So was von Gemütlichkeit. Wenn er jetzt Jasskarten auf den Tisch legen, sich ein Bier einschenken und einen Stumpen anzünden würde, wäre niemand überrascht. Ernst Buschor scheint vollkommen zufrieden mit sich und versucht nicht einmal, seine Lebensfreude zu verbergen. Manchmal wird er wegen seiner Behäbigkeit mit Helmut Kohl verglichen. Nichts wäre verfehlter. Ein Aussitzer ist Buschor ganz bestimmt nicht, sein Lachen wirkt nie so gequält wie beim alten Mann in Berlin, und so richtig böse kann man sich den Zürcher Bildungsdirektor überhaupt nicht vorstellen, obwohl sein Donner manchmal sehr vernehmlich durch den Verwaltungssitz an der Walche grollen soll. Unvorstellbar, dass man da einem Politiker gegenübersitzt, der wie kein Zweiter polarisiert: Die einen halten ihn für den genialsten Reformer der jüngeren Zürcher Schulgeschichte, die anderen für einen selbstherrlichen Despoten, der nur Chaos produziert.

Aber eigentlich ist Ernst Buschor gar kein Politiker. «Er hat die kulturelle und politische Dimension seines Entscheids unterschätzt», sagt der Freiburger Erziehungsdirektor Augustin Macheret und meint damit die Einführung von Englisch als erster Fremdsprache an den Zürcher Volksschulen. Die «Neue Zürcher Zeitung» schreibt dasselbe in ungewohnter Schärfe: «Braucht man überhaupt noch Regierungen? Ein Gremium von Trendforschern, Demoskopen, Qualitätsmanagern und PR-Spezialisten könnte auch genügen.»

Vor allem die Westschweizer Regierungen, aber auch viele deutschschweizerische Medien waren entsetzt, als der Zürcher Regierungsrat im September den Plänen seines Bildungsdirektors folgte, Englisch zur ersten Fremdsprache beförderte und Französisch zurückstufte. Bedenken hat die französischsprachige Schweiz vor allem, weil die Zürcher so mächtig sind, dass die anderen Deutschschweizer Kantone ihnen wohl folgen werden. Sie sind sich dieser Vorreiterrrolle auch bewusst: Hinter der Internetadresse www.bildungsdirektion.ch verbirgt sich nicht etwa eine eidgenössische Behörde, sondern das Zürcher Bildungsdepartement. Auf die Einschränkung «zh» wurde grosszügig verzichtet.

So wird es wohl eine Frage der Zeit sein, bis Englisch auch in den anderen Kantonen, sofern sie nicht wie Freiburg oder das Wallis zweisprachig sind, als erste Fremdsprache eingeführt wird. Die Bevölkerung allerdings scheint die vermeintliche Tragik des Geschehens nicht recht zu begreifen. Der Entscheid der Zürcher Regierung traf nämlich genau das, was Umfragen sowohl in der Romandie als auch in der deutschsprachigen Schweiz zu Tage brachten: Englisch hat für die Schweizer Vorrang vor den Landessprachen.

Der Wunsch des Volkes aber ist Ernst Buschor Befehl. «Bürgernähe» ist eine seiner liebsten Vokabeln und die Grundlage eines Reformprojekts, das über sein Departement hinausgreift: WiF, die wirkungsorientierte Führung und Verwaltung, ist die deutsche Umschreibung für jenes Spezialgebiet, in dem sich der ehemalige St.-Galler Professor weltweit einen Ruf geschaffen hatte: New Public Management oder kurz NPM (siehe Kasten «Die Reformen» auf Seite 36). Kaum in die Regierung gewählt, begann Ernst Buschor ab 1993 seine Ideen in die Tat umzusetzen, erst im Gesundheits- und Fürsorgedepartement, wo er unter anderem die Fallpauschale für bestimmte ärztliche Behandlungen im Spital einführte, danach in der Bildungsdirektion. Das Volk honorierte die Taten und stimmte seinen Vorlagen 15-mal hintereinander zu, den Urheber aber strafte es bei den Regierungsratswahlen 1999 mit der geringsten Stimmenzahl aller Bisherigen.

Für einen Politiker in gutschweizerischer Tradition ist Ernst Buschor einfach zu schnell. Zehn Jahre hat er sich selber Zeit für die Regierungs-arbeit zugestanden. Da bleibt für endlos ausgehandelte Kompromisse, die zum Schluss allen passen und nichts Neues bringen, kein Platz. Dass die Reformen von oben kommen, dass sie im Wesentlichen Buschors Ideen sind und nicht immer den dringendsten Anliegen von Schülern, Lehrern und Schulbehörden der Gemeinden entsprechen, schafft in vielen Kreisen geradezu einen Widerwillen gegen den Bildungsdirektor. Vergleichbar ist diese Stimmung mit jener von Mitarbeitern in einem Grossbetrieb, der alles restrukturiert, ohne den Bedarf dafür offen zu kommunizieren. Die Basis erlebt den stetigen Wandel als Chaos, als eine Folge von oben erlassener Befehle, die keiner so richtig versteht. Das ist Ernst Buschors Problem: Er selber weiss genau, was er will, und zum guten Ende finden seine Reformen sogar Zustimmung in der Bevölkerung. Jene aber, die seine Ideen umsetzen sollen, fühlen sich oft überfordert oder, wie die Lehrer im Anti-Buschor-Komitee, sogar respektlos behandelt.

Das Projekt Schule 21 ist ein gutes Beispiel, warum Buschor «Turboreformer» genannt wird. Es begann am World Economic Forum in Davos. Da nahm Anton E. Schrafl, Vizepräsident des Holderbank-Verwaltungsrates und aktiv in mehreren Hochschul- und Fachhochschulgremien, an einer Veranstaltung von Arthur Andersen über «Education of the Future» teil und war derart begeistert, dass er der Sache nachging und schliesslich zu einem Symposium in Boston eingeladen wurde. Andere wären da allerdings besser aufgehoben, dachte er und reichte die Einladung an Ernst Buschor weiter. Der reiste flugs nach Amerika und ein paar Tage später mit recht gegensätzlichen Eindrücken wieder zurück: Erstens hatten asiatische Teilnehmer das europäische Bildungssystem als eine Art Museum verlästert, zweitens hatte er in den USA endlich Beispiele von Schulen gesehen, die seinen Vorstellungen entsprachen. Noch im Flugzeug schrieb er das Grundkonzept für eine Reform, die wie keine andere Staub aufwirbeln sollte, die Schule 21: Der Umgang mit Computer, Internet und E-Mails kann nicht früh genug gelernt werden, am besten gleich zu Beginn der Primarschule. Das Gleiche gilt für die englische Sprache. Und weil nun mal nicht alle Schüler gleich schnell lernen, werden Lerngruppen nicht mehr nach Alter, sondern nach Aufnahmefähigkeit gebildet.

Geduld gehört nicht zu Ernst Buschors Kardinaltugenden. Untypisch für einen Politiker, hatte er nicht die geringste Lust zu warten, bis die für die Reform erforderlichen Geldmittel von den politischen Instanzen zur Verfügung gestellt waren. Stattdessen wandte er sich an zwei Männer, von denen er wusste, dass sie erhebliche finanzielle Ressourcen erschliessen konnten und zugleich an einer guten Volksschulbildung interessiert waren. Der eine war der Unternehmer Klaus Jacobs, der die Reform, ohne zu zögern, mit einer glatten Million Franken aus der Johann-Jacobs-Stiftung zu unterstützen bereit war. Der andere war besagter Anton E. Schrafl. Er gründete den Förderverein für das Projekt Schule 21, löste allein aus der Holderbank Schweiz 250 000 Franken heraus und brachte schliesslich 2,5 Millionen Franken für das Reformprojekt auf. Mit diesem Geld werden vor allem die wissenschaftliche Evaluation des Projekts und die Ausbildung der Lehrer finanziert. Dass Computerhersteller gern bereit waren, die Schulzimmer zu Sonderkonditionen mit ihren Produkten zu versorgen, versteht sich von selber.

Der Staub, den Buschor aus den Schulhäusern zu fegen begonnen hatte, stieg manchen in die Nase. Jetzt hatte er doch erst die Universitätsreform durchgesetzt – worauf sich, notabene, die Zuwendungen aus der Wirtschaft fast verdoppelten –, die Oberstufenreform auf Trab gebracht, die teilautonomen Volksschulen eingeführt, und schon setzte er zum Frontalangriff mittels Computer und Englisch auf die Kinderseele an, und das erst noch mit Hilfe der Wirtschaft. Frustrierte Schulpfleger und Lehrer verbündeten sich 1999 zum Anti-Buschor-Komitee. Von Abbau der Demokratie war in einem Brief an die Lehrer die Rede, von Ausverkauf der Volksschule, von viel zu vielen mangelhaft konzipierten Reformprojekten und von respektlosem Umgang mit Lehrkräften. «Wir haben genug von der Ignoranz der Entwicklung des Kindes, von der Ignoranz einer ganzheitlichen Bildung, von der Ignoranz demokratischer Schulstrukturen», hiess es auf Flugblättern. Dem Komitee fehlte es aber nicht nur an sprachlicher Kompetenz, wie der Text vermuten lässt, sondern auch an Geld. Nur 1000 Franken lagen zwei Monate vor den Wahlen in der Kriegskasse. Buschor wurde wieder gewählt. Und blieb unbelehrbar.

Er strahlt. Sitzt breit hinter seinem Schreitisch im Büro über der Limmat und strahlt. Widerstände scheinen ihn aufzumuntern. «Die Reformen sind erst gefährdet, wenn es keine Pioniere mehr gibt», sagt Ernst Buschor. Von denen gibt es aber mehr, als er dachte. Die Kurse für Primarlehrer, die künftig Englisch unterrichten wollen, sind ausgebucht. «Aber Zögerer und Gegner wird es immer geben.» Na und? «Die Schweizer Wirtschaft hat fehlende Innovationsbereitschaft teuer bezahlt», meint Buschor. Die Schule soll nicht den gleichen Fehler machen. «Der rasche Wandel der Technologien und der Kommunikation kann nur durch ein proaktives Bildungssystem bewältigt werden.» Das heisst: «In Zukunft werden vermehrt anspruchsvollere Leistungsziele mit einer individuellen Lerngestaltung und flankierenden Stützmassnahmen in Schulen nach Mass erreicht werden müssen.»

Mündige Bürger» sollen dieser Schule entwachsen, ausgerüstet mit Fähigkeiten und Wissen und sozialen Kompetenzen, die in der Informationsgesellschaft erforderlich sind, dazu in der Lage, sich selber richtig einzuschätzen, denn «Frust ist der Vorbahnhof für Gewalt». Ernst Buschor denkt schon ein bisschen weiter, als es manchmal den Anschein hat. Gefragt nach dem Menschenbild, das die Schule anstreben müsste, soll er an einer Lehrerversammlung gesagt haben: «Die Schüler müssen mit der Kommunikationstechnologie umgehen können.» Für diese törichte Antwort, wenn er sie denn so gegeben haben sollte, erntete er Entsetzen und Hohn. Dabei ist er doch nur überzeugt, dass gewisse «skills», wie er Fähigkeiten gern nennt, unabdingbar sind, um sich in der Welt zurechtzufinden. Man würde ihm unrecht tun, reduzierte man seine Reformbestrebungen auf Internet und Frühenglisch. Dass Lehrkräfte in einem Schulhaus beispielsweise sehr viel enger zusammenzuarbeiten gezwungen sind, wenn sie nicht mehr nur Jahrgangsklassen, sondern Gruppen von Schülern in verschiedenem Alter unterrichten, ist wohl nicht abwegig. «Einschränkung der Lehrautonomie zu Gunsten der Schule», nennt das Ernst Buschor. Innovationen gehen eben nicht nur von einzelnen Lehrpersonen aus, sondern von deren Zusammenwirken in einem Schulhaus. Dieses «Haus des Lernens» ist die Zelle, von wo der neue Geist sich ausbreiten soll. Erlöst von zentralistischen administrativen Kontrollen, soll die teilautonome Volksschule gewährleisten, dass Lehrerkollegien in diesen Schulhäusern «alles verbessern, was als verbesserungsfähig erkannt wird».

Eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» beweist, dass Buschor damit nicht fehlgeht. «Die Zufriedenheit der Eltern, deren Kinder bereits seit drei Jahren eine der teilautonomen Volksschulen besuchen, ist bedeutend höher als bei den übrigen befragten», heisst es in der Studie. Die Eltern attestieren der Schule ein besseres Klima, pflegen den Kontakt mit den Lehrkräften intensiver und fühlen sich häufiger ernst genommen, ihre Kinder gehen bedeutend lieber in die Schule.» Der Eindruck bestätigt sich bei einem Besuch im Schwandel-Schulhaus in Thalwil. Wie die Erstklässler den Gast mit einem englischen Lied begrüssen, die Viertklässler ihre Mathematikaufgaben auf Englisch lösen und die Drittklässler im Turnen englisch statt deutsch reden, ist ganz einfach eindrücklich. Dass die Lehrkräfte nicht einfach nach Schulbuch unterrichten können, weil sie ja nicht Englischlektionen geben, sondern die Fremdsprache in die anderen Fächer einbauen, nötigt Respekt ab. Da steckt viel Vorbereitungsarbeit dahinter.

Diesen Pioniergeist, wie ihn Ernst Buschor schätzt, unterstützt der Verein zur Förderung der Schule 21 auf besondere Weise: Er finanzierte dieses Jahr für 30 Lehrerinnen und Lehrer einen vierwöchigen Kurs an der Gulf Coast University in Florida, wo sich die Teilnehmer mit moderner Technologie und dem Unterrichten von Englisch befassten. Die Lehrer gaben ihre Ferien daran und beteiligten sich an den Kosten mit je 2000 Franken. Nächstes Jahr werden es doppelt so viele sein, die nach Florida reisen. Anton E. Schrafl will damit etwas Entscheidendes für die Zukunft tun: «Ich möchte einfach, dass die Schweiz den Anschluss nicht verpasst. Und ich weiss: Was wir heute in der Schule erreichen, wird sich erst in vielleicht 20 Jahren in der Gesellschaft auswirken.»

Mehr als Anstösse zu den Reformprojekten will der Verein allerdings nicht geben. «Wir dürfen uns nicht in die Angelegenheiten der Bildungsdirektion einmischen, sondern de-ren Effort lediglich unterstützen», beteuert Schrafl. Für die Projekte selber sind Buschors Mitarbeiter zuständig, die er nicht etwa von der Hochschule in St. Gallen nach Zürich mitnahm. Christian Aeberle, Leiter des Projekts Schule 21, war lange vor Buschor schon im Bildungsdepartement und weiss von keinen gravierenden Änderungen im Mitarbeiterstab: «Der Chef wechselt, die Verwaltung bleibt.» Aber sie bleibt nicht, was sie war. Reformen in dieser Zahl und in diesem Tempo hat es noch nie gegeben im Haus an der Walche in Zürich. An der Oberstufenreform wurde etwa 20 Jahre gearbeitet, die Schule 21 soll aber in drei bis vier Jahren flächendeckend umgesetzt sein. Da haben Bedenken gegen das Frühenglisch, wie sie Augustin Macheret aus Freiburg vorbringt, keinen Platz: Politiker sollten nicht nur Tendenzen bekräftigen, sagt er. «Was haben wir gewonnen, wenn die Schweizer aus verschiedenen Sprachregionen eines Tages englisch miteinander reden?» Was sein kann, aber nicht sein muss. Denn obwohl Englisch früher unterrichtet wird als Französisch, sollen beide Sprachen in der Schule auf «das gleiche Niveau der Verständigung im Alltag» hinauslaufen. Aber Englisch, meint Buschor, komme besser an als Französisch und es wäre falsch, die hohe Sprachlernfähigkeit der Kinder nicht zu nutzen.

Was er einmal als richtig erkannt hat, daran ist schwer zu rütteln. «Das gefällt mir eben an Ernst Buschor», sagt Anton E. Schrafl. «Der redet nicht nur, der tut etwas.» Und wenn er sich 2003 aus der Regierung verabschiedet, ein Buch über New Public Management schreibt oder, was er nicht sagt, als hoch bezahlter Berater für Verwaltungen tätig wird, hat er an den Zürcher Schulen in kürzerer Zeit mehr bewegt als alle seine Vorgänger. Wahrscheinlich wird nicht alles bis ins Letzte durchdacht sein. Aber «die Schnellen werden gewinnen», ist Buschor überzeugt. Er ist eben doch eher Manager als Politiker.
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