Sein lückenfreies Curriculum Vitae als Homo ludens verdankte Dr. Roland Läubli einer früh entwickelten Leidenschaft für mechanisch bewegte Teile.

Diese hatte ihn in seinem Leben gänzlich zwanglos erst vom Blechspielzeug aufs Niveau einer Märklin-Modelleisenbahn gehoben, die dann ihrerseits pünktlich zum 14. Geburtstag von einem Puch Maxi abgelöst wurde.

Dass sich die Begeisterung der Nachbarn für den Sportauspuff in engen Grenzen hielt, irritierte den jugendlichen Läubli nicht weiter. Was ihn kränkte, war, dass er tuningmässig über einen Harley-Lenker und den tiefer gelegten Sattel nicht hinauskam. Der Versuch indes, das Kolbenfenster zu vergrössern, endete mit der Anschaffung eines neuen Zylinders.

Von diesem Misserfolg mechanischer Natur beleidigt, dachte Läubli intensiv über seine Zukunft nach und beschloss, vom eigentlich beabsichtigten Ingenieurstudium abzurücken, um sich lieber der Medizin zuzuwenden. Der Vater riet zur Pathologie – «da kommt wenigstens niemand zu Schaden» – , war jedoch im Übrigen erleichtert und bereute seinen Anfall von Zynismus zutiefst.

Läubli wählte die innere Medizin, überlebte knapp einen Kollegenversuch, eine Darmverschlingung mit Abführmitteln zu kurieren, und ehelichte seine Jugendfreundin, Stewardess von Beruf und Partynudel aus Leidenschaft. Roland Läubli ging schon deshalb gerne mit ihr aus, weil er jedweden Anlauf zu einer literarischen Konversation gleich an sie weiterreichen konnte: «Bücher liest meine Frau.»

Bei den Männern kam der Spruch immer gut an, und Josy Läubli lachte auch beim 25. Mal noch herzhaft mit. Distanzierung kam höchstens auf, wenn sich die Frauen um Roli Läubli scharten. Sobald sie seinen Beruf herausgefunden hatten, hingen sie auch schon an ihm, um ihre Beschwerden zu besprechen. «Am liebsten reden sie mit dir über ihre Beletage», hielt Josy ihrem Mann auf der Heimfahrt erbost vor.

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«Was soll ich machen?», jammerte Läubli: «Versuch doch du mal das Gespräch auf Autos oder Fachkameras zu lenken, wenn die Leute gerade glücklich beim Thema Fortpflanzung angelangt sind.»

Josy beschloss, ihre aufwallende Eifersucht ebenso zu unterdrücken wie den Stossseufzer, was sie auch hätte erwarten sollen von einem, der in der Schule am liebsten Autoquartett gespielt und es als Zeichen vorzeitiger Reife empfunden hatte, mit neun Jahren alle Automarken herunterrattern zu können. Sie legte wieder ihr gleich bleibend freundliches Gesicht auf und dachte nach.

Einen Monat später durchstöberte Läubli den Zeitschriftenstapel im Wartezimmer. Er suchte die letzte Ausgabe von «Jagd & Natur», in dem die Nummer des Schaffhauser Patentbüros stand. Er meinte, es sei die mit dem brünftigen Keiler auf dem Titel. «Schweizer Yachtmagazin», «Automobil Revue», «Auto Motor und Sport» – könnte alles etwas ordentlicher ausliegen, fand er –, «Motor Klassik», «Das Motorrad», «Uhrenmagazin» … Er stutzte. Das musste neu sein, er hatte es jedenfalls nicht geordert. Wohl ein Probeheft. «Chronometer auf dem Prüfstand», las er auf dem Titel.

Seit ihm der stolze Vater zum Studienabschluss eine Rolex Daytona geschenkt hatte, wusste er, was ein Chronograph war, hatte aber gleich versucht, sich gegen weitere Versuchungen zu immunisieren mit dem festen Vorsatz, nicht noch ein mechanisches Steckenpferd aufzuzäumen. Seine Sinar, die Hasselblad, die beiden Ducati in der Garage und der Traum vom Achtzylinder-Bi-Turbo-Maserati lasteten ihn emotional restlos aus.

Dr. Läubli vertiefte sich dennoch ins Heft. Chronometer-Zertifikat? Aha, ein Qualitätssiegel. Klar, Chronograph bezeichnet die Funktion einer Stoppuhr. Läubli beschloss, ein Abonnement zu lösen.

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Im Laufe der kommenden Monate pendelte nach Erscheinen des Heftes die Stimmung im überfüllten Wartezimmer zwischen Resignation und Meuterei. Im Praxiszimmer las sich Läubli derweil in die Uhrmacherei ein, stolperte amüsiert über den Begriff «Schleppzeiger» zur Bezeichnung einer doppelten Stoppfunktion und fand, dass sich im französischen Terminus «rattrapante» schön die unterschiedlichen Nationalcharaktere spiegelten. Der Deutschschweizer mit seinem Arbeitsethos schleppt, der Welsche holt ein.

Dank weiterer Literatur und einigen aktuellen Auktionskatalogen wurde ihm der ewige Kalender (quantième bisextile) ebenso zum Begriff wie die Minutenrepetition, die offenbar in puncto Sonnerie (Läutwerk) das uhrmacherische Maximum darstellt. Repetierwerke für Viertelstunden oder auch nur für die Stunden waren sehr viel häufiger. Grande oder petite? Carillon, also Melodiengeläut? Grosse Seltenheit. Auch auf Auktionen von Taschenuhren eine Rarität. Siebentagewerk, Grande Complication – definitionsgemäss mehr als zehn Komplikationen, wobei schon die Minutenanzeige als erste Komplikation zählt: in der Praxis Chronograph, Minutenrepetition und ewiger Kalender. Denkbar wären noch Rattrapante, Tourbillon – ja, Tourbillon, zu Deutsch Karussell. Fasziniert las er über die Karussellkonstruktion der sich um ihre eigene Achse drehenden Hemmpartie, die sich Abraham-Louis Breguet ausgedacht hatte, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Ganggenauigkeit zu kompensieren. Und das vor 200 Jahren. Faszinierend.

An die Party bei Widmers erinnerte sich Josy mit zwiespältigen Gefühlen. Den Triumph, dass ihr Kalkül aufgegangen war und dass ihr Mann sich nicht mehr den Frauen ausgeliefert hatte, hätte sie gerne mehr genossen. Nur hatte sie nicht mit dem versierten Uhrenhändler gerechnet, der gemeinerweise auch noch die Cartier Tortue XL mit ewigem Kalender und zwei Zeitzonen trug. Roli hatte gänzlich hingerissen sofort angebissen und fest bestellt. 67 000 Franken.

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Seit jenem Erlebnis wusste Josy Läubli, dass der Partyschreck einen auch durchfahren kann.