Noch in den Neunzigerjahren hat die Öffentlichkeit sie bewundert, ja als wichtige Garanten schweizerischen Wohlstands betrachtet. 2002 wurden sie abrupt vom Sockel gestossen. Gier, Machtwahn, Fehlentscheide oder schieres Unvermögen hat das Ansehen der Manager schwer beschädigt. Doch die Barneviks, Hüppis oder Centermans machen nur einen geringen Teil der Unternehmensführer aus. Die grosse Mehrheit dagegen, und das ging in den letzten Monaten fast völlig vergessen, leistet gute, teils sogar sehr gute Arbeit. Damit exzellente Leistungen nicht untergehen, hat BILANZ in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen DRS, SwissLos, «Blick», «Schweizer Illustrierten» und Schweizer Radio DRS 1 den Swiss Award geschaffen. Mit diesem Preis sollen Menschen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur, Showbusiness, Sport und Gesellschaft ausgezeichnet werden, die durch Mut, Innovation, Kreativität oder auch durch Eigenwilligkeit im Jahr 2002 auf sich aufmerksam gemacht und etwas bewegt haben. Die drei Topkandidaten für den Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft werden auf den nächsten Seiten dieser BILANZ vorgestellt. Es sind dies Nestlé-CEO Peter Brabeck-Letmathe, Joe Ackermann, seit Mai dieses Jahres oberster Lenker der Deutschen Bank und SBB-Chef Benedikt Weibel. Und so funktioniert das Wahlprozedere beim Swiss Award: Anfang Oktober dieses Jahres wurde die Öffentlichkeit über den Swiss Award orientiert und dazu aufgerufen, Vorschläge für Kandidaten einzureichen. Weitere Nennungen kamen aus den Redaktionen der involvierten Medien. Ende Oktober tagte eine hochkarätige Nominationsjury, die diese Vorschläge unter die Lupe nahm. Sie entschied, in welchen Kategorien Auszeichnungen zu vergeben waren, und erstellte Nominationslisten mit noch je zehn Kandidaten für die sechs Kategorien. Die Nominationsjury unterbreitete danach die Listen der so genannten Academy zur Bewertung. Die Academy besteht aus 70 Persönlichkeiten, die aus den Bereichen elektronische Medien, Kultur/Architektur/Design, Showbusiness, Politik, Presse, Sport, Wirtschaft, Wissenschaft und weiteren Gebieten kommen. Darunter finden sich bekannte Namen wie Sigi Feigel, Charles Lewinsky, Kurt Aeschbacher, Anita Fetz, Elmar Ledergerber, Peter Rothenbühler, Paul Accola, Filippo Leutenegger oder Michael Ringier. Diese Personen nahmen bei allen Nominierten eine Wertung vor. Auf Grund der Resultate wurden aus den zehn Kandidaten die jeweils drei besten pro Kategorie ermittelt. An einer vom Fernsehen live übertragenen Gala vom 4. Januar 2003 im Hallenstadion in Zürich werden die Gewinner bekannt gegeben. Während die Jury die Träger des Swiss Award in den sechs Kategorien wählt, bestimmt das Publikum den wichtigsten Preisträger selbst. Aus allen 18 nominierten Personen erküren die TV-Zuschauer während der Sendung mittels TED-Abstimmung die «Schweizerin des Jahres» respektive den «Schweizer des Jahres». Wer an dieser telefonischen Abstimmung teilnimmt, kann einen VW Golf R32 gewinnen. Der Anlass verspricht nicht nur Unterhaltung, sondern auch eine gehörige Portion an Spannung. Denn in der Swiss-Award-Nacht werden im Rahmen des «Millionenloses» live sechs neue Millionäre durch Ziehung ermittelt.

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Peter Brabeck-Letmathe, CEO Nestlé Geboren: 13. November 1944 in Villach, Österreich. Ausbildung: Absolvent der Hochschule für Welthandel in Wien. Karriere: 1968 erster Job, und zwar gleich bei Nestlé – als Eiscrèmeverkäufer in Österreich, danach 17 Jahre lang in Südamerika. 1987 Berufung nach Vevey, 1992 Ernennung zum Generaldirektor, seit Mitte 1997 CEO. Familie: Verheiratet mit der Chilenin Bernadette Letmathe, drei Kinder. Hobbys: Passionierter Berggänger, Gletscherpilot – und er liebt flotte Autos. Der Einstieg hätte kaum schwieriger sein können. Denn wer in die Fussstapfen eines Helmut Maucher tritt, wird erbarmungslos an den Leistungen des einstigen Nestlé-Lenkers gemessen. Dieses Handicaps war sich Peter Brabeck-Letmathe bewusst, als er Mitte 1997 den Job des CEO beim weltgrössten Nahrungsmittelkonzern übernahm. Doch der Kärntner liess sich nicht kopfscheu machen. Gezielt veräusserte er Firmen, die nicht ins Portefeuille passten, übernahm dafür andere, welche die Aktivitäten ergänzen. So kamen in den letzten fünfeinhalb Jahren gewichtige Firmen zu Nestlé wie der Tierfutterproduzent Ralston Purina, die Eiscrèmefabrikanten Dreyer’s, Schöller und Häagen-Dazs sowie jüngst Chef America, Hersteller tiefgefrorener Fertigesswaren (siehe «Tierisch erfolgreich»). Inzwischen erwirtschaftet Nestlé mit etwa 8000 Marken einen Umsatz von rund 90 Milliarden Franken. Trotz ausgedehnten Einkaufstouren hat Brabeck-Letmathe nie die Optik verloren, nämlich die, «eine längerfristige Rentabilität anzustreben», wie es der stets Braungebrannte einst bei seinem ersten Auftritt bekundete. Und das ist ihm gelungen: Unter seiner Ägide stiegen der Umsatz um 40 und das Betriebsergebnis um 52 Prozent. Der Konzerngewinn konnte sogar überproportional um 90 Prozent gesteigert werden. Dennoch reicht die operative Gewinnmarge noch nicht ganz an diejenige wichtiger Konkurrenten heran. Diesen Missstand wird der 58-Jährige vor allem mit internen Massnahmen zu beheben versuchen, denn die Zeiten der Riesenakquisitionen sind wohl vorbei.


Josef «Joe» Ackermann, Vorstandsvorsitzender Deutsche Bank Geboren: 7. Februar 1948 in Mels SG. Ausbildung: Dr. oec. HSG. Karriere: 1977 erster Job bei der SKA, wo er bis zum Präsidenten der Generaldirektion aufstieg. 1996 Wechsel in den Vorstand der Deutschen Bank. Seit Mai 2002 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Familie: Verheiratet mit der Finnin Pirkko Anneli Mölse, eine erwachsene Tochter. Hobbys: Opern, Zunft zur Meisen, Golf. Als der Schweizer Spitzenbanker Josef «Joe» Ackermann im Mai 2002 Konzernchef der Deutschen Bank wurde, hatte er zwar sein einstiges Ziel erreicht, es in der internationalen Finanzwelt bis ganz nach oben zu schaffen. Zeitgleich übernahm der 54-Jährige allerdings auch die grösste Herausforderung seines Lebens: Die Deutsche Bank soll unter seiner Ägide die europäische Antwort auf das Branchenvorbild, das amerikanische Finanzinstitut Citigroup, werden – und die europäischen Rivalen UBS und Credit Suisse Group überholen. Erreichen kann Ackermann dies nur, wenn es ihm gelingt, den niedrigen Marktwert der Deutschen Bank deutlich und nachhaltig zu steigern. Potenzial dafür gibt es beim deutschen Branchenprimus an allen Ecken und Enden: Das Retail-Geschäft rentiert nicht, das Private Banking ist unterentwickelt, die Personalkosten laufen aus dem Ruder, die gigantischen, historisch gewachsenen Industriebeteiligungen sind ein Klotz am Bein. Kommen das schwierige konjunkturelle Umfeld im Allgemeinen und die Krise in der deutschen Finanzindustrie im Speziellen dazu – beide machte sich Ackermann zu Verbündeten und boxt Entscheide eiserner durch, als er es in einem freundlich gestimmten Deutschland je könnte: Von den 14 500 Mitarbeitenden, welche die Bank insgesamt verlassen sollen, sind bereits 10 000 ausgeschieden, einige wesentliche Beteiligungen hat er längst liquidiert. Das Ergebnis am Ende des dritten Quartals war mit einem Minus von 181 Millionen Euro zwar tiefrot, doch Ackermann wurde dafür von der Börse nur kurz bestraft. Analysten loben Ackermanns Kostenmanagement, Investoren seine Beherztheit, dass er tut, wovon er spricht.


Benedikt Weibel, Vorsitzender der SBB-Geschäftsleitung Geboren: 15. Oktober 1946 in Solothurn. Ausbildung: Studium der Betriebswirtschaft an der Universität Bern, Promotion zum Dr. rer. pol. Karriere: Seit 1978 bei den SBB, ab 1983 als Generalsekretär, ab 1986 als Marketingdirektor für den Personenverkehr. 1990 stieg er zum Generaldirektor des Departements Verkehr auf, 1993 wurde er zum Präsidenten der Generaldirektion gewählt (seit 1999 Vorsitzender der Geschäftsleitung). Familie: Verheiratet in zweiter Ehe mit Verena Kaufmann, drei Söhne. Hobbys: Bergsteigen, Joggen. Im widrigen Wirtschaftsjahr 2002 lachte ihm das Glück: Die Schweiz zelebrierte ihre Liebe zu den volkseigenen Staatsbahnen, die ihren hundertsten Geburtstag feierten. SBB-Chef Benedikt Weibel sonnte sich im Glanz, während in der Privatwirtschaft die Manager reihenweise abdankten. Seine Wahl zum Präsidenten des Internationalen Eisenbahnerverbandes war der Krönungsakt im Jubeljahr. Kein Wunder, schwelgt er: Den SBB gehe es «so gut wie noch nie – in meiner Zeit». Geschickt manövriert der altgediente Bähnler die zur Aktiengesellschaft mutierten SBB im Spannungsfeld von Politik und Markt. Der diplomierte Bergführer vereinigt ausgeprägtes politisches und kommunikatives Feeling mit einer leistungsorientierten Führungskultur. Zwar wurde auch Monsieur CFF wie andere rote Leidensgenossen (Postchef Gygi, Verkehrsminister Leuenberger) zum Austritt aus der SP aufgefordert. Doch wenn wegen höherer Salärbezüge die Volksseele kocht, regt sich sein sozialdemokratisches Gewissen, und er übte Teilverzicht. Die Bahngewerkschaften kühlen ihr Mütchen denn auch lieber am «neoliberalen» SBB-Verwaltungsratspräsidenten Thierry Lalive d’Epiney, der die gescheiterte SBB-Auslandstrategie verantwortet. Seine Erfolge feiert Weibel im boomenden Personenverkehr, für den sein Herzblut fliesst. Im Güterverkehr dagegen kommen die SBB weder operativ noch strategisch vom Fleck; das Joint Venture mit der italienischen Bahn ist geplatzt. Die heikelste Bewährungsprobe seiner Karriere steht Benedikt Weibel noch bevor, wenn die Schiene die erste grosse Kapazitätserweiterung erfährt. In exakt zwei Jahren soll Bahn 2000 endlich voll in Fahrt kommen.