Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart, Neid. Die sieben Todsünden haben die Menschheit durch die Jahrhunderte begleitet und drangsaliert. Sie alle bezeichnen Dinge, in denen sich individuelles, vor allem körperliches Glück verwirklicht. Diese Dinge als «Todsünden» zu bezeichnen, war über die Jahrhunderte ein beliebtes Herrschaftsinstrument und wurde auch so genutzt. Denn die Menschen wollten, Todsünde hin oder her, auf die Genüsse nicht verzichten, die damit verbunden sind. Und setzten sich so dem Risiko der gesellschaftlichen Ächtung aus.

Und heute, da die Todsünden in Vergessenheit geraten sind? Da die Menschen unbeirrt ihrem individuellen Glück nachstreben können? Da sie von der Werbung geradezu dazu angetrieben werden, ununterbrochen Todsünden zu begehen?

Nun ist es auch wieder nicht recht, wie Gerhard Schulze in seinem sehr amüsanten und lehrreichen Buch feststellt. Denn nun vermissen wir stringente Regeln als moralische Richtschnur. Auch wenn wir uns energisch gegen jedes Moralisieren verwahren.

Wenn alles erlaubt ist, was dem individuellen Glück dient – jedenfalls solange es anderen keinen Schaden zufügt –, geraten wir ziemlich schnell in ausufernde Zonen. Warum, so fragt Schulze, soll eigentlich Kannibalismus in gegenseitigem Einverständnis nicht erlaubt sein? Der Fresser und der Gefressene ziehen daraus Glücksempfindungen, und Dritte kommen nicht zu Schaden.

Dass es allen Verleugnungen zum Trotz immer noch eine, wenn auch nicht ausformulierte öffentliche Moral gibt, zeigt sich deutlich im «Skandalisierungspotenzial», mit dem die Medien spielen. Der Kannibale von Rothenburg war Stoff für entrüstete Schlagzeilen, während die Silberhochzeit eines glücklich verheirateten Paares nicht einmal eine Fussnote wert ist. Das Böse skandalisiert, ergo ist auch das Bewusstsein für Gutes und Böses noch vorhanden. Schliesslich wäre es ja traurig, wenn es gar keine verbotenen Früchte mehr gäbe, keine Tabus, die wir unbedingt brechen wollen.

Eine Todsünde zu begehen, war auch deshalb spannend, weil es besondere Genüsse versprach. Vielleicht sollten wir wieder ein paar Todsünden einführen; die Werbewirtschaft wäre dankbar für diese Inspiration.

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Gerhard Schulze
Die Sünde / Das schöne Leben und seine Feinde
Hanser Verlag, München,
288 Seiten, Fr. 38.70