Das Schlagwort heisst 5G. Damit soll die digitalisierte Zukunft eingeläutet werden. Zwar wissen die wenigsten, was sich technisch hinter der Reizvokabel verbirgt, allerdings ist man sich allerorts einig: Immer schneller soll es gehen, gerade wenn es um den internationalen Standortwettbewerb geht.

5G symbolisiert eine wichtige Tendenz des 21. Jahrhunderts. Die Bedeutung des Raumes nimmt zugunsten der Zeit ab. Wer Erfolg haben will, muss schneller sein als seine Konkurrenz. Distanzen werden nicht mehr in Raum-, sondern in Zeiteinheiten gemessen. Drohnen statt Postboten, heisst die Devise. Dafür erforderlich ist ein Kommunikationsnetz, das in Echtzeit abläuft. Zwischen Bestellung, Produktion und Auslieferung soll möglichst wenig Zeit verstreichen, und dafür müssen Maschinen und Infrastrukturen immer schneller miteinander kommunizieren.

Der Schnellere gewinnt immer

Wer diese Dynamik des 21. Jahrhunderts verstehen will, muss die Macht der Geschwindigkeit verstehen. Der vor einem Jahr verstorbene französische Medientheoretiker Paul Virilio hat vor mehr als vierzig Jahren einen Grundlagentext dazu geschrieben. Ausgehend vom griechischen Wort «Dromos», dem Lauf, interessiert sich Virilio für die Logik der Bewegung, die gemäss ihrer Wortbedeutung stets auch Wettlauf und Rennbahn ist. Der Schnellere gewinnt immer. Politik und Macht, so die These von Virilio, müssen daher immer als Ergebnis eines Geschwindigkeitswettbewerbs verstanden werden.

Dies entspricht dem, was wir unter Technik verstehen. Technische Entwicklung beinhaltet immer das Versprechen von Beschleunigung. Zumindest habe bisher noch nie jemand eine Maschine erfunden, deren Aufgabe es wäre, einen Prozess zu verlangsamen, wie Virilioin einem Gespräch mit Jean-Louis Violeaueinst bemerkte. Für Virilio ist es das Militär, das die Kraft der Geschwindigkeit lange Zeit am besten symbolisierte. Ein Pferd überrennt langsame Truppen, ein Panzer überfährt stillstehende Schützengräben.

 Paul Virilio

«Geschwindigkeit und Politik – Ein Essay zur Dromologie», Paul Virilio, Merve Verlag, Berlin 1980.

Quelle: ZVG
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Diese Macht der Geschwindigkeit, die stets auch Unfälle mit sich bringt, hat sich im letzten Jahrhundert entscheidend auf weitere Sphären unserer Gesellschaft ausgedehnt. Heute ist es die Technik, welche die machtvolle Rolle des Militärs übernommen hat. Wer beispielsweise über das Tempo des Internets zu bestimmen oder in Echtzeit Börsendaten auszuwerten vermag, manövriert an der Spitze des Geschwindigkeitswettbewerbs. Als «Dromokratie» bezeichnet Virilio eine Gesellschaft, die von der Geschwindigkeit beherrscht wird. Der Schnellste gibt in Politik und Wirtschaft den Takt an und definiert die Spielregeln.

Virilios Schreiben ist assoziativ und bruchstückhaft und bietet keine abschliessende Theorie der Geschwindigkeit. Doch gerade darin liegen die Stärke und der Grund, wieso man sein Essay auch heute noch lesen kann. Es ist weniger die ausgeklügelte Methode, es sind vielmehr die feinen Beobachtungen zur Geschwindigkeit, die man sich zu eigen machen will, um mit Virilio die aktuellen Dynamiken und ihre Paradoxien zu verstehen. Die Geschwindigkeit definiert unsere Raum-, Zeit- und Realitätsvorstellung. Virilios Essay hilft zu verstehen, worum es im Rennen um den neuen Mobilfunkstandard 5G wirklich geht.

*Karin Frick ist Forschungschefin am Gottlieb Duttweiler Institut.