Circuit Paul Ricard in Le ­Castellet, Südfrankreich, 20 Grad und perfektes Cabriowetter. Ich sitze im Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse und suche den Knopf, um den Sitz elektrisch etwas nach vorne zu verschieben. Fehlanzeige. Im Luxusboliden gibt es keinen Platz für derartigen Luxus. Statt einen kleinen Motor, der sich negativ auf das Fahrzeuggewicht ausgewirkt hätte, gibt es einen Hebel zum manuellen Verstellen. Gleiches gilt für die Sitzlehne.

Für Schaltfaule

Bequem im Schalensitz eingebettet, erwecke ich den 16-Zylinder zum Leben. Das satte Brabbeln erinnert unweigerlich an einen grossvolumigen Big-Block-Amerikaner – oder besser gesagt gleich an zwei. Gelassen, aber mit dem nötigen Druck aus der Auspuffanlage läuft das Triebwerk warm. Ich lege mit der Schaltwippe hinter dem Lenkrad den ersten Gang ein, und los gehts. Dank dem Doppelkupplungsgetriebe spürt man die Gangwechsel überhaupt nicht. Ohnehin: Beim gemütlichen Bummeln ist Schalten kaum nötig, im dritten Gang lässt sich der Bugatti praktisch durch das ganze Spektrum von Geschwindigkeitsbegrenzungen bewegen. Egal ob 30 Kilometer pro Stunde oder 130: Mit seinen 1500 Newtonmetern Drehmoment im Rücken kann der Veyron extrem schaltfaul gefahren werden.

Aber wir sind auf einer Rennstrecke, und da gibts für Mensch und Maschine viel zu tun. Ich schalte in den zweiten Gang und drücke das Gaspedal gegen das Bodenblech. Der Bugatti geht ab wie ein Kampfjet mit Nachbrenner. Ich durfte schon potente Supersportler wie den Lamborghini Aventador, diverse GT-Rennwagen sowie Giancarlo Fisichellas Formel-1-Benetton fahren, aber so etwas habe ich definitiv noch nie erlebt. Die Beschleunigung ist atemberaubend – und zwar im wörtlichen Sinn. Mir bleibt kaum mehr Zeit zum Luftholen, und ich habe das Gefühl, dass sich mein Gesicht verzieht wie in einem Fliehkraftsimulator. Ich bin fast etwas geschockt und gleichzeitig mächtig fasziniert.

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Der Bugatti überrascht innen mit minimalistischen Armaturen und Einstellmöglichkeiten auf der Mittelkonsole. Wer ein Cockpit mit Dutzenden von Knöpfen für Fahrwerk, Traktionskontrolle et cetera sucht, wird enttäuscht. Der Bugatti ist smart genug, um jederzeit zu wissen, was sein Fahrer gerade tut und tun will, und das ist gut so.

Grinsen bei Tempo 328

Erstaunlich ist, wie leicht und agil sich das zwei Meter breite und knapp zwei Tonnen schwere Fahrzeug anfühlt. Beim Beschleunigen verwöhnt eine satte, aber nie aufdringliche Sinfonie von 16 Zylindern die Ohren. Richtig laut faucht der Bugatti nur, wenn man das Gaspedal lupft. Dann erinnert die Geräuschkulisse an einen schnaubenden Drachen. Grund dafür ist ganz viel Luft, die aus den Wastegates der vier Turbolader entweichen muss, wenn die hungrigen 1200 Pferde nicht damit gefüttert werden sollen. Dieses Zischen mit hohem Suchtpotenzial wird im Roadster natürlich ungefiltert in die Fahrgastzelle übertragen und sorgt für ein immer breiter werdendes Grinsen in meinem Gesicht.

Ausgangs Kurve mit dem hübschen Namen L’école beginnt die hohe Schule des High Speed. Die gesamte 1,8 Kilometer lange Mistral-Gerade wurde von allen Schikanen und Pylonen befreit. Ich drücke das Gaspedal eine gefühlte Ewigkeit lang ganz hinunter, und die Tachonadel enteilt in Sphären, die ich noch nie erlebt habe. Bei Tempo 328 ist es aber Zeit, den Anker zu werfen, denn schon fliegt die ­Signes-Kurve auf mich zu. Diesen schnellen Bogen mit knapp 150 zu durchfahren, braucht Nerven.

Dank Vierradantrieb und riesigen ­Karbon-Keramik-Bremsen kommt keinen Moment Unsicherheit auf. Zurück an den Boxen, sind nur strahlende Gesichter zu sehen. Neben dem Vergnügen, einen Tag mit dem derzeit vielleicht aussergewöhnlichsten Fahrzeug verbracht zu haben, kommt die Frage auf, ob es jemals möglich sein wird, das Auto noch zu überbieten. Derzeit ist die Antwort klar: Nein.