Die durch das Coronavirus ausgelösten wirtschaftlichen Verwerfungen haben die Nachfrage nach Öl zusammenbrechen lassen. Da die Lager voll waren und die von einigen Förderländern beschlossenen Produktionsdrosselungen wenig Wirkung zeigten, rutschte der Ölpreis Ende April 2020 zum ersten Mal in seiner Geschichte in den negativen Bereich – Käufer bekamen das Öl geschenkt und erhielten obendrein noch eine Prämie.

Marie Owens Thomsen ist Global Chief Economist beim Indosuez Wealth Management.

Angesichts der Auswirkungen der Pandemie stellt sich die Frage, ob die Nachfrage nach Öl je wieder das Vorkrisen-Niveau erreichen wird oder ob die Krise vielleicht zu einem Umdenken in Bezug auf Umweltaspekte führen könnte.

Der Ölpreis – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor

Die Auswirkungen von Schwankungen des Ölpreises auf die Wirtschaft sind komplex. So sorgt ein 10%-iger Rückgang des Ölpreises erfahrungsgemäss für einen Wachstumsschub für die Weltwirtschaft von rund 0,5% und dämpft gleichzeitig die Inflation um diesen Wert. Während die ölexportierenden Länder in einem solchen Fall unter dem tieferen Preis leiden, profitieren die Importeure von Öl.

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Im Falle der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Erosion des Ölpreises sind die Gewinner noch schwer auszumachen. Was man jedoch zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann ist, dass sich die Situation wahrscheinlich noch erheblich schlechter präsentieren würde, wäre der Ölpreis gestiegen, so wie er es in den meisten vorangegangenen Krisen getan hat.

Die negative Entwicklung

Ein längerfristig tiefer Ölpreis könnte auch den Verbrauch und damit die Nachfrage nach fossiler Energie wieder ankurbeln – eine Entwicklung, die sich negativ auf die im Rahmen der Klimadiskussion angestrebte Substitution von Öl durch erneuerbare Energien auswirken könnte.

Auf der anderen Seite bedeutet ein niedriger Ölpreis aus Sicht von Investoren meist auch eine niedrigere Rendite. Aus diesem Grund könnten die goldenen Zeiten der Schieferölindustrie vielleicht schon vorbei sein.

Subventionen vs. Lenkungsabgaben

An Rezepten und Vorschlägen, wie die Erderwärmung gestoppt werden könnte, herrscht kein Mangel. Erste Priorität sollte jedoch die Abschaffung von Subventionen für fossile Energien und die damit verbundenen Industriebereiche haben, gefolgt von einer Besteuerung des Energieverbrauchs, welche die der Gesellschaft entstehenden Kosten besser berücksichtigt.

Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) beliefen sich die für die Produktion von fossilen Brennstoffen gewährten Subventionen 2017 auf 6,5% des globalen BIP. Diese Industrie ist notabene für 65% der weltweiten Klimagasemissionen verantwortlich. Ohne diese Subventionen hätten die Emissionen laut IWF 28% niedriger sein können, was zu einer Halbierung der durch Umweltverschmutzung verursachten Sterblichkeit und zu einem insgesamt um 1,7% höheren globalen BIP geführt hätte.

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55 Milliarden Euro für Europa

Das EESI (Environmental and Energy Study Institute) berechnet die von den USA an die Produzenten von fossilen Brennstoffen gewährten Subventionen auf 20 Milliarden Dollar und für Europa auf 55 Milliarden Euro. Die untersuchten Länder haben allesamt das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet. Auch wenn die USA den Austritt aus diesem Abkommen beschlossen haben, so kann keiner der 189 Unterzeichnerstaaten eine solche Subventionierung seines fossilen Industriesektors rechtfertigen.

Die Höhe des Ölpreises wird von vielen Faktoren bestimmt, wobei neben den Produktionskosten vor allem Steuern als Lenkungabgabe und -mittel eine wichtige Rolle zur Reduktion des Verbrauchs spielen. Waren die meisten der gewährten Subventionen ursprünglich dazu gedacht, die einkommensschwachen Haushalte zu unterstützen, so profitieren in der Praxis meist die eher wohlhabenderen Verbraucher davon.

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Dies zeigen auch die Proteste der sogenannten Gelbwesten in Frankreich, die durch zusätzliche Umweltabgaben auf Benzin ausgelöst wurden. In den Schwellenländern sind die Schwierigkeiten, die eine Umlenkung von Subentionen von der Industrie auf die Verbraucher mit sich bringt, vermutlich noch grösser und könnten voraussichtlich nur stufenweise realisiert werden.

Öl – ein fossiles Auslaufmodell

Wie sieht die Zukunft der Industrie rund um fossile Energieträger aus? Nach dem Abklingen der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft, wird sich die Nachfrage im Verlaufe dieses und des nächsten Jahres kurzfristig wieder etwas erholen. Nach Ansicht des norwegischen Beratungsunternehmens DNV GL könnte die Nachfrage nach Öl jedoch bereits 2022 ihren Höhepunkt erreicht haben, während der Verbrauch von Kohle seinen Höhepunkt bereits überschritten hat.

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Der Verbrauch von Erdgas wird voraussichtlich 2035 seinen Peak erreichen und ab 2050 die weltweit am meisten verwendete Energiequelle sein. Öl wird zu diesem Zeitpunkt nur noch im Schwer-, See- und Luftverkehr zum Einsatz kommen. Insgesamt wird erwartet, dass sich der Anteil fossiler Brennstoffe am weltweiten Energieverbrauch von heute 53% auf 44% im Jahr 2050 reduzieren wird.

Kostenwahrheit statt Subventionen

Die stark gesunkenen Transportkosten und eine unglaubliche Beschleunigung der Mobilität haben in den Jahren seit dem Ende des zweiten Weltkriegs für ein beispielloses Wachstum der globalen Wirtschaft gesorgt. Aktuell decken jedoch die tiefen Transportkosten die Kosten von externen Effekten wie Treibhausemissionen nicht ab.

Diese beliefen sich gemäss einer 2016 von der Europäischen Kommission erstellten Studie auf 820 Milliarden, wovon der überwiegende Teil auf das Auto sowie in erheblichem Masse auf den See- und Luftverkehr entfiel.

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Um die von den Ländern propagierten Klimaziele zu erreichen ist es deshalb sehr wichtig, sowohl die Subventionen für fossile Brennstoffe und ihre Produktion abzuschaffen, als auch den Verkehr entsprechend den Kosten, die er für die Gesellschaft verursacht, zu besteuern.