Noch im November hatten ein global steigendes LNG-Angebot (Flüssigerdgas) und die Hoffnungen auf ein Ende des Ukraine-Kriegs für sinkende Preise gesorgt. Seither stehen jedoch tiefe Gasspeicherstände in Kombination mit dem kalten Winter auf der Nordhalbkugel im Fokus. Mit Temperaturprognosen deutlich unter der Norm - vor allem in den USA - hat sich auch europäisches Erdgas in den vergangenen rund zwei Wochen um etwa 40 Prozent verteuert.
Der richtungweisende Terminkontrakt für eine Gaslieferung im Folgemonat an der Börse in Amsterdam ist in dieser Woche über die Marke von 40 Euro je Megawattstunde gestiegen und ist damit so hoch wie seit Juni 2025 nicht mehr. Allerdings hatte der Handel in der Energiekrise 2022 wegen des Ukraine-Kriegs auch schon Rekordpreise von über 300 Euro gesehen.
Tiefe Gasspeicher-Füllstände
Die US-Gaspreise stiegen indes «auf den höchsten Stand seit 2022, da befürchtet wird, dass die eisige Kälte die Versorgung des Landes gefährden könnte», sagt Simon Lustenberger, Leiter Anlagestrategie bei der ZKB auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP.
Experten verweisen zudem darauf, dass die Gasspeicherstände in Europa auf einem sehr tiefen Niveau sind - in etwa auf dem Niveau von 2022. Und sie dürften wegen der Kältewellen in den kommenden Wochen noch weiter sinken. Europa müsse in den kommenden Monaten mehr LNG importieren als in den vergangenen Monaten, um die Speicher wieder zu befüllen.
Die Gasspeicher in der EU sind derzeit zu gut 48 Prozent gefüllt, wie aus den Daten des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe hervorgeht. Der Füllstand bewegt sich damit unter dem langjährigen Durchschnitt von knapp 61 Prozent.
Im (Würge-)Griff der USA
Es besteht jedoch die Gefahr, dass US-Präsident Donald Trump die Gaslieferungen nach Europa im Streit um Grönland als Druckmittel entdeckt: Europa habe wegen des Ukraine-Kriegs russisches Pipeline-Gas durch LNG-Importe ersetzt, die zunehmend von den USA dominiert würden, schreibt Jonathan Schroer, Energiestratege bei Unicredit, in einem Kommentar.
Katar und insbesondere die USA dürften in den kommenden Jahren voraussichtlich die grössten Lieferanten für das Flüssigerdgas sein. Angesichts der Konfrontation mit den USA wegen Grönland und angesichts des Zollstreits wachse in der EU nun allerdings die Sorge, dass sie ihre Energieabhängigkeit lediglich von der einen unberechenbaren Macht zur anderen ausgetauscht haben könnte.
Für die kurzfristige weitere Preisentwicklung ist jetzt entscheidend, wie viel im weiteren Verlauf des Winters geheizt werden muss: «Die Preissensitivität gegenüber Wetterprognosen bleibt extrem hoch», sagt Christian Burghardt vom Schweizer Energiedienstleister Ompex zu AWP.
Zusammenspiel sehr vieler Faktoren
Temperaturprognosen seien jedoch nur in einem Horizont von einer bis maximal zwei Wochen einigermassen zuverlässig, heisst es vom Berner Energiekonzern BKW. «Es kann also 'wild werden' oder 'langweilig werden' - man kann es noch nicht wissen.» Aber: «Sobald wärmeres Wetter in Sicht ist, dürften die Gaspreise in den USA und Europa wieder deutlich fallen», so Lustenberger von der ZKB.
Mittelfristig würden eine erneute Eskalation des Iran-Konflikts oder ein Waffenstillstand und/oder ein Friedensabkommen in der Ukraine den Preis treiben respektive die Risikoprämie verringern, sagt Burghardt von Ompex. Weitere Einflussfaktoren sind ihm zufolge langfristig die industrielle Gasnachfrage in Europa und die LNG-Nachfrage in Asien. In dem letzteren Kontinent habe vor allem der Rückgang der LNG-Nachfrage in China zuletzt für sinkende Preise gesorgt.
Ausserdem gibt auch der Strommarkt den Takt für den Gasmarkt mit vor. Angesichts der Stilllegung von Kern- und Kohlekraftwerken müsse Gas «häufig einspringen, wenn die Stromnachfrage hoch ist und die erneuerbare Erzeugung gering ausfällt», sagt Alex Pashley, Gasanalyst bei der Axpo.
