Esther Wojcicki (78) ist in ­Amerika berühmt für ihr Journalismus-­Programm an der Palo Alto High School, das jährlich 700 Kinder durchlaufen. Noch berühmter ­allerdings sind ihre Töchter: Susan, die älteste (51), war eine der ersten Angestellten von Google und ist heute CEO der Tochter Youtube – in ihrer Garage wurde der Suchmaschinengigant gegründet. Die jüngste, Anne (46), heiratete den Google-Gründer Sergey Brin, machte aber ihre eigenen Millionen mit der Gründung des Gen-Analyse-­Startups 23 and Me. Die mittlere Tochter Janet (49) ist immerhin Dozentin für Kindermedizin an der Universität von Kalifornien in San Francisco.

Gemeinsam erwirtschafteten die Töchter mehr als 1 Milliarde Dollar. Ihren Karrieren opferten sie nicht einmal die Familie: Susan hat fünf Kinder, Janet zwei und Anne drei.

Ihr Buch heisst «Panda Mama» – was macht eine Panda-Mutter aus?

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Esther Wojcicki: Bei den Pandas laufen die Kleinen quer über den Baum und tun, was sie wollen. Die Panda-Mutter kümmert sich nur, wenn ein kleiner Panda etwas braucht. Heute können die Kleinen aber nichts mehr tun, ohne dass der grosse Panda das für sie managt. Inzwischen macht sogar der Begriff «Schneepflug-­Parenting» Furore – das sind die Eltern, die ihren Kindern vermeintlich den Weg freiräumen. Dabei ist es für die Entwicklung von Kindern entscheidend, ihnen Unabhängigkeit zu geben und sie ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen.

Macht es nicht Sinn, es Kindern leichter machen zu wollen?

Leider lernen Kinder so nicht, selbstständig mit Widrigkeiten umzugehen. Es macht sie ängstlich und nimmt ihnen das Selbstbewusstsein. Heutzutage haben Personalabteilungen ein grosses Problem, Leute zu finden, die bereit sind, Risiken einzugehen.

Die Ökonomen Matthias Döpke und Fabrizio Zilibotti vertreten die These, dass es in Ländern mit grosser Ungleichheit ökonomisch Sinn macht, wenn Eltern mit allen Mitteln ihre Kinder fördern – Privatschule, Ballett, Klavier, Fussball und Nachhilfe; das Investment soll garantieren, dass die Kinder später zur Oberschicht gehören.

Ich verstehe, wenn man seinen Kindern alle Vorteile mit auf den Weg geben will. Aber leider bleibt ihnen so keine freie Zeit und keine Selbstbestimmung. Langeweile ist wichtig, damit Kinder lernen, etwas mit sich anzufangen. Das Gleiche gilt für zu viel Zeit mit dem iPhone. Für junge Kinder ist es am wichtigsten, zu spielen und ihre sozial-emotionalen Skills aufzubauen. Lesen, rechnen und programmieren können sie später immer noch lernen. Wie man mit Leuten umgeht, verankert sich ganz früh im Charakter.

Esther Wojcicki

Esther Wojcicki ist Autorin und Lehrerin und wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet, etwa als California Teacher of the Year. Sie berät die US-Regierung in Bildungsfragen, aber auch Google, die Silicon Valley Education Foundation und das Time Education Program. 

Sie haben Ihre Tochter Anne, heute mit ­ihrem Startup 23 and Me eine Multi­millionärin, einfach mit dem Klavier­spielen aufhören lassen, obwohl sie als hochbegabt galt.

Sie war fünf oder sechs und die Musiklehrerin meinte, sie sei ein Genie. Aber organisiert zu üben, hasste sie. Man kann die Kinder nicht zwingen. Später wollte Anne eislaufen, und sie war darin auch in Wettbewerben sehr gut. Aber dass sie einmal 23 and Me gründen würde, damit hatten wir alle nicht gerechnet.

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Sie heben sich mit dem Titel «Panda Mama» bewusst von Amy Chua ab, die den Begriff «Tiger Mom» weltberühmt machte. Sie scheute keine autoritären Mittel, ihre Töchter zum Musizieren zu bewegen.

In einer gemeinsamen Diskussionsrunde erklärte sie, dass Elternsein ihr keinen grossen Spass gemacht habe, weil sie ihre Töchter stets antreiben musste. Sie hatte sie nie gefragt, was ihnen Spass machen würde. Ein echter Dialog zwischen Eltern und Kindern ist wichtig. Kinder sollen tun, was ­ihnen am Herz liegt, und nicht, was Eltern oder Lehrer ihnen abverlangen.

Aber Sie brachten Ihre Töchter auch dazu, Dinge zu tun, zu denen sie keine Lust ­hatten – etwa täglich eine Seite ins Tagebuch zu schreiben.

Nun, ich motivierte sie, indem ich ihnen pro Seite ein Gummibärchen schenkte. Es muss nicht immer so ernsthaft sein und nicht immer voller Zwang. Amy Chua hat es geschafft, dass beide Töchter Konzerte gaben. Aber was machen die beiden heute? Keine Musik. Ihre ältere Tochter ist in die Armee gegangen. Ich habe das auf der Bühne nicht laut gesagt – aber das liegt daran, dass sie sich wohl fühlt, wenn ihr jemand sagt, was sie tun soll.

Auch Sie erwarteten Leistung von Ihren Töchtern, brachten ihnen mit 18 Monaten das Schwimmen bei und noch vor dem Schulstart das Lesen.

Der Schlüssel zu allem ist das Buy-in der Kinder – sie müssen es wollen. Hätte Amy Chua ihre Kinder vom Klavierspielen überzeugt, statt es von ihnen zu fordern, würden beide vielleicht heute noch Musik ­machen. Wenn man Kinder kontinuierlich zwingt und drängt, dann werden sie depressiv. Es ist kein Zufall, dass die Selbstmordrate heute auf Rekordniveau steht.

«Am Ende haben alle Angst vor dem Versagen und keiner traut sich, etwas Neues zu machen.»

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Zwei Ihrer Töchter sind CEO von Technologieunternehmen, zusammengenommen erwirtschafteten alle drei mehr als 1 ­Mil­liarde Dollar. Aber sie sind mit lauter Privilegien aufgewachsen als Töchter eines Stanford-Professors im Silicon Valley – und sie waren zur richtigen Zeit am ­rich­tigen Ort. Ist wirklich alles auf Ihre ­Erziehung zurückzuführen?

In unserer Strasse wuchsen viele kleine Mädchen genau wie meine Töchter auf und viele von ihnen arbeiten nicht, sondern wählten für sich, als Mütter zu Hause zu bleiben. Ich denke, den Unterschied machte, dass ich als Vorbild fungierte. Ich fühlte eine tiefsitzende Verpflichtung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – sei es, dass ich dafür gekämpft habe, dass alle Kinder der Stadt kostenlose Bibliothekskarten erhielten, oder durchsetzte, dass Supermärkte die in der Zeitung annoncierten Rabatte auch wirklich gewährten.

Vielen Kindern wird heute ans Herz gelegt, etwas zu finden, wofür sie eine Leidenschaft verspüren – aber das ist doch gar nicht so einfach …

Natürlich wissen sie das nicht. Das liegt an der Standardisierung des Curriculums in Schulen. Die stammt noch aus der Zeit, als es wichtig war, dass alle Menschen, die aus dem Schulsystem entlassen wurden, dieselben Skills erlernt hatten. Es geht nicht um Kreativität. Wie sollte es auch, wenn das Schlimmste, was man im heutigen Schulsystem machen kann, ein Fehler ist? Die Angst, Fehler zu machen, überträgt sich auf die Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder nicht auf dem Weg zum Erfolg sind. Am Ende haben alle Angst, zu versagen, und keiner traut sich etwas Neues.

«Sogar beim Frühstück sagen wir den Kindern, was gesund ist.»

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Aber Amerikaner sind doch enorm ­kreativ – ihnen verdanken wir Internetunternehmen, Streaming-Serien und die Popmusik.

Da müssen Sie näher hinschauen, von wem die Kreativität kommt. Die meisten Firmengründer waren lausige Schüler. Die kreativsten CEO kommen nicht von der Ivy League und haben nicht einmal zu Ende studiert. Und wer macht die Musik? Das sind die Kinder mit den gefärbten Haaren und den zerrissenen Sachen – die haben keinen Erfolg im standardisierten Modell. Die traurige Wahrheit: Kinder, die im standardisierten Modell erfolgreich sind, sind keine Anführer.

Am Ende kommt es für die Eltern darauf an, loszulassen und ihren Kindern mehr zuzutrauen, statt alle Details zu managen?

Man kann den Kindern Schritt für Schritt mehr Vertrauen schenken. Sie zum Beispiel selbst ihr Frühstück machen lassen. Sogar da sagen wir ihnen, was gesund ist.

Aber es kann schwer sein, loszulassen, wenn man Kinder auf eine Welt vorbereiten will, in denen Roboter ihnen die Arbeit ­abnehmen.

Jeder macht sich um die Skillsets der Kinder Sorgen. Aber Sie vergessen: Das wichtigste Skillset ist die sozial-emotionale ­Intelligenz – die werden die Computer niemals haben: Empathie, Mitgefühl, Freundlichkeit, Respekt und Kreativität. Unternehmen heute suchen händeringend nach Menschen, die komplexe Probleme lösen, kritisch denken und Neues schaffen können. All das lernt man als Kind einfach, indem man es ausprobiert.