Am 9. April stand wieder mal eine Ehrung an. Ernst Fehr erhielt den Gottlieb-Duttweiler-Preis 2013. Das Gottlieb Duttweiler Institute bezeichnet den Preisträger als einen der «wichtigsten Vordenker der Welt». Prominente wie Václav Havel, Joschka Fischer und Kofi Annan erhielten den Award zuvor.

Für Ernst Fehr passt das. Der Zürcher Ordinarius für Mikroökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung fühlt sich wohl in dieser Gesellschaft. Eine kleine Nummer will er nicht sein, Ernst Fehr hat keine bescheidenen Ansprüche. Mit seiner Forschung will er nicht weniger als die Welt verbessern, zu den Weltbesten zählen, sich messen mit den Weltgrössen – London, Oxford, Cambridge, New York. Er will mit einer 100-Millionen-Spende der UBS die kreativsten Denker nach Zürich locken – an das neu geschaffene UBS International Center of Economics in Society.

Wer ist dieser Mann, dem viele nachsagen, dass er am Ende auch noch den Preis der Allerbesten erringen werde, den Nobelpreis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften? Was treibt ihn an, was will er?

Hochdekoriert. Gewiss, der 56-Jährige hat bereits namhafte Ehrungen erhalten. Er hat 1999 den Gossen-Preis erhalten, den der Verein für Socialpolitik stiftet, der grösste Ökonomenclub im deutschsprachigen Raum. Als erster Wirtschaftswissenschaftler hat er 2008 den Marcel-Benoist-Preis erhalten, der als «Schweizer Nobelpreis» bezeichnet wird. Er hat in seiner österreichischen Heimat den Vorarlberger Wissenschaftspreis bekommen, er ist Ehrenmitglied der amerikanischen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie Mitglied der Leopoldina, der ältesten Wissenschaftlerakademie im deutschsprachigen Raum.

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Doch Ökonomen errechnen den Platz in ihrer Gemeinschaft mit Rankings, die abbilden, wie oft ihre wissenschaftlichen Aufsätze in den Aufsätzen ihrer Kollegen zitiert werden. Es gibt Dutzende solcher Ranglisten, einfache und komplexe. Natürlich zählen die Zahlenmenschen nicht einfach nur die Zitate, das wäre ja geradezu primitiv. Sie haben Modelle entwickelt, wie man errechnet, wer der wirklich Wichtigste in den wirklich wichtigen Wissenschaftszeitschriften ist. Und weil das einigen immer noch zu anspruchslos ist, haben die Rankingfreaks Ranglisten mit gewichteten Einflussfaktoren, rekursiven Schätzverfahren und diskontierten Einflussfaktoren ersonnen. Die Rechenergebnisse: In der einfachen Variante ist Ernst Fehr die Nummer 1 – als meistzitierter Schweizer Ökonom. Gewichtet nach einem simplen Einflussfaktor, bekommt Fehr auf der Ranking-Liste Repec, bei der sich 30 000 Autoren registriert haben, den Weltrang 61. Und in der komplexen, also diskontierten, rekursiven, gewichteten und somit für Normalsterbliche nicht mehr nachvollziehbaren Berechnung landet Fehr auf Platz 394 mit seiner 1999 publizierten «Theorie über Fairness, Wettbewerb und Kooperation».

Natürlich ist das modellierter Humbug und für jeden empirisch gefestigten Forscher schlicht Firlefanz. Doch ganz klar ist auch, dass Fehr ein fleissiger Forscher ist. Die Liste der Publikationen, die er mit seinen Teamkollegen während Jahrzehnten geschrieben hat, ist so lang, dass sie selbst nach tagelangem Studium nicht verdaut werden kann. Wer ermessen will, welchen Einfluss Fehr auf die gesellschaftliche Diskussion hat, kann einfach zählen, wie oft er im Archiv der «New York Times» auftaucht. Mit 20 Erwähnungen wurde in dem Weltblatt fast doppelt so häufig über ihn geschrieben wie über den Bundespräsidenten Ueli Maurer.

Altruismusnachweis. Fehr ist so bekannt, weil er der Ökonomik den psychologischen Touch verliehen hat. Er arbeitet dabei mit Psychologen und Neurobiologen zusammen, mit Soziologen und Ethnologen. Er hat das Fach mit Experimenten über menschliche Züge bereichert, die lange Zeit in der Disziplin kaum beachtet wurden: Vertrauen, Fairness, Kooperation, Altruismus. Fehr hat zum Beispiel experimentell belegt, dass Menschen einen Gerechtigkeitssinn haben und auch danach handeln, selbst wenn er ihnen keinen Profit verschafft. Dass sie eine Bereitschaft haben zu teilen. Und dass beim Teilen im menschlichen Gehirn ein Belohnungssystem aktiviert wird, das Lustgefühle freisetzt. Fehr hat seine Leute zum Forschen hinausgeschickt bis zu archaisch organisierten Stämmen in Neuguinea, um zu verstehen, mit welchen Anreizen diese wirtschaften.

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Damit haben Fehr und seine Kollegen in der experimentellen Ökonomie das vereinfachte Bild des Menschen als Homo oeconomicus zerstört. Gewiss, er ist nicht der einzige Forscher auf dieser Spur. Schon Jahre vor ihm lieferten andere bahnbrechende Arbeiten auf diesem Feld, wie der deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten, der die Spieltheorie ins Wirtschaftsfach einführte. Oder der Amerikaner Gary Becker, der 1992 für seine Altruismus-Studien an der Universität Chicago den Nobelpreis erhielt.

Nun gilt auch Fehr als Nobel-Kandidat. Seit ein paar Jahren steht er auf einer Liste der vielen Befähigten, die der Datenbankprovider Thomson Reuters erstellt. Und in Schweizer Medien wird er regelmässig, wenn die Oktobertage der Preisverkündigung nahen, zum hoffnungsvollen Anwärter – so wie seine renommierten Kollegen aus anderen Ländern in ihrer jeweiligen Heimatpresse.

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Was ihn treibt, ist die Leidenschaft für den Erkenntnisgewinn. «Die Welt verbessern» wolle er mit der Ökonomie, sagt Fehr, «aber ich bin kein naiver Weltverbesserer». Denn oftmals sei es die Rolle der Ökonomen, gegen «das Schlaraffenland-Denken» anzutreten, auch wenn dies immer wieder «als hartherzig wahrgenommen» werde.

Als Student an der Universität Wien stand er eher auf der Seite des Kampfes um Gerechtigkeit. Die lateinamerikanischen Befreiungstheologen interessierten ihn. Ein Professor überzeugte ihn, dass man das, was man kritisiere, auch kennen müsse. So studierte er neoklassische Ökonomie. Doch statt Joseph Schumpeter las er lieber Sigmund Freud. Die Psychologie begeisterte ihn.

Mit grossem Spass betrieb er verhaltenspsychologische Experimente mit Kleinkindern. Nicht zuletzt zum Vergnügen seiner heute 13- und 17-jährigen Kinder. «Papa, hast du nicht wieder ein neues Experiment für mich?», fragte ihn seine Tochter oft. Seine Ehefrau Helga Fehr-Duda brachte er von der Universität Wien mit. Die Ökonomin ist heute Research Fellow an der ETH Zürich im Bereich Entscheidungsforschung und Behavioral Economics.

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Mit ihr und seinem jüngeren Bruder Gerhard gründete Ernst Fehr 2010 in Zürich das Beratungsunternehmen Fehr­Advice. Er ist VR-Präsident und Partner der Firma, operativ aber nicht aktiv, Bruder Gerhard ist CEO, und Ehefrau Helga amtet als Forschungschefin. Mit 15 Mitarbeitern bieten sie ihren Beratungsansatz an, den sie unter der Marke BEA registriert haben. Sie unterstützen Unternehmen bei Pricing-Strategien und beim «Design neuer Vergütungssysteme». Mit dabei im Verwaltungsrat sind der deutsche Logistik-Manager Detlef Trefzger, seit März in der Geschäftsleitung von Kühne + Nagel, und der ehemalige Personalchef der Credit Suisse, Harald Stoehr.

Bankennähe ohne Beispiel. Seit der Firmengründung baute Fehr sein Netzwerk aus und professionalisierte die Kommunikationsmaschinerie. Für die Suche nach privaten Sponsoren gründete er die Excellence Foundation Zurich, abgekürzt E.F., unter anderem mit dem SVP-Politiker und ZKB-Bankrat Bruno Dobler im Stiftungsrat und den Bankern Axel Weber (UBS), Urs Rohner (CS) und Marcel Rohner (Ex-UBS) im Beirat. Dobler besorgte das erste Geld von der ZKB, und schon bald konnte Fehr den damaligen UBS-VR-Präsidenten Kaspar Villiger begeistern. Die UBS versprach die langfristige Finanzierung von fünf Lehrstühlen und gönnte der Universität eine Spende in der Höhe von sagenhaften 100 Millionen Franken. Dafür durfte sie ihren Namen im Logo des UBS International Center of Economics in Society als Teil der Universität Zürich verewigen.

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Das war eine Weltneuheit in der Forschungsfinanzierung. So etwas hat noch keine nennenswerte Universität vorgemacht. Weder Harvard noch die London School of Economics – keine Top-Universität führt den Namen einer Grossbank auf dem Briefkopf eines Uni-Zentrums.

Fehr war glücklich. Etliche seiner Kollegen protestieren hingegen. Der Name einer Bank, noch dazu dieser Bank, im Logo eines Universitätszentrums? Das geht einigen doch zu weit, die das Mäzenatentum zwar gerne sehen, aber die Alma Mater nicht für das Marketing eines Geldhauses hergeben wollen (siehe «Appell» auf Seite 58). «Undifferenziert und der Problematik nicht angemessen», kritisiert Fehr eine Unterschriftensammlung gegen die Kooperation.

Nun hat Fehr mit dem Geschäftsführer der E.F.-Stiftung auch einen Kommunikationsprofi geholt, der nicht mehr von seiner Seite weicht, wenn sich Medien ankündigen. Seither kommen seine Aussagen über Managergehälter politisch etwas geschmeidiger daher. «Aufgrund der vergangenen Gehaltsexzesse kann man verstehen, dass solche Anliegen vorgetragen werden», meint er zur 1:12-Initiative der Juso, «sie lösen aber unsere Probleme in der Corporate Governance nicht und sind wirtschaftlich schädlich.»

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Immerhin, wenn man Fehr heute danach fragt, wie man optimal vergütet, dann weiss er die Lösung sofort: «Man muss das Leistungsziel und den Wert der Gesamtkompensation, die man bei Zielerreichung bezahlen will, am Anfang des Jahres genau festlegen und öffentlich machen; damit stellt man Verantwortlichkeit her.» In seinem Institut will er dies aber nicht ganz so transparent praktizieren. Dort lockt er nun mit dem Geld der UBS grosse Talente an, denen er höhere Saläre versprechen kann, als es sonst an der Universität üblich ist. Er sträubt sich aber vehement dagegen, diese Saläre öffentlich zu machen.

Vor wenigen Jahren noch hat Fehr seine Haltung klar formuliert. «In der Diskussion um die Managerboni empfinde ich so wie fast alle», sagte er 2009 in einem Interview. «Wenn Vorstände mit riesigem Einkommen, die in den vergangenen Jahren ihr Unternehmen ruiniert haben, eine Millionenzahlung verlangen und bekommen, regt das die Öffentlichkeit zu Recht auf.» Ein Spitzenbanker arbeite 70 Stunden pro Woche, egal, ob man ihm nun eine halbe Million jährlich dafür bezahle oder zehn Millionen. Oder: «Nun aber stellt sich heraus, dass gewisse Spitzenmanager ihre riesigen Einkommen kaum wegen ihrer vortrefflichen Leistung beziehen. So etwas kann das Selbstverständnis einer ganzen Gesellschaft erschüttern.»

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Das sagte er vor der Gründung der Beratungsfirma zur Gestaltung von optimalen Vergütungssystemen und vor der Gründung des UBS-Centers. So ist es in den Archiven festgehalten.