Die Gen Z ist auch die Generation Tiktok-Trend. Und spätestens als «House of the Dragon»-Star Emma D’Arcy mit den ikonischen Worten «Negroni Sbagliato; with prosecco in it» viral ging, stürzte sich die Gen Z auf den über hundertjährigen Drink. Es gibt sogar Spotify-Playlists mit diesen Worten im Titel. Wobei D'Arcys Lieblingsdrink kein echter Negroni ist, sondern, wie der italienische Name sagt, ein «falscher».
Genau das ist der Punkt: Der echte Negroni ist zwar ein Klassiker der Barkultur. Doch die Grenze zwischen traditionell und veraltet ist hier ein schmaler Grat. Erfunden wurde der Negroni um 1920 im Caffè Casoni an der Via de' Tornabuoni in Florenz, das heute als Caffè Giacosa weiterlebt. Benannt ist er nach dem Grafen Camillo Negroni – einer Figur wie aus einem Abenteuerroman. Er ritt durch die amerikanische Prärie, machte bei Rodeos mit und gab Fechtkurse in New York, bevor er 1912 in die Heimat zurückkehrte. Eine schillernde Figur der Jahrtausendwende. Dementsprechend hat er seinen Drink bestellt: Der Americano – drei Zentiliter Campari, drei Zentiliter roter Wermut und Sodawasser – war ihm nicht stark genug, also liess er ihn beim Barkeeper Fosco Scarselli kurzerhand mit Gin verlängern.
Für einen Negroni verrührt man im gekühlten Tumbler je drei Zentiliter Gin, roten Wermut und Campari mit Eiswürfeln. Garniert wird er mit einer halben Orangenscheibe oder einem Orangenzestentwist, der dem Drink eine Zitrusnote verleiht. Trotz der Einfachheit seiner Zubereitung ist der Negroni überraschend komplex im Geschmack. Süss und schwer auf der Zunge, kantig im Abgang und bitter im Nachgeschmack. Beeindruckend bei den ersten paar Malen, auf Dauer aber monoton.
Der Negroni findet neue Wege
Selbst die Mixologie tüftelt mit neuen Zutaten am Rezept herum: Beim Negroski ersetzt Wodka den Gin, beim Boulevardier übernimmt Bourbon Whiskey diese Rolle, und beim Lucien Gaudin Cocktail kommt mit Triple Sec eine vierte Komponente dazu. Kantig und schwer auf der Zunge bleiben sie alle.
Genau deshalb begrüsse ich moderne Variationen, die dem Drink eine dringend benötigte Frische verleihen. Der White Negroni etwa überrascht angenehm: Er ist heller und zugänglicher als das Original. Anstelle von Wermut kommt der französische Weinaperitif Lillet ins Glas. Statt Campari der Bergamotte-Likör Italicus, der dem Drink eine unerwartet aromatische Tiefe gibt. Und die Garnitur aus Zitronenzeste und Olive unterstreicht das Zusammenspiel von Frisch und Intensiv aufs Schönste.
Wer dem Negroni treu bleiben will, aber etwas Aufregung sucht, bestellt sich wie Emma D'Arcy einen Negroni Sbagliato. Der Gin als Basis fällt weg, Campari und Wermut werden mit Eis verrührt und mit einem trockenen Spumante wie Prosecco aufgegossen. Das macht ihn leichter und prickelnder – der Graf würde sich wohl im Grab umdrehen.
Typisch: Campari

Campari wird aus einer geheimen Mischung von etwas mehr als achtzig Kräutern, Früchten und Gewürzen hergestellt, die in Alkohol eingelegt werden. Der italienische Bitterlikör wurde 1860 von Gaspare Campari kreiert und besticht durch Noten von Orangenschale, Kirsche und Gewürzen. Seine markante rote Farbe stammt heute von künstlichen Farbstoffen.
Campari, Italien, 35 Franken, 25% vol. Alk.

