Kein roter Teppich. Her­ren im Smoking, Da­men im Pelzgewand? Fehlanzeige. Dafür zwei Kleinkinder, die uns in der Lobby empfangen. «Wir wohnen hier für zwei Wochen», sagen sie stolz, als wären sie in ihrer Stube. Sogar et­was herumtoben in den Socken liegt drin. Der junge Mann an der Rezepti­on wird deshalb nicht nervös, sondern lächelt entspannt. Eine Brise Unge­zwungenheit heisst uns willkommen. Keine steife Noblesse, wie man sie von Häusern der gehobenen Klasse kennt.

An der offenen Bar neben der Lobby stösst eine kleine Gesellschaft zum Apéro an. Die Eltern unseres Empfangskomitees sind dabei, weite­re Kinder, Herrschaften im gesetzten Alter. Man denkt an eine Grossfamilie. Zurecht, wie wir vom Hoteldirektor Thierry Geiger erfahren. Auch er ohne Krawatte. Niemand trägt hier eine. «Über die Hälfte unserer Klientel sind Familien», erzählt der Bündner. Er führt das Hotel Saratz in Pontresina mit seiner Frau seit 2008. Die Krönung ist für ihn, wenn selbst die Grosseltern anreisen. «Wir wollen Generationen zusammenbringen.» Für solche Bu­chungen gewährt man Sonderrabatte.

Pontresina ist nicht St. Moritz. Gei­ger kennt den Unterschied. Im zehn Kilometer entfernten Oberengadinger Nobelort arbeitete er in den Fünf­sternehotels Suvretta House und Kem­pinski. Zuletzt führte er das «Crystal». Es ist wie das «Saratz» mit vier Sternen superior klassifiziert. Die Kundschaft unterscheidet sich markant. «Wer nach St. Moritz geht, will Luxus sehen und zeigen», sagt Geiger. Im «Saratz» macht man eher auf gediegenes Un­derstatement. Der Luxus heisst hier: Nichts müssen, alles können.

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Tradition und Moderne

Etliche Top­Manager, der Gastge­ber nennt keine Namen, entfliehen hier dem Jobstress und verbringen mit Kind und Kegel entspannte Ferien auf hohem Niveau. Dafür sorgt nicht nur die Lage Pontresinas auf 1805 Meter über Meer. Die Details stimmen im «Saratz», wo Tradition auf Moderne trifft. Das vor 150 Jahren erstellte Haupthaus kontrastiert auf attraktive Weise zum neuen Zusatztrakt. Die Trennlinie der 93 Zimmer und Suiten führt mitten durch die Lobby.

Dem Belle­Epoque­Stil getreu renovierte Altbauzimmer mit zeitge­ mässen Nasszellen stützen den Trend. Fast jedes hat seinen eigenen Charme. «Viele Gäste buchen jedes Jahr den gleichen Raum», sagt Geiger. Manch­ mal vergessen sie vor lauter Gewohn­ heit sogar die Reservation. Dann mel­ det sich das «Saratz» rechtzeitig und fragt telefonisch nach. Vier von fünf Buchungen kommen aus der Schweiz. Das Geschäft verteilt sich je zur Hälfte auf Sommer und Winter. Ein Shuttle­bus fährt die Skitouristen zu den Lif­ ten nach Celerina, für Langläufer bie­ tet Pontresina praktisch vor der Haus­ tür ein vielfältiges Loipenparadies.

Nach dem Frühstück staunen wir nicht schlecht. Der Rezeptionist von gestern macht heute auf sportlich. Im ungewohnten Laufdress versammelt er eine Handvoll Gäste um sich, auch sie in Turnschuhen. Angesagt ist eine Joggingrunde in der Umgebung. «Je­der Mitarbeitende bietet unseren Besuchern einmal wöchentlich ein geführtes Programm an», erklärt der Patron. Sei es eine Führung durch die historischen Hotelräumlichkeiten, ein Kulturspaziergang durch das winter­liche Pontresina oder im Sommer eine Velotour mit den hauseigenen Moun­tainbikes, deren Qualität sich Thierry Geiger einiges kosten lässt.

Premiere Geothermie

Der Chef selbst zeigt den Gästen mit Stolz die neue geothermische An­lage auf dem Hotelgelände. Via eine 1350 Meter tiefe Bohrung in den Boden wird von Erdwärme erhitztes Wasser an die Oberfläche gepumpt und in Energie umgewandelt. Die Premiere dieser Art im Alpenraum ging für die Wintersaison 2014/15 in Betrieb und wird 65 bis 70 Prozent des Wärmebedarfs im Haus abdecken. Grüne Energie statt roter Teppich. So nachhaltig tickt das «Saratz».