Er gehört zu den schnellsten Führungskräften in der Schweizer Uhrenindustrie – nicht nur im Auto, aber auch dort: Jean-Christophe Babin, Jahrgang 1959, hat Benzin im Blut und eine Passion für pfeilschnelle Autos, etwa für seinen Ferrari 599. Dass der Ferrarista Babin, kaum hatte er bei Bulgari als CEO das Steuer übernommen, eine Maserati-Uhr lancierte, sei dennoch ganz logisch, sagt er. Und die Begründung dafür ist eine kleine Lektion über seine Vision von Bulgari.

Das Mittelmotor-Coupé Ferrari, so sagt er, stehe vorab für die Suche nach der extremen Leistung. So gesehen habe die Marke bestens zu TAG Heuer gepasst, wo er früher CEO war und mechanische Uhren entwickeln liess, welche die Hundertstel- oder die Tausendstelsekunde stoppen konnten. Maserati stehe ebenso für Power und Leistung – aber viel stärker auch für Gran Turismo, mithin für Eleganz, Design und Komfort. Das passe zu Bulgari. Ebenso das Alter: Maserati sei die älteste Sport-Luxuslimousine der Welt, eben 100 Jahre alt geworden, Bulgari feierte den 130. Geburtstag.

Zu schnell unterwegs

Apropos Tempo: Wenn Jean-Christophe Babin auf die jüngste Geschichte der Bulgari-Uhren zurückblickt, diagnostiziert er ein zu hohes Tempo als wichtigsten Fehler. Man habe immer wieder neue Modelle lanciert und es verpasst, eine kohärente ­Modellpolitik zu implantieren.

Als Babin 2013 übernahm, zog er deshalb die Handbremse, definierte zuerst ganz ruhig die Route neu und startete dann sozusagen den 12-Zylinder-Motor.

Die neue Architektur der Uhrenabteilung von Bulgari skizziert der Chef mit wenigen Strichen auf ein Blatt Papier. Vier Säulen tragen die ganze Kollektion.

Die erste Säule

Erste Säule ist die Bulgari Bulgari. Die Uhr, heute eine Ikone, wurde vom legendären Gérald Genta gezeichnet, der auch die Nautilus von Patek, die Royal Oak von Audemars Piguet oder die IWC Ingenieur entworfen hat. Bulgari kam 1975 mit der Uhr auf den Markt, sie war ein revolutionärer Entwurf, eine Uhr mit markantem Logo auf der Lünette.

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Bulgari Bulgari bleibt das Herz der Marke in einem Preissegment von 5000 bis 15'000 Franken. Die Uhr ist unisex – es gibt sie für Fauen und Männer.

Die zweite Säule

Die zweite Säule, für Männer reserviert, ist Octo, das vor wenigen Jahren lancierte achteckige Modell. Das oktogonale Design ist von der Maxentius-­Basilika inspiriert, mithin, wie Babin sagt, «römisch, architektonisch, gewagt und stark». Octo, ein zunächst isoliertes ­Modell, wurde von Babin zur Modellreihe gemacht.

Es gibt die Uhr in verschiedensten Ausführungen und Grössen, neu mit einem blauen Zifferblatt, in Gold, in Stahl oder in Mischungen. Der Preis oszilliert zwischen 2500 und 30'000 Euro.

Die dritte Säule

Lucea, die dritte Säule, kam letztes Jahr als reine Frauenlinie auf den Markt. Charakteristisch: die rote Rubinkrone und das an Reptilienschuppen erinnernde Band. Daneben bleibt, viertens, die Serpenti-Reihe, 1910 lanciert und wie später Bulgari Bulgari ein Bruch mit den tradierten Kreationen. «Es war ein sehr gewagtes Modell», sagt Babin, «und nur Römer konnten auf die Idee kommen, eine Uhr auf einen Schlangenkörper zu platzieren – das Zifferblatt als Kopf des Tieres oder gar im Maul.

Über den vier Säulen schweben zwei Extraklassen: die Haute Horlogerie mit allerlei technischen Komplikationen bei den Männern, die Joaillerie-Uhren mit dem ganzen Bulgari-Schmuck-Know-how bei den Damen.

Ambitiöse Ziele

Die Strategie sei auf­gegangen, zieht Babin nach einem Jahr Bilanz. Konkrete Zahlen gibt es nicht, man sei im Uhrenbereich aber im zweistelligen Prozentbereich gewachsen, ­angetrieben vom Erfolg der neuen Frauenlinie. Für die Zukunft hat der CEO mit Vergangenheit bei Procter & Gamble, Boston Consulting Group und TAG Heuer ehrgeizige Ziele. Punkto Uhren soll Bulgari innert drei Jahren aus den Top 15 in die Top 10 aufsteigen. Bei den Frauen­uhren sogar in die Top 5.

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Und was hält Babin eigentlich von der Smartwatch? «Es wäre ein Fehler zu denken, der Konsument gebe sich ewig mit einem Objekt zufrieden, das weiterhin ­lediglich das 18. Jahrhundert widerspiegelt», antwortet Babin. Und: «Meiner Meinung nach gibt es keine ­Inkompatibilität zwischen einer sehr schönen mechanischen Uhr und der Tatsache, dass sie mit intelligenten Funktionen ausgestattet ist.»

Seine Ansicht begründet Babin mit einem Vergleich aus der Autowelt. Für Autofreunde sei der 12-Zylinder-V-Motor nach wie vor das Mass der Dinge. Die Einführung der elektronischen Einspritzung habe daran nichts geändert – niemand verlange weiterhin den alten Vergaser.

Die Smartwatch

Bulgari, das wird aus solchen Worten deutlich, lanciert eine Smartwatch. Bei der Diagono Magnesium sind die intelligenten Funktionen versteckt in einer ­mechanischen Uhr, die ganz normal ­aussieht. Das Stück kann Informationen speichern, mit Mobiltelefonen kommunizieren und – verschlüsselt und sicher – Daten mit einem Computer ­austauschen.

Der Vorteil laut Jean-Christophe Babin: Man kann die neuen Funktionen nutzen, wenn man will. Man kann aber auch ­locker darauf verzichten.