Andere Männer gehen in ihrem Alter in den Ruhestand, sie verhandeln über die Zukunft von Millionen Menschen. In wenigen Wochen nehmen Michel Barnier und David Davis Scheidungsgespräche auf, die es so noch nie gegeben hat: Der 66-jährige Franzose und der zwei Jahre ältere Davis sind die Verhandlungsführer für den Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union.

Barnier steigt für die EU in den Ring und soll den Zusammenhalt der 27 verbleibenden Mitgliedsländer garantieren. Davis wiederum will für seine Premierministerin Theresa May und das Königreich den bestmöglichen Deal herausschlagen, am besten kombiniert mit einem Freihandelsabkommen. Als einer der ersten Knackpunkte gilt es, die Rechte und Pflichten von insgesamt 4,6 Millionen Briten und EU-Bürgern im jeweils anderen Hoheitsgebiet auszuhandeln.

Beide kennen sich aus den 1990er Jahren, als sie Europaminister für Frankreich und Grossbritannien waren. Abgesehen davon, dass sie sich am Rande der Verhandlungen über die Erziehung von jeweils drei Kindern oder ihre Begeisterung für Sport unterhalten könnten, enden hier die Gemeinsamkeiten. Denn Barnier entwickelte sich spätestens zwischen 2010 und 2014 als EU-Binnenmarktkommissar zu einem glühenden Verfechter der Europäischen Union. Davis dagegen trat in der Brexit-Kampagne nachdrücklich für den Austritt aus der Union ein.

Der Geheimfavorit

Der in London aufgewachsene Davis hat eine lange Karriere bei den britischen Konservativen hinter sich und tat sich dort immer wieder mit EU-skeptischen Positionen hervor. Als Europa-Minister von 1994 bis 1994 unter Premierminister John Major bekam er auf dem Kontinent laut BBC den Spitznamen «Monsieur Non» verpasst. 2005 galt er als Geheimfavorit für den Parteivorsitz der Tories, musste den Posten aber dem späteren Premierminister David Cameron überlassen.

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Auch nach dem Wahlsieg der Konservativen 2010 war der ehemalige Versicherungsangestellte ein Verfechter von Bürgerrechten und kritisierte sowohl Cameron als auch die damalige Innenministerin May für deren Pläne, Sicherheitskräften mehr Freiräume bei der Überwachung einzuräumen.

Der gefährliche Franzose

Über Barnier sagt einer derjenigen, die ihn in Brüssel seit Jahren kennen: «Er ist sehr gut darin herauszuarbeiten, was die Leute wollen und wo die Landezone ist, um sie zu einer Einigung zu bewegen.» Der Franzose verstehe es, die Stimmung in einem Raum erspüren.

Die Briten und deren Prioritäten kennt Barnier gut aus seiner Zeit als Binnenmarktkommissar, als er angesichts von Finanz- und Schuldenkrise dafür zuständig war, schärfere Regeln für Europas Finanzmärkte zu entwickeln. Vor allem in den Banken der City of London hat er sich dabei wenig Freunde gemacht. Ein Londoner Manager räumt aber ein, dass sich der Franzose den widerwilligen Respekt seiner Gegenspieler erarbeitet habe. Allerdings habe er zugleich reserviert, vornehm und eitel gewirkt.

Vernünftiger Verhandlungspartner

Syed Kamall, der die britischen Konservativen im EU-Parlament anführt, hält Barnier dennoch für eine gute Wahl: «Es gibt viele Leute, die durch die Gegend springen und sagen 'Oh, wir haben diesen gefährlichen Franzosen, der London schwächen wird.' Aber das stimmt nicht.» Der aus den Savoyer Alpen stammende Barnier werde ein vernünftiger Verhandlungspartner sein. «Das heisst nicht, dass wir uns am Ende einigen können. Aber ich kann mir nur wenige Leute vorstellen, die ich lieber auf der anderen Seite des Verhandlungstisches hätte.»

Auf der Hut sein müsse man allemal, sagt ein anderer, der Barnier seit Jahren kennt: «Unterschätzen Sie ihn, haben Sie verloren.»

(reuters/ccr)