«Carole, erfinden Sie uns das Tourbillon neu!» Lapidarer lässt sich ein komplizierter Auftrag nicht formulieren. Und was machte Carole Forestier? Sie erfand das Tourbillon neu. Mit dem Astrotourbillon, Kaliber 9451 MC, gelang der hochbegabten Cartier-Konstrukteurin ein echter Coup. Die Idee, die Hemmpartie der Uhr in einem Drehkäfig – einem Tourbillon – in der Minutenspitze zu platzieren, hatte noch niemand.

Wie sie das macht? Indem sie sich ihre Ideen ganz altmodisch, aber systematisch aufschreibt. Forestier führt nicht einfach immer nur einen Blackberry, einen Laptop und ein iPad mit sich, auf das schon das fünfjährige Töchterchen daheim sehnsüchtig wartet. Sie hat vor allem stets einen Notizblock dabei. Nachts liegt er griffbereit neben dem Bett.

Solche Notizblöcke muss sie etliche vollgekritzelt haben. Seit die waschechte Chaux-de-Fonnière die Leitung der Werkentwicklung übernommen hat, lancierte Cartier nicht weniger als elf Kaliber. Dabei sind es erst gut fünf Jahre her, seit Cartier-Chef Bernard Fornas seiner Marke die volle uhrmacherische Tiefe verordnete, den Aufbau einer eigenen Entwicklung anordnete und die Konstruktion der Werkproduktion anpackte.

Die Chefuhrmacherin ist rückblickend selber verblüfft, in welchem Tempo der Wandel vonstatten geht: «Als ich anfing, waren wir zu zweit. Heute betreibt Cartier eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit 200 Leuten.» Das ist weit mehr, als bei vielen anderen Uhrenmarken die gesamte Mitarbeiterzahl beträgt. Allein die Abteilung Werke, die Forestier führt, zählt heute 30 Köpfe. Ein Blick auf die Teamaufstellung lohnt sich. Die drei Projektgruppen, die parallel nebeneinanderher arbeiten, sind jeweils sieben Leute stark: ein Projektchef, ein Konstruktionsingenieur, ein Ingenieur für die Serienfertigung, ein technischer Projektchef fürs Operationelle, ein Verantwortlicher für die Qualitätssicherung, ein Verantwortlicher für die Kostenkalkulation und ein Uhrmacher. Den braucht es, damit er beizeiten einbringt, wo er bei einer allfälligen Revision Platz braucht, um das Kaliber zügig zu zerlegen und wieder zu remontieren. Qualität und Erfolg sind bei Cartier alles andere als ein Zufall.

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Deshalb bleibt die Gruppe auch bis zur definitiven Serienfertigung für ihre Entwicklung verantwortlich. Also weit über die Industrialisierungsphase mit den Produktionszeichnungen, der Fertigung der Werkzeuge und Vorrichtungen unten in der feinmechanischen Werkstatt hinaus. Die Entwickler homologieren die Probeserie und anschliessend auch die erste produzierte Serie. Erst dann erteilen sie die definitive Freigabe und können sich neuen Aufgaben zuwenden. Gehäuseseitig sind die Crews kleiner (Projektchef, Konstrukteur und Verantwortlicher für die Serienfertigung), aber das rigorose Prozedere ist identisch.

Riesige Dichte an Neuentwicklungen

Die drei Entwicklungsteams sitzen keineswegs ständig zusammen. Ihre Arbeitsplätze hat Carole Forestier so eingerichtet, dass die Berufsgruppen nebeneinandersitzen. Also Konstrukteure neben Konstrukteuren, Fertigungsingenieure neben Fertigungsingenieuren, Uhrmacher neben Uhrmachern, Kostenrechner neben Kostenrechnern. So können sie sich jederzeit untereinander über ihre Fachprobleme austauschen.

Cartier hat die Forschung und Entwicklung räumlich so ausgerichtet wie die Produktion: Es gibt einen klaren Fluss. In diesem Fall von oben nach unten. Unter dem Entwicklungssaal sind die Modell- und Prototypenbauer untergebracht, darunter die Werkzeugmacherei und daneben das Atelier für die erste Vorserie. Alle einquartiert in einem eigens hochgezogenen Bau, der sich bestens in die vor zehn Jahren von Jean Nouvel konzipierte Anlage einfügt.

Was die Cartier-Konstrukteurin und ihre Teams leisten, hat man in der Geschichte der Uhrmacherei in dieser Dichte bisher noch nicht gesehen. Elf neue Werke legten sie bislang vor, darunter ein fliegendes Tourbillon, eine springende Stunde, einen ewigen Kalender, einen Chronographen, ein Zeitzonenwerk, das Astrotourbillon und einen Astrorégulateur, in dem allein vier neue Patente stecken.

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Schwungmasse, Hemmpartie und kleine Sekunde bilden beim Astrorégulateur eine Einheit, was konstruktiv noch einmal deutlich anspruchsvoller ist als ein klassisches Tourbillon. Die innere Logik hinter der Konstruktion ist unübersehbar. Sie kompensiert den schwerkraftbedingten Lagefehler der Gangpartie in der vertikalen Position. Die Cartier Astrorégulateur ist allerdings so komplex, dass nicht mehr als zwei Stück monatlich assembliert und ausgeliefert werden. Zu einem Preis von 250 000 Euro, ohne Mehrwertsteuer.

Breites Spektrum

Carole Forestiers konstruktive Kreativität konzentriert sich freilich keineswegs nur auf noch nie gesehene Komplikationen wie das Dürersche Epitrochoid. Bei dieser charmanten Spielerei für gebildete Menschen läuft das Sekundenrad kreisförmig um einen Mittelpunkt. Dabei beschreibt der ebenfalls kreisende Zeiger, der grösser sein muss als das Rad, die erstmals von Albrecht Dürer festgehaltene Kurve.

Forestier versteht sich auch bestens auf klassische Basiswerke. Mit dem automatischen Kaliber 1904, das in der stark gefragten Calibre de Cartier tickt, demonstrierte ihre Equipe, wie ein auf grosse Serien ausgelegtes mechanisches Werk von heute auszusehen hat. Für den Aufzug der beiden Federhäuser – Carole Forestier liebt grosse Gangreserven und spendiert möglichst allen Kalibern zwei Federhäuser – wählte sie eine Kraftübertragung über eine Klinkengabel. Diese Weiterentwicklung des Pellaton-Systems mit den beiden Einzelklinken hat den Vorteil, weniger Höhe zu beanspruchen, weniger Teile zu benötigen, sehr viel einfacher zu sein als eine herkömmliche Kraftübertragung über ein Planetengetriebe, gleichzeitig auch einfacher in der Assemblage und insgesamt dauerhafter. Mithin ein echter technischer Fortschritt und derzeit sicher der Massstab unter den neueren Werken.

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Ein Blick auf den Dauerlast-Prüfstand unten im Hause lohnt sich ganz besonders. Cartier simuliert hier Lebenszyklen und testet die eigenen, aber auch andere Werke, soweit sie für die Einstiegsmodelle der Kollektion in Frage kommen: «Wir kennen die Schwachpunkte aller getesteten Kaliber sehr genau. Das gibt uns einen Vorsprung bei der Konstruktion der neuen Werke», so die Chefin der Werkkonstruktion.

Ihre Mitarbeiter rekrutiert Carole Forestier häufig an der ENSMM, der 1902 gegründeten Ecole Nationale Supérieure de Mécanique et des Microtechniques im französischen Besançon. «Es sind sehr gute Köpfe mit einer exzellenten Ausbildung und der Fähigkeit, intensiv nachzudenken», zollt sie dem Niveau dieser Ingenieurschule Respekt, die auch den Nachwuchs für Peugeot-Citroën im nahen Sochaux formt. «Uhren und Getriebe sind fundamental identisch, es ist alles eine ‹histoire des connections›, eine Beziehungsgeschichte, und damit immer eine Frage der Kräfte und der Übersetzungen. Einzig die Dimensionen sind anders.»

Genetisch vorbelastet

Wie die Beziehungsgeschichten ablaufen, interessierte sie schon immer. «Warum diese Wippe an dieser Stelle?» Ihre Uhrmachereltern wussten stets die präzise Antwort. Insofern war es nur natürlich, dass sie sich dafür entschied, das Uhrmacherhandwerk zu erlernen – keine beliebte Berufswahl Mitte der achtziger Jahre. Den meisten Eltern sass der Schock der Uhrenkrise noch so tief in den Knochen, dass sie ihren Kindern dringend davon abrieten.

So fügte es sich, dass Carole Forestier die Klasse der Uhrmacherschule in La Chaux-de-Fonds mit einem einzigen anderen Lehrling teilte. Mit der Zweisamkeit war es erst vorbei, als die Ecole d’Horlogerie d’Anet – eine berühmte französische Schule – im Jahr 1987 geschlossen und die restlichen Schüler für die Ausbildung nach La Chaux-de-Fonds geschickt wurden.

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Aber wie kam es, dass die Eltern Forestier ihre Tochter nicht daran hinderten, Uhrmacherin zu werden? «Sie waren beide Uhrmacher und hatten sich auf die Restauration antiker Uhren spezialisiert. Diese Nische kannte keine Krise.»

Nach der Uhrmacherschule rückte Carole Forestier ins Technikum ein. Wieder als eine von lediglich zweien in einer Klasse. Auf der anderen Seite des Pults freilich sassen motivierte Dozenten, die sich ganz auf die begabte Schülerin konzentrieren konnten. Von der Abschlussarbeit der angehende Technikerin war der begleitende Experte dann so angetan, dass er sie nach dem Examen umgehend in seinem Ingenieurbüro einstellte. So kam es, dass Forestier für Zenith das Elite-Kaliber 680 mit dem automatischen Aufzug konstruierte.

Nächste Etappe war das Ingenieurbüro Renaud & Papi, dem der grosse IWC-Chef Günter Blümlein die Konstruktion der Grande Complication anvertraut hatte. Auf Forestier kam die Aufgabe zu, für A. Lange & Söhne die Kraftübertragung vom Federhaus aufs Räderwerk über Kette und Schnecke – also ein Differenzial – zu entwickeln.

So viel Begabung bleibt nicht lange verborgen, und so wurde Cartier auf die junge Konstrukteurin aufmerksam, als das Haus die Collection Privée aufbaute und dafür in Neuenburg ein Entwicklungsbüro einrichtete. Das war vor zwölf Jahren. Cartier, damals noch Teil der Vendôme Luxury Group, teilte dieses Büro mit Piaget und Van Cleef & Arpels. Als sie schliesslich das Angebot erhielt, fortan exklusiv für Cartier zu arbeiten, musste Forestier nicht lange überlegen. Der tägliche Arbeitsweg verkürzte sich stark, die Möglichkeiten erweiterten sich noch sehr viel stärker. Dass sie die kongeniale Person war, um Cartier uhrmacherisch in eine andere Umlaufbahn zu katapultieren, beweisen die vorgelegten Leistungen eindrücklich.

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Im Bewusstsein, werktechnisch keine epische Geschichte herunterdeklinieren zu können, wählte Cartier die Philosophie, sich immer etwas Neues einfallen zu lassen. Das Bekenntnis zur ästhetischen und technischen Kreativität mündet heute in faszinierend andere Uhren. Ihren schönsten Ausdruck findet diese Philosophie für Carole Forestier derzeit im Astrotourbillon. «Diese Uhr lässt niemanden kalt. Die Laien begeistert die mysteriöse Technik, die sie sehen. Die Fachleute freuen sich an den gewählten Lösungen.» Anerkennung von allen Seiten – etwas Besseres kann sich eine Konstrukteurin nicht wünschen.