BILANZ Homes: Herr Aebi, woran arbeiten Sie gerade?
Aurel Aebi*: Wir haben viele verschiedene Projekte am Laufen, grosse, kleinere. Wir arbeiten ja in allen Massstäben, vom Schreibwerkzeug bis zum fertigen Gebäude.

Was für ein grosses Projekt haben Sie in Arbeit?
Wir haben den Zuschlag für ein Wettbewerbsprojekt eines Visitors' Centers auf der Dominikanischen Republik erhalten. In diesem Projekt können wir sowohl die Architektur als auch die Szenografie entwickeln. Aktuell sind wir mitten in der Vorprojektstudie.

Sie nehmen immer noch an Wettbewerben teil?
Ja, natürlich, Wettbewerbe sind eine Möglichkeit, spannende Projekte zu akquirieren.

Sie sind international erfolgreich. Wie haben Sie den Durchbruch geschafft?
Verschiedene Projekte haben zeitgleich für Aufmerksamkeit gesorgt. Für Ikea haben wir Ende der neunziger Jahre drei Projekte realisiert, dann gewannen wir den Wettbewerb für die Arteplage Neuenburg der Expo.02 und begannen eine langjährige Zusammenarbeit mit der Swatch Group. Das hat sehr viel Drive reingebracht. Bis heute konnten wir in 45 Ländern über 250 Projekte für rund 30 Auftraggeber realisieren. Ein Meilenstein war für uns auch das Jahr 2005: Unsere Arbeiten an der Mailänder Möbelmesse sind stark beachtet worden, es folgten viele Aufträge von renommierten Marken.

Ihr Erfolgsrezept?
Wir teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen und multiplizieren damit unsere Ideen.

Streiten Sie auch?
Wir haben verschiedene Haltungen und pflegen eine Art Überzeugungskultur.

Überzeugungskultur?
Wir sind drei Gründerpartner, da wird nicht abgestimmt, sondern geredet und zugehört. Mit unseren unterschiedlichen Ansichten müssen wir den Austausch so weit pflegen, bis jeder die Argumente und Ideen des andern nachvollziehen kann. Auf diesem Austausch basiert hier alles.

Wie kamen Sie auf den Namen Atelier Oï?
Der Name ist ein Fragment von Troika. Wir sind ein Dreigespann, ziehen den Wagen seit Anfang gemeinsam in eine Richtung. Das gibt Durchhaltekraft.

Wie haben Sie sich gefunden?
Armand Louis, Patrick Reymond und ich kennen uns vom Studium her, haben als Freunde an einem Wettbewerb teilgenommen, gewonnen und entschieden, uns zu dritt selbständig zu machen, sobald das Studium abgeschlossen ist. Wir träumten davon, unsere eigenen Projekte zu realisieren.

Was waren die Alternativen?
Sich bei anderen Designern oder Architekten die Sporen abzuverdienen. Uns war der Sprung ins kalte Wasser lieber. Wir haben alle Fehler selber gemacht - und rasch daraus gelernt.

Warum haben Sie sich in La Neuveville installiert?
Die zwei anderen Gründerpartner sind in La Neuveville aufgewachsen. Zu Beginn haben uns die Eltern des einen den Dachstock ihres Hauses zur Verfügung gestellt. Darin haben wir unser erstes Büro eröffnet. Später, als wir unsere ersten Angestellten hatten, sind wir im Ort umgezogen. Im Jahr 2008 haben wir das ehemalige Motel in La Neuveville gekauft und es zu unserem Moïtel umgebaut. Hier pflegen wir nun nicht nur unser Handwerk, sondern bieten auch kreative Gastfreundschaft. Wir haben zwei der alten Motelzimmer erhalten, in denen Kunden oder Freunde übernachten können.

Wie sind Sie heute organisiert?
In der Zwischenzeit beschäftigen wir 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Drittel davon sind Architekten, ein Drittel Innenarchitekten und ein Drittel Designer.

Wie arbeiten Sie zusammen?
Zu Beginn eines Projektes setzen wir uns zusammen und kristallisieren unsere Ideen und Inhalte zur Aufgabenstellung. Wir fangen bei jedem Projekt jeweils neu an, wärmen also nichts einfach auf. Daher haben wir auch keinen lesbaren Stil wie viele andere Designer und Architekten.

Sie bezeichneten Ihre Arbeitsweise einst selbst als kreative Undiszipliniertheit.
Ich habe es als Suche nach dem Undisziplinären formuliert. Damit meine ich, dass die Lösungen oft zwischen den Disziplinen liegen. Zum Beispiel dort, wo die Architektur aufhört und die Innenarchitektur anfängt. An dieser Grenze ist die Arbeit interessant, genau in diesem Bereich ist für uns die Projektentwicklung spannend. Nach der Analyse der jeweiligen Aufgabenstellung und der Rahmenbedingungen definieren wir unsere Vorgehensweise. Und wir legen fest, welche der Disziplinen, die wir pflegen, den Lead übernimmt.

Gibt es einen roten Faden in Ihrer Arbeit?
Es gibt keinen eigentlichen Atelier-Oï-Stil. Allenfalls kreieren wir einen roten Faden mit unserer Arbeit für eine bestimmte Marke. Die Arbeit für Bulgari ist hierfür beispielhaft. Alles hat mit der Entwicklung eines Flacons für einen Duft begonnen. Inzwischen realisieren wir für das Label rund 100 Projekte im Jahr und machen vieles, von der Szenografie in den Verkaufsläden bis hin zur Gestaltung von Popup-Stores. So eine Entwicklung ist natürlich sehr spannend für uns.

Was sind für Sie ideale Arbeitsbedingungen?
Am liebsten sind wir zu Beginn eines Projekts dabei und wirken schon bei der Definition der Aufgabenstellung mit.

Und dann?
Im Moïtel haben wir eine eigene Sammlung mit allen Materialien, die wir in den letzten 25 Jahren zusammengetragen haben und die wir laufend mit spannenden Neuigkeiten ergänzen. Weit über 20'000 Werkstoffe sind inzwischen zusammengekommen. Sobald wir mit einer Aufgabenstellung betraut werden, wählen wir - ähnlich wie ein Koch - aus unserem Fundus die Grundzutaten aus. Es folgen Brainstormings, Diskussionen, wir erstellen Skizzen und bauen Modelle, um unsere Ideen zu visualisieren. Anschliessend wird für die Weiterentwicklung und Umsetzung des Projekts ein Team bestimmt.

Das heisst, Sie entwickeln die Idee und geben die Umsetzung dann intern weiter.
Richtig, anders wäre es bei der Vielzahl von Projekten, die wir abwickeln, gar nicht möglich. 2015 haben wir rund 300 Projekte realisiert. Einige wickelten wir in zwei Wochen ab, andere dauerten mehrere Monate oder beschäftigen uns sogar über Jahre.

Gibt es Anfragen, die Sie ablehnen?
In unseren Anfängen erlebten wir durchaus schwere Zeiten. So waren wir nicht wählerisch, sondern froh, wenn wir zu Aufträgen kamen. Wenn wir heute das Gefühl haben, dass ein Projekt nicht zu uns passt, entscheiden wir uns auch mal dagegen.

Und wann dafür?
Wir wollen an einer Aufgabe wachsen. Besonders aufregend sind für uns Projekte von Firmen, die ein Savoir-faire mitbringen. Handwerkskunst ist faszinierend und inspirierend.

Wie halten Sie es eigentlich mit Trends?
Auf Trends legen wir bei Atelier Oï keinen Wert. Unser Credo lautet: Erfolg folgt, wenn man sich selbst folgt. Wir vertrauen darauf, etwas richtig zu machen, wenn wir die Dinge so anpacken, wie wir sie spüren.

Der Frühling kommt und damit die nächste Outdoor-Saison. Sie haben unter anderem für Moroso Möbel für draussen gemacht. Worin besteht die Herausforderung?
In den Materialien. Eine Outdoor-Lounge muss so sein, dass man die Möbel als Set-up draussen stehen lassen kann, bei Wind und Wetter, ohne dass sie verfaulen. Und dass man nicht erst vier Stunden alles parat machen muss, wenn die Sonne dann mal scheint.

Haben Sie da ein aktuelles Projekt in petto?
Ja, aber auch dieses Projekt befindet sich in einer frühen Phase, nichts ist spruchreif.

Arbeiten Sie eigentlich auch für Private oder ausschliesslich für Unternehmen?
Auch für Privatpersonen.

Ab welchem Auftragsvolumen sind Sie dabei?
Das haben wir nicht definiert. Wenn uns eine Aufgabenstellung begeistert und inspiriert, wir einen Weg sehen und entsprechende Kapazitäten zur Verfügung haben, nehmen wir ein Projekt an.

Was für ein Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?
Ein Hotel. Da könnten wir vom Raumduft über die Hotelboutique, die Betten und Lampen bis zum Restaurant alles entwickeln. Alles, was es für ein Hotel bräuchte, haben wir in den letzten 25 Jahren für jeweils verschiedene Kunden schon entwickelt, aber noch nie alles für ein einziges Projekt.

*1991 gründeten die drei Freunde Aurel Aebi (49), Patrick Reymond (53), die eben die Ecole Athenaeum in Lausanne abgeschlossen hatten, und Armand Louis (49), damals Inhaber eines eigenen Möbelateliers, in La Neuveville das Atelier Oï. Ihr Ehrgeiz: mit einer disziplinenübergreifenden Arbeitsweise Normen brechen. Sie realisieren Projekte in den Bereichen Architektur, Innenarchitektur, Design und Szenografie, in enger Beziehung zum Material. Material ist eine Leidenschaft der drei. Seit 25 Jahren sammeln sie Werkstoffe aller Art und besitzen inzwischen ein riesiges Archiv, für sie ein Ort der Inspiration. Mit dem Erfolg - inzwischen beschäftigt Atelier Oï 35 Architekten, Designer und Innenarchitekten - kamen auch die Auszeichnungen, darunter der European Museum of the Year Award 2001, iF Design Award 2012, Long Time Design 2013, der Innovationspreis für Architektur und Technik an der Light + Building 2014 und der Red Dot Award Product Design 2015. Renommierte Namen stehen auf der Kundenliste: von Artemide, B&B Italia und Bulgari über Foscarini, Louis Vuitton und Moroso bis zu USM, Victorinox und Zanotta.
 

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