Der neue Fiat-Chrysler-Chef Mike Manley tritt ein schwieriges Erbe an. Auch wenn sein legendärer Vorgänger Sergio Marchionne mit dem vor wenigen Wochen präsentierten Strategieplan die Weichen für einen Übergang bereits gestellt hat, so trifft die durch seine schwere Erkrankung nun vorzeitig erzwungene Ablösung Mitarbeiter wie Investoren wie aus dem heiteren Himmel.

Anleger reagierten nach dem überraschenden Führungswechsel denn auch verunsichert und warfen am Montag die Aktien des italienisch-amerikanischen Autokonzerns aus ihren Depots. Das Papier verlor an der Mailänder Börse zeitweise mehr als fünf Prozent. Analysten gehen davon aus, dass sich der neue Fiat-Chrysler-Chef zunächst an Marchionnes Strategie orientieren kann. Längerfristig sei die Zukunft des weltweit siebtgrössten Autobauers jedoch unsicher.

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Manley muss Finanzwelt noch von sich überzeugen

«Manley weiss, dass sein Hauptaugenmerk auf der Ausführung liegt und dass er bereits eine Strategie hat, auf die sein Team eingeschworen ist», sagte George Galliers, Analyst bei Evercore ISI. Es gebe keinen Grund, dass der von Marchionne bis 2022 ausgegebene Kurs nicht umgesetzt werden könne.

Max Warburton von der Beratungsgesellschaft Bernstein glaubt indes, dass Marchionnes Ziele Manley nur begrenzt zur Anleitung dienen können. Manley, der bisher die erfolgreiche SUV-Marke Jeep von Fiat Chrysler leitete, habe eine schwierige Aufgabe vor sich. Denn er müsse die Finanzwelt erst von sich überzeugen, während Marchionne mit seiner Erfahrung aus 14 Jahren an der Unternehmensspitze bei Investoren hohes Ansehen geniesse. Die anlässlich der Quartalszahlen am Mittwoch geplante Telefonkonferenz mit Analysten werde für den 54-Jährigen daher eine erste Bewährungsprobe.

Manley

In dem Bild aus dem Jahr 2011 präsentieren Sergio Marchionne (links) und Mike Manley den neuen Grand Cherokee Jeep.

Quelle: Keystone

Hoffnung auf grossen Deal verpufft

«Der Markt wusste, dass Sergio Anfang 2019 als CEO in den Ruhestand gehen würde, aber einige von uns gingen davon aus, dass er als Chairman bleiben und weiterhin Anweisungen geben würde», schrieb Warburton. Andere hätten die Hoffnung gehegt, dass Marchionne vor seinem eigentlich für April geplanten Abgang doch noch einen grossen Deal verkünden werde. Der Italo-Kanadier hatte in den vergangenen Jahren mehrfach versucht, den Konzern mit einem grösseren Konkurrenten zu verbünden. Sein Werben wurde jedoch weder von Volkswagen noch von General Motors, Toyota und Ford erhört.

Deshalb hatte Marchionne seinen Fünf-Jahresplan darauf angelegt, die Überlebensfähigkeit von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) durch Investitionen in Zukunftsfelder aus eigener Kraft zu sichern. Der Konzern soll stärker auf Elektroautos und autonomes Fahren setzen, um den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verlieren. Gleichzeitig soll die Produktion von Geländewagen hochgefahren werden, die weltweit stark gefragt sind und an denen die Hersteller gut verdienen.

«Es gibt keine Bedienungsanleitung»

Kurzfristig erwartet Warburton keine grösseren Probleme für Fiat Chrysler. Der Nachteil durch den überraschenden Wechsel an der Spitze sollte sich zumindest in den nächsten zwölf Monaten in Grenzen halte. Langfristig könnten die Sorgen aber zunehmen. Denn Marchionne habe Fiat Chrysler in einem Befehls- und Kontrollstil mit konstanten Brandbekämpfungsmassnahmen geführt. «Es gibt keine Bedienungsanleitung, der man folgen kann.»

Im Vergleich dazu habe es der neue Ferrari-Chef Louis Camilleri vermutlich etwas leichter. Das Geschäft der Luxus-Sportwagenbauers sei offensichtlich das Bessere und einfacher zu führen, sagte Warburton. «Aber er (Camilleri) erbt eine absurde Bewertung, einen Produktplan, der intern bei weitem noch nicht geklärt ist, und Finanzziele für 2021, die Sergio auf eine Serviette gekritzelt hat und die vielleicht schwer zu erreichen sein könnten.» Einige Analysten sind skeptisch, ob es Camilleri kurzfristig gelingen kann, den Erfolg von Ferrari zu steigern.

Chinesen könnten ein Auge auf Fiat werfen

Die grösste Baustelle im Konzern ist nach Überzeugung der Experten jedoch das Massengeschäft von Fiat und Chrysler. «FCA muss die Volumenmarken flott machen, bevor es zu spät ist und es wieder attraktiv machen», sagte Felipe Munoz vom Analysehaus Jato. Dafür sei Manley der richtige Mann. Ohne Partner dürfte es indes schwierig werden, die Kosten für die Einhaltung der schärferen Abgasvorgaben und die Investitionen in neuen Technologien zu stemmen. Zudem nimmt die Konkurrenz im Geschäft mit SUV zu, weil immer mehr Hersteller sich ein Stück vom Ertragskuchen abschneiden wollen. Die Gewinnspannen könnten in den nächsten Jahren nicht mehr so üppig ausfallen, befürchten Experten.

Unten den Wettbewerbern aus der westlichen Welt und aus Japan ist Fiat Chrysler nach Ansicht von NordLB-Analyst Frank Schwope einer der schwächsten. Der Konzern verfüge über vergleichsweise wenig Geld für Neuentwicklungen und habe eine veraltete Modellpalette. Schwope sieht Fiat Chrysler daher über kurz oder lang als Übernahmekandidaten für einen chinesischen Autobauer.

(awp/ccr)