Der Druck auf die Schweizerische Nationalbank bleibt weiterhin hoch. Mit aller Macht greift sie am Devisenmarkt durch, um den Franken vor einer noch stärkeren Aufwertung zu schützen. Das spiegelt auch der erneute Anstieg der Sichtguthaben bei der SNB wider.

Um weitere 5,3 Milliarden auf mittlerweile 669,1 Milliarden Franken sind die Einlagen der Banken und des Bundes innerhalb einer Woche gestiegen. Schaut man sich die wöchentlichen Veröffentlichungen der Notenbank an, scheinen SNB-Präsident Thomas Jordan und seine Kollegen ab dem 21. Februar deutlich aktiver geworden zu sein. Insgesamt sind die Sichtguthaben in diesen guten zwei Monaten um sage und schreibe knapp 80 Milliarden Franken gestiegen.

Allerdings waren zuletzt Stimmen zu hören, die an der Aussagekraft dieser Daten zweifeln. Immerhin seien auch weitere Faktoren wie die Corona-Notkredite für den zuletzt sehr starken Anstieg verantwortlich.

Corona-Notkredite blähen zusätzlich auf

Diese Kredite sollen vor allem den kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) helfen, die Krise zu bewältigen. Die Banken können sich für die Vergabe dieser Kredite bei der SNB refinanzieren.

«Ohne Frage dürften die Covid-19-Kredite einen klaren Beitrag zu diesem Anstieg beigetragen haben», zeigt sich etwa der Ökonom Alexander Koch von Raiffeisen Schweiz im Gespräch mit AWP überzeugt. «Laut Seco wurden etwa 17 Milliarden Franken dieser Corona-Kredite ausgereicht», ergänzt er. Ein Grossteil davon dürfte dann eben auch in die Statistik eingelaufen sein, so der Experte weiter.

Für Alessandro Bee von der UBS haben die Angaben über die Sichtguthaben seit Mitte März denn auch ein wenig an Aussagekraft verloren, wie er erklärt. «Bis Mitte März waren die Sichtguthaben ein sehr guter Indikator für Interventionen, weil die allermeisten Bewegungen von den Devisenmarktinterventionen der SNB stammten.» Seit Ende März aber hätten noch weitere Faktoren einen Einfluss auf diese Zahlen gehabt.

Dazu zählt der UBS-Ökonom neben den Corona-Krediten auch die Freigrenze der Sichtguthaben, die von der SNB erhöht wurde. «Auch das hat dazu geführt, dass die Banken mehr Liquidität bei der SNB platziert haben.»

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Ohne SNB wäre Franken noch stärker

Letztlich hat SNB Präsident Thomas Jordan am Wochenende selbst bestätigt, dass Faktoren wie die die Corona-Kredite oder auch die Saron-Pflege in die Sichtguthaben mit eingeflossen seien.

Dennoch liess auch Jordan keinen Zweifel daran, dass der Aufwertungsdruck auf den Franken erheblich sei und die SNB daher entsprechend stark interveniert habe. «Ohne die Geldpolitik der Nationalbank würden wir in der gegenwärtigen Situation einen ganz anderen Franken-Kurs sehen», so Jordan im Interview mit der «SonntagsZeitung».

Fragt man Ökonomen, so gibt es denn auch zahlreiche Vertreter, die den Covid-19-Krediten nur einen begrenzten Einfluss zutrauen. Experten wie etwa David Marmet von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) sagt, die Covid-19-Refinanzierungsfazilität stehe eben nur für einen Teil der Zunahme. Er erachtet die Devisenmarktinterventionen als massiv.

Ähnlich klingt auch Maxime Botteron von der Credit Suisse: «Möglicherweise hat auch die Vergabe dieser Covid-19-Credite zum Anstieg der Sichtguthaben beigetragen, der grösste Anteil dürfte aber dennoch auf die Devisenmarktinterventionen zurückzuführen sein», sagte er im Gespräch mit AWP. «Zudem ist die Nachfrage nach diesen Krediten zuletzt auch etwas abgeflaut.»

Saron halten

Neben diesen Krediten bleibt noch das, was manche Experten als Saron-Pflege bezeichnen. So ist der Kurzfrist-Zinssatz Saron in der letzten Zeit angestiegen. Die Notenbank will den Saron aber möglichst nahe am Leitzins von -0,75 Prozent halten.

Der Grund für den Anstieg des Saron sehen Experten wie Botteron oder auch Koch von Raiffeisen in der weiteren Anhebung der SNB-Freigrenze für Banken. Dieser führe dazu, dass weniger Banken Gelder zu Negativzinsen aufnehmen können.

Derweil ruft Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank in Erinnerung, dass auch vorher mehr Transaktionen der SNB in die Sichtguthaben eingeflossen seien als nur die Devisenmarktinterventionen. "Deshalb musste man die wöchentlichen Daten immer mit Vorsicht interpretieren."

Aber auch wenn durch die Covid-Kredite die Ausschläge verstärkt wurden, «lassen sich die Zuflüsse auf den Sichtguthaben während den letzten Wochen nicht mit 'ordentlichen' Geschäften erklären. Die SNB wird wahrscheinlich mit grossen Beträgen interveniert haben.»

(awp/tdr)