Jetzt warnen viele vor der Euphorie: Es sei ja schön und gut, dass wir bald gegen Covid-19 geimpft werden können, aber bis zur alten Normalität werde es noch lange dauern. Zu vieles sei unklar, insbesondere die Frage, wie viele Menschen sich denn tatsächlich impfen lassen; und ob diese Beteiligung genüge, um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen – also das Virus vollends zu verjagen.

Aber eigentlich kann man sich doch recht genau ausrechnen, wann wieder Normalität herrschen kann, soll und hoffentlich wird. Es dürfte irgendeinmal nach der Jahresmitte 2021 sein. Spätestens.

Weshalb dann? Weil dann, so Gott und die Pharmaindustrie will, genügend Impfdosen greifbar sind, um alle Menschen aus allen Risikogruppen zu schützen, zumindest in Europa.

Vergleich mit den Rauchern

Sobald aber dieser Punkt erreicht ist, kippt die Last der Verantwortlichkeit von der Gesellschaft zum Individuum: Wer ­unter einer Vorerkrankung leidet, aber sich nicht impfen lassen will, kann ab diesem Tag nicht mehr erwarten, dass fitte junge Menschen seinetwegen auf die Party verzichten, dass die Young Boys vor leeren Rängen spielen oder Serviceangestellte mit Maske arbeiten.

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Kein Bürger darf gezwungen werden, sich impfen zu lassen. Aber wer verzichtet, kann kaum verlangen, dass die Mitmenschen seinetwegen die Atemluft filtern. Dergleichen käme auch keinem Raucher in den Sinn. Wer ein Risiko vermeiden kann, muss auch eine entsprechende Eigenverantwortung schultern.

«Die Grenzen zwischen Solidarität und Eigenverantwortung müssen jetzt wieder neu ausgemessen werden.»

Natürlich ist das ein sehr schablonenhaftes Bild. Doch es hilft, die Grenzlinien zwischen Solidarität und Privathaftung neu auszumessen. Die entsprechende Debatte steht jetzt an, und sie wird gewiss heftig.

Wissenschafter weisen zum Beispiel auf eine stille Unsicherheit hin: Womöglich schützt der neue Impfstoff zwar viele – aber ausgerechnet bei den arg bedrohten älteren Menschen versagt er. Und vielleicht lässt die Wirkung rasch wieder nach. In diesem Fall würde sich der Druck nochmals verlagern: Die Verantwortlichkeit des Einzelnen wäre dann doch wieder kleiner; umso entscheidender würde es, dass sich die Gesamtbevölkerung impfen lässt. Denn wenn man grosse «vulnerable Gruppen», so der Fachbegriff, nicht direkt per Impfstoff abschirmen kann, wird die breite Epidemien-Bekämpfung wesentlicher. Zugleich dürfte dann die allgemeine Verunsicherung länger anhalten.

Gute Signale von Big Pharma

Die Signale aus der Forschung und von Big Pharma lassen immerhin hoffen. Der Wirkstoff von Biontech und auch jener von Moderna haben offenbar eine hohe Effizienz von über 90 Prozent – was helfen würde, das Virus via Herdenimmunität einzugrenzen, selbst wenn ältere Menschen schlecht ansprechen. Und immerhin meldete Biontech inzwischen, dass die Wirksamkeit bei Menschen über 65 ähnlich hoch sei wie bei Jüngeren. Auch das Covid-19-Impfteam der Universität Oxford deutete jüngst an, dass sein Impfstoff auch bei älteren Testpersonen eine gute Immunreaktion geweckt habe.

Die Chancen stehen also gut, dass wir bald schon präzise den Tag bestimmen können, an dem Covid-19 weitgehend Privatsache wird. Und weniger ein gesellschaftliches Problem.

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