Sportler, Politiker und andere wohlhabende oder gut vernetzte Menschen bekommen während der Pandemie eine Sonderbehandlung – werden mehr getestet oder erhalten noch nicht genehmigte Behandlungen gegen das Virus. Prominentestes Beispiel ist Donald Trump, der mit zahlreichen Medikamenten wie Dexamethason, Remdesivir und Regeneron gegen das Coronavirus behandelt wurde. Diese waren zu dem Zeitpunkt für die breite Bevölkerung nicht erhältlich.

Einige Experten befürchten nun, dass es bei den Impfstoffen nicht anders sein wird, sobald sie zugelassen sind. Der Bioethiker Arthur Caplan von der New York University sagte gegenüber dem US-Gesundheitsnachrichtendienst «Statnews»: «Es wird auf jeden Fall einen Schwarzmarkt geben». Das sei immer so bei lebensrettenden Dingen, die nur in beschränkter Menge verfügbar sind.

Gerade für Reiche dürfte es zahlreiche Möglichkeiten geben, sich vorzudrängeln. Dazu gehört die Änderung der Definitionen von «essenziellen Arbeitskräften» oder «Hochrisiko-Gruppen», etwa durch Lobbyarbeit, Druck auf die Ärzte oder sogar Bestechung und Diebstahl, sagten Experten zu «Statnews».

Börsentrader als «essenzielle Arbeitskräfte»

Es wird erwartet, dass «essenzielle Arbeitskräfte» einen frühen Zugang zum Impfstoff erhalten, doch die Definition dieser Kategorie ist offen für Interpretationen durch die staatlichen Gesundheitsministerien. «Der Teufel wird in den Details stecken, wie der Staat sein Programm durchführt», sagte Bill Lang, der medizinische Direktor einer Telemedizin-Firma für reiche Kunden in den USA.

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Ein Beispiel sind die Arbeitnehmer der Finanzdienstleistungsbranche, die in den USA als «essenziell» betrachtet werden. Und dabei geht es nicht nur um Bankkassierer mit täglichem Kundenkontakt. «Es blieb ein bisschen nebulös, aber am Ende ging es um Leute, welche die Geldbewegungen an den Börsen und in den Banken am Laufen halten», sagte Lang. «In New York und Illinois wurden sie sehr weit gefasst, weil dort so viele Finanzdienstleister angesiedelt sind», so Lang.

Doch es geht noch abwegiger: Der US-Bundesstaat Florida erklärte während der Pandemie das World Wrestling Entertainment (WWE) zu einer «essenziellen Industrie», damit es trotz Lockdown weiter Kämpfe durchführen konnte. Ob die Wrestler in Florida auch beim Impfstoff priorisiert werden, ist laut «Statnews» noch unklar.

Gefälligkeitszeugnisse für «Hochrisiko-Patienten»?

Eine andere Lücke, die ausgenutzt werden könnte, ist die Definition von «Hochrisiko-Gruppen», die ebenfalls früh geimpft werden sollen. Für das Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), das in den USA die Empfehlungen ausspricht, zählen etwa Raucher zu dieser Gruppe, ebenso wie Menschen mit Vorerkrankungen, zum Beispiel Asthma oder Bluthochdruck.

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Dies lässt den Ärzten einen Spielraum, um zum Beispiel das leichte Asthma eines Patienten als schwer genug darzustellen, um einen frühen Zugang zu einem Impfstoff zu rechtfertigen. Die Profitmotive innerhalb des US-Gesundheitswesens machen es besonders anfällig für solche Verzerrungen, sagte Jonathan Cushing, Gesundheitsexperte bei Transparency International.

Die Übertreibung von Krankheiten wäre kein neues Phänomen im medizinischen System der USA. Die Versicherungsgesellschaften haben Medicare-Patienten als kränker dargestellt, als sie tatsächlich waren, um höhere staatliche Auszahlungen zu erhalten. In ähnlicher Weise könnten Ärzte für wohlhabende Patienten sicherstellen, dass sie zu den ersten gehören, die die Impfstoffe erhalten.

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Diebstahl in Apotheken, Notfallkliniken und Arztpraxen

Impfstofflieferungen könnten zudem gestohlen und weiterverkauft werden. Trotz GPS-Tracking: «Wenn jemand eine Möglichkeit sieht, mit dem Abfahren einer Palette von Impfstoffen mit einem Gabelstapler gutes Geld zu verdienen, bin ich sicher, dass jemand herausfinden wird, wie man das macht», sagte Bioethikerin Alison Bateman-House zu «Statnews».

Die grössere Gefahr droht indes in Apotheken, Notfallkliniken und Arztpraxen. Dort könnten Impfstoffe leicht durch Bestechung und Diebstahl in die falschen Hände geraten, so die Experten.

Nicht nur ein US-Problem

Experten sind überzeugt, dass Trump und andere US-Politiker mit ihren Spezialbehandlungen gefährliche Präzedenzfälle geschaffen haben. Bioethiker Caplan hofft deshalb auf die öffentliche Anprangerung der Vordrängler: «Alle müssen sie verurteilen: Die Medien, die Nachbarn und die Chefs, alle.»

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Obwohl der Artikel von «Statnews» auf die Probleme im US-Gesundheitssystem fokussiert, sind viele der beschriebenen Missbräuche auch in der Schweiz denkbar. Die Problematik der «Gefälligkeitszeugnisse» besteht auch hierzulande. Und wer bei uns zuerst an die Reihe kommt, wird auch noch für Diskussionen sorgen.

(gku – mlo)