«Extrem-Elfer» nennt ihn der Hersteller. Ein solches Auto in Lava-Orange, mit Bügelbrettflügel am Heck und durchlöchert von Lufteinlässen und Luftauslässen, wirft unweigerlich Fragen nach der Sozialverträglichkeit auf.

Doch schon beim Tanken im Industriegebiet zieht ein Knabe seinen Papi vom Dacia zum Porsche, und mit leuchtenden Augen lassen sich die beiden alles erklären – die Sechspunktgurte und Ultrabreitreifen, die mitlenkende Hinterachse, die Kurbelwelle aus Formel-1-Material, die Taste fürs Boxengassentempo. Auf der Autobahn überholt ein Pärchen im scharfgemachten Teutonen-Kombi – statt mitleidig-feindseliger Blicke, die ich erwartet hatte, winken beide, und sie hebt gratulierend den Daumen.

Jede Form folgt der Funktion

Man lernt nie aus. So ostentativ, so herausfordernd, wie der GT3 RS auftritt, hatte ich vermutet, er werde als Posierer-Karre wahrgenommen; so kann man sich täuschen. Tatsächlich wird seine wahre Natur, sein Zweck erkannt: Er ist ein Werkzeug. Nicht die kleinste Strebe dient der Show, jede Form folgt der Funk­tion.

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Ein in Giftfarbe lackiertes Skalpell der Strasse, bis hin zum Heckflügel, der für einmal nicht wie ein Aargauer Manifest zur Demonstration persönlicher Sportlichkeit aussieht – sondern wie ein präzises Instrument der Luftwiderstandswissenschaft.

Fahrspass pur bei brüllendem Boxermotor

Und es macht seine Arbeit gut. Wer in langen Kurven das Gaspedal Richtung Bodenblech tritt, erlebt eine Überraschung: Das Auto schmiegt sich fester und fester an die Strasse; das Vertrauen weicht nicht, es wächst. Dank dem Heckflügel beträgt der Anpressdruck 345 Kilogramm – viel mehr können nicht einmal Cup-Rennwagen liefern.

Strassenlage und Beschleunigung gehören zum Allerbesten, was es zu kaufen gibt. Auch weil Leichtbau regiert. Das Dach besteht aus Magnesium, die Hauben vorn und hinten aus Kohlefaser, im Innenraum sind einige Details spürbar spartanischer gearbeitet: Wer am Sicherheitsgurt ruckt, erntet ein metallischeres Geräusch als im üblichen 911. Aber wer ruckt schon am Gurt?

Man freut sich lieber über den brüllenden Boxermotor, der das Übermass an Leistung aus vergleichsweise bescheidenen 500 PS entfacht. Diverse Kombis mit nachmodelliertem Muskeltonus haben deutlich mehr unter der Haube. Mehr Kofferraum sowieso. Aber der amtierende Fahrspass-Weltmeister GT3 RS kann und will nicht zugleich ein Raumwunder sein. Ja, liebe Kombifahrer, Ihr habt recht: Daumen hoch!

Porsche 911 GT3 RS
Antrieb:
Vierliter-Boxer­motor mit sechs Zylindern
Leistung: 500 PS (368 kW)
Beschleunigung 0–100 km/h: 3,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 310 km/h
Verbrauch: 12,7 Liter Super Plus
Preis: ab 221'600 Franken

 

Dirk Ruschmann fährt seit 25 Jahren Auto und arbeitet seit zehn Jahren für die BILANZ. Er schreibt über Unternehmen, Manager, Autos und andere bewegliche Teile.