Bilanz: Herr Davidson, erinnern Sie sich an Ihre allererste Fahrt mit einem Motorrad?

Bill Davidson: Ich erinnere mich sogar sehr gut daran. Ich war drei Jahre alt, als mich mein Vater erstmals im Seitenwagen seines Motorrades mitnahm. Ich liebte es. Und als ich sechs Jahre alt wurde, setzte mich mein Vater auf ein Motorrad und sagte, ich solle losfahren. Es war eine 50-Kubikzentimeter-Harley-Davidson. Ich habe diesen Tag nie mehr vergessen. Es war fantastisch.

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Was war so fantastisch daran?

Es war dieses unglaubliche Gefühl von Freiheit. Es war die Beschleunigung. Und es war das Wissen, ich fahre ganz allein, ich habe die Kontrolle, ich bestimme, wohin dieses Motorrad fährt. Ein wirklich phänomenales Gefühl – aufregend.

Und heute? Fahren Sie immer noch?

So viel ich kann. Ich liebe es nach wie vor. Ich habe einige Harleys in meiner Garage. Und ich fahre täglich.

Was ist denn heute das Faszinierende daran?

Es ist immer noch dieses Gefühl von Freiheit. Die Gerüche, die Sie unmittelbar wahrnehmen, die Landschaft, die Strassen, alles ist voll da. Sie haben keinen Käfig um sich herum, Sie sind frei. Es ist fantastisch. Sie spüren die Natur ganz nah, Sie riechen die Blumen und Bäume, es ist wundervoll. Sieht ganz so aus, als ob Schweizer Führungskräfte das auch so sehen.

Von Peter Brabeck bis Daniel Vasella, alle schwärmen vom Motorradfahren. Warum eigentlich?

Ich denke, Motorräder bieten eine schöne Entspannung von Stress und Hektik. Diese Leute arbeiten hart, und Motorradfahren ist eine Art Belohnung, die Spass macht. Harleys, das kommt dazu, haben mit ihrem V-Twin-Motor einen Rhythmus, einen Beat wie einen Herzschlag. Sie spüren das, wenn Sie mit 70 Meilen pro Stunde den Highway herunterfahren. Ein schönes Gefühl.

Schön? Es ist mega-gefährlich!

Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist. Sie müssen das Motorrad respektieren und richtig benützen. Dann gibt es viele Dinge, die weit gefährlicher sind.

Was unterscheidet Harleys von anderen Motorrädern?

Harleys sind einzigartig. Es sind rollende Skulpturen, Kunstwerke. Und der V-Twin-Motor ist perfekt. Er passt wunderbar in den Rahmen und reagiert wunderbar auf jede Bewegung am Gasgriff.

Und wer kauft eine Harley?

Wir haben ganz unterschiedliche Kunden. Aber das Wichtige ist: Wenn wir einen Kunden haben, bleibt er bei uns, in 90 Prozent aller Fälle. Die Loyalität ist unglaublich. Wir sind daran, neben unseren traditionellen Käufern neue Kunden von unseren Konkurrenten zu uns zu locken. Das ist uns mit dem Modell V-Rod und Street Rod ganz gut gelungen.

Tatsache ist, dass Motorradfahren immer mehr eine Sache der Grauhaarigen wird.

Wir sehen mit Freude, dass jüngere Leute zu uns wechseln. Wir tun auch einiges dafür. Wir sind ziemlich gut im Schaffen von Träumen. Und wir beginnen jetzt, Träume für jüngere Leute zu schaffen.

Wer eine Harley kauft, bezahlt einen Traum. Und erhält dazu gratis ein Motorrad. Das ist ein Bonmot von Ihnen.

Unsere Mission ist es, Träume zu erfüllen. Wenn ein Kunde einen Harley-Laden betritt, hat die Erfüllung seines Traumes begonnen. Es beginnt mit der Beziehung zum Händler. Und es beginnt mit dem Kauf des Motorrades. Dann kommen die Kleider dazu, die Accessoires und die Möglichkeit, das Motorrad zu individualisieren. Und dann die Harley Owners Group. Sie gibt Ihnen Gründe, Motorrad zu fahren. Und die Möglichkeit, Leute kennen zu lernen. Es ist eine wunderbare Sache.

So war es nicht immer. Harley-Davidson stand seinerzeit kurz vor dem Aus. Was war der Schlüsselfaktor für den erfolgreichen Turnaround?

Ich glaube, unsere Mitarbeiter, unsere Händler und unsere Kunden wollten nicht zusehen, wie eine uramerikanische Ikone stirbt. Vor allem unsere Mitarbeiter haben sehr hart daran gearbeitet, die Qualität unserer Produkte zu verbessern. Wir haben Gruppen von Mitarbeitern aus komplett unterschiedlichen Bereichen gebildet, vom Fliessbandmitarbeiter bis zum Chef. Wir liessen sie miteinander reden. Über Probleme, Ziele, Gutes, Schlechtes. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel das gebracht hat. Vorher hiess Leadership: Wir da oben wissen ganz genau, was gut für das Unternehmen ist.

Was lernen wir daraus?

Vorher gehörten wir zu einem Grosskonzern. Die Leute in der obersten Chefetage verstanden nicht viel von Motorrädern. Nach dem Wechsel übernahmen Motorradfahrer die Führung. Sie verstanden viel von der Leidenschaft für Motorräder. Die Lehre ist deshalb: Du musst nahe am Kunden sein, nur so kennst du seine Träume und Wünsche. Das ist sehr, sehr wichtig. Wir fahren mit unseren Kunden, wir reden mit unseren Kunden, und wir hören auf unsere Kunden. Darauf bin ich stolz. Und unsere Kunden lieben das. Sie fühlen sich als Teil des Unternehmens.

Und trotzdem haben Sie ein gigantisches Imageproblem. Die Umfrage einer deutschen Motorradzeitschrift zeigte kürzlich, dass 61 Prozent der Leser die Qualität der BMW-Motorräder für gut befanden. Harley-Davidson kam auf mickrige 5,3 Prozent.

Die Leute stehen immer noch unter dem Einfluss unserer Vergangenheit. Früher, das müssen wir zugeben, hatten wir ein Qualitätsproblem. Es ist schwer, diesen Ruf abzustreifen. Aber Qualität ist bei uns sehr wichtig. Und wir sind in Vergleichstests heute zuvorderst. Honda schneidet am besten ab. Und wir sind inzwischen gleichwertig.

Wie wichtig war der Film «Easy Rider» für Harley-Davidson?

Ich denke, der Film hat uns sehr geholfen. Damals hatte das Motorradfahren ein sehr hartes Image in den Vereinigten Staaten. Man könnte denken, der Film habe die Hardcore-Seite noch verstärkt. Tatsache ist allerdings auch, dass er der Motorradbranche geholfen hat. Die Menschen sind neugierig geworden. Sie wollten wissen, wie es wirklich ist, wenn man auf einem Motorrad sitzt. Ausserdem hat ein rebellenhafter Zug schon immer zu Harley-Davidson gehört. Das ist Teil unseres Erfolges. Du gehst nach Hause, ziehst die Lederklamotten an, steigst auf das Motorrad und fährst los. Das ist Entspannung. Und Freiheit.