damit die Gewinnaussichten der Unternehmen in Asien das Potenzial, die Erwartungen an den Märkten zu übertreffen. Asiatische Aktien bieten somit eine gute Diversifikation gegen einen drohenden Abschwung in den USA und Europa.

Wenn jetzt noch das Jahr des Hasen seinen zugeschriebenen Eigenschaften gerecht werden sollte, steht einer erfreulichen Wertentwicklung der Region nicht mehr viel im Weg.