Nach unserem Fussballspiel sassen wir Senioren noch auf ein Bier in der Gartenbeiz. Es entwickelte sich eine typische ­Altherren-Diskussion. Wir debattierten die Frage, ob Monogamie eine natürliche oder unnatürliche Form der Partnerschaft sei.

«Gibt es jemanden in der Runde», fragte einer, «der seiner Frau ein Leben lang treu war?» – «Ja, ich», sagte unser Torwart, «ich bin siebzehn Jahre verheiratet, da war nie etwas, kein Seitensprung.»

«Und warum nicht?», fragten wir. «Es wäre mir zu anstrengend», sagte er.

Aus biologischer Sicht war das eine äusserst präzise Antwort. Die Frage nach Monogamie oder Polygamie ist im Tierreich, zu dem letztlich auch wir gehören, eine ökonomische Frage. Es geht um Aufwand und Ertrag, um Angebot und Nachfrage.

Treu – trotz Nachteile

Nur etwa fünf Prozent der Säugetiere leben monogam, aber rund neunzig Prozent der Vögel. Lebenslang zusammen sind etwa die Wölfe, ­Rotfüchse, Schwäne, Felsenpinguine, Spring­affen und Blaumeisen.

Auf den ersten Blick ist ihre lebenslange ­Zweierkiste ein ineffizientes Verhalten. Der Bestand des eigenen Rudels, der eigenen Herde und des eigenen Schwarms ist im System der Polygamie viel besser gesichert, weil die Fortpflanzung ­dadurch breiter gestreut ist.

Darum interessieren sich Biologen viel mehr für die monogamen Viecher als für die anderen Arten, bei ­denen das übliche Rudelbumsen gilt. Warum sind sie treu, obwohl das Nachteile hat?

Zur Beantwortung der Frage kehren wir zuerst kurz zu ­unserem Torwart im Gartenrestaurant zurück. Er erzählte uns, dass seine Gattin zu einer erhöhten Eifersucht und Kontrolle neige. Selbst der kleinste One-Night-Stand könnte darum zu einem Drama samt Scheidung eskalieren. Dieses Risiko gehe er auf keinen Fall ein. Ökonomisch ist das logisch.

Prinzip von Aufwand und Ertrag

Bei den Tieren ist es ähnlich. Die Spatzen-Weibchen etwa vertreiben mit geballter Aggressivität alle anderen Weibchen, die sich auch nur in die Nähe ihres Gatten wagen. Der männ­liche Vogel ist von diesem Verhalten jeweils so eingeschüchtert, dass er die Paarung mit einer anderen Braut verweigert, selbst wenn er mal Gelegenheit dazu hätte.

Eine effiziente Technik haben auch die Stare. Die Weibchen bieten sich hier ihrem Männchen pro Stunde mehrmals zum Geschlechtsverkehr an, wenn das Männchen versucht, mit seinem Gezwitscher eine andere Frau anzu­locken. Das kann tagelang so gehen. Am Schluss ist Herr Star so fix und fertig, dass sich jeder ­Gedanke an einen Seitensprung erübrigt.

Aufwand und Ertrag sind ebenfalls ein wesent­liches Steuerungsmerkmal in der Biologie. Der weibliche Fuchs zum Beispiel, die Fähe, ist nur zwei, drei Tage lang befruchtungsfähig. Es wäre töricht, wenn der Mann diesen Slot aufgrund ­eines ausserehelichen Abenteuers verpassen würde. Also bleibt er ein Leben lang monogam.

Auch beim Homo sapiens unterliegt Treue dem Prinzip von Aufwand und Ertrag. Wenn für Ehebruch hundert Peitschenhiebe drohen, wie im Islam, dann wird jeder Flirt zum High-Risk-Unternehmen. Im Schweizer Strafgesetzbuch wiederum wurde der Ehebruch im Jahr 1989 ­gestrichen, trotz Widerstand der Kirche, die hier die göttliche Ordnung gefährdet sah.

Bei unserer Altherren-Diskussion in der Gartenbeiz kam dann auch die Frage auf, wie viele Mitbürger zeitlebens monogam leben. Es ist etwa ein Drittel, wobei der Anteil der Frauen höher ist als jener der Männer.
Ein Drittel ist immer noch bemerkenswert hoch. Es sind ungefähr gleich viele, die noch felsenfest an Gott glauben.

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