BILANZ: Vernon Smith, Sie werden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, weil Sie in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung erstmals mit Experimenten gearbeitet haben. Wozu braucht die Wirtschaftswissenschaft Experimente?
Vernon Smith:
Die Ökonomik fusst auf Theorien, sie steht daher der Philosophie in gewisser Weise näher als den Naturwissenschaften. Mit Feldversuchen lassen sich die ökonomischen Theorien jedoch nur schwer nachprüfen. Leichter ist eine Überprüfung unter Laborbedingungen.

Wie bitte?
In unseren Experimenten können wir alle relevanten Parameter kontrollieren. Wir können zum Beispiel festlegen, was die Teilnehmer über einen Markt wissen und wie sie für ihre Handlungen finanziell belohnt oder bestraft werden. Das hilft uns zu verstehen, wie Märkte funktionieren – und warum sie mitunter versagen.

Wie muss man sich Ihre Experimente vorstellen?
Wir haben beispielsweise das Geschehen an Finanzmärkten simuliert. Im Experiment bekommt jeder Mitspieler eine Grundausstattung mit fiktiven Aktien und Bargeld. Ziel der Mitspieler soll es sein, am Ende des Spiels möglichst viel Bargeld zu besitzen. Es gibt 15 Spielrunden, nach jeder Runde werden mit vorab festgelegten Wahrscheinlichkeiten Dividenden in vorab festgelegter Höhe ausgeschüttet. Unter solchen Bedingungen ist der fundamental zu erwartende Wert der Aktien eindeutig definiert, der Kurs der Aktien sollte sich entlang eines vorhersehbaren Pfads bewegen – das tut er aber nicht.

Sondern?
In solchen Experimenten passiert immer dasselbe: Zu Beginn sind die Aktien unterbewertet, dann bildet sich eine spekulative Blase – und schliesslich gibt es einen Crash. Unter dem Strich verlieren die meisten Teilnehmer Geld. Lässt man die Mitspieler das Experiment wiederholen, sehen Sie Lerneffekte: Die Blase entsteht früher und ist kleiner, entsprechend glimpflicher fällt der Crash aus. Bei einer zweiten Wiederholung dann bleibt der Aktienkurs in der Nähe des fundamentalen Werts.

Für Anleger ein schwacher Trost, denn in der Realität gibt es keine Wiederholungen.
Ja. Die Ergebnisse unserer Experimente sind nicht geeignet, das Vertrauen in reale Börsen zu stärken.

An solchen Experimenten nehmen vor allem Studenten teil. Würde mit Börsenprofis dasselbe passieren?
Aber sicher. Wir haben diese Experimente auch mit Börsenhändlern durchgeführt – das Ergebnis ist genau das gleiche. Eine Ausnahme zeigt sich seltsamerweise nur, wenn man Geschäftsleute für das Experiment heranzieht. Die schneiden aussergewöhnlich schlecht ab. Bei denen steigen die Preise in der Blase noch weitaus höher – und der anschliessende Crash fällt umso härter aus.

Warum zeigen die Menschen ein Verhalten, das zu solchen Blasen führt?
Eine zentrale Rolle spielt vermutlich überzogenes Selbstvertrauen. So wie unsere Experimente konstruiert sind, kann man mit Kurssteigerungen nur Gewinne machen, wenn ein anderer Mitspieler entsprechende Verluste erleidet; Informationsvorsprünge gibt es nicht. Wenn dennoch eine Blase entsteht, dann deshalb, weil zumindest einige Teilnehmer glauben, schlauer zu sein als der Markt.

Wie können Blasen verhindert werden?
Anders als im Labor ist der fundamentale Wert von Aktien an wirklichen Börsen nicht bekannt. Es ist daher sehr schwer nachzuweisen, ob es eine Blase gibt oder nicht. Aber selbst wenn eine Blase eindeutig identifiziert werden könnte: Mir fällt kein Rezept ein, wie man Anleger daran hindern könnte, sich selbst in den Fuss zu schiessen.

In diesem Jahr gewinnt – neben Ihnen – Daniel Kahneman den Preis, im vergangenen Jahr waren es Joseph Stiglitz und zwei weitere US-Ökonomen, die ebenfalls die Anfälligkeit von Märkten betonen. Ist das ein Beleg dafür, dass die über Jahrzehnte hinweg dominante «Chicago-Schule» mit ihren dezidiert wirtschaftsliberalen Rezepten auf dem Rückzug ist, wie dies Stiglitz behauptet?
Das ist die Art von Dingen, die Joseph Stiglitz gerne glaubt. Mir geht das viel zu weit. Wenn man menschliches Verhalten oder Märkte untersucht und dabei alle Aufmerksamkeit auf Fehler und Anomalitäten legt, dann findet man, was man finden will, nämlich Fehler und Anomalitäten. Richtig ist allerdings auch, dass die experimentelle Ökonomik zeigt: Viele Märkte müssen passgenaue Rahmenbedingungen haben – sonst funktionieren sie nicht richtig.

Für welche Märkte gilt das?
Zum Beispiel für Strommärkte. Man sollte nicht die Preise, die Energieversorger für Strom zahlen, freigeben, solange nicht auch die Preise im Endkundengeschäft frei schwanken können. Denn sonst treiben sie die Versorger in den Bankrott, wenn Strom teurer wird – wie es Kalifornien im vergangenen Jahr erlebt hat. Es kommt also auf das Design an.

Interview: Olaf Gersemann, «Wirtschaftswoche»
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