Kühe habe ich noch nie fressen hören, während ich mit einem Motorrad an ihnen vorbeifahre. Irgendwie schräg, aber irgendwie auch gut. Ich bin mit der Elektro-Harley unterwegs, der Livewire, dem ersten Elektromotorrad aus der Massenfertigung eines traditionellen Motorradkonzerns. Das wirft Fragen auf. Viele Fragen. Um die am häufigsten gestellte Frage – «Und, wie ist das Ding?» – gleich am Anfang zu beantworten: mega! «Das Ding» macht wirklich viel Spass. Und nein, es ist nicht lautlos. Aber der Reihe nach.


Schon bei der kurzen Einweisung in der Harley-­Davidson-Niederlassung wird klar: Eine grosse Umstellung ist nicht nötig. Alles ist, wo es hingehört: Das Gas ist rechts, der Handbremshebel für die Vorderradbremse auch. Vor der rechten Fussraste befindet sich das Bremspedal für die Hinterradbremse. Alles, wie man es als Motorradfahrer gewohnt ist. Beruhigend.

Vier Fahrmodi stehen serienmässig zur Auswahl: Eco, Strasse, Sport und Regen. Drei weitere lassen sich nach eigenen Vorstellungen und Ansprüchen kon­figurieren. Ein Zündschloss ist nicht nötig, dank ­Keyless-Technik kann man den Schlüssel in der Tasche lassen. Fürs Lenkradschloss allerdings nicht: Das befindet sich – ganz oldschool – am Lenkkopf.
 

 

Reichweite in Theorie und Praxis

Das Display ist flach, gross und im Augenblick noch schwarz. Das ändert sich mit dem Betätigen des Power-Schalters: Das Mäusekino mit einem stilisierten Harley-Logo leuchtet auf dem Display auf. Jetzt nur noch den Seitenständer einklappen und den Startknopf mit dem Daumen drücken – schon wird der digitale Tacho sichtbar. Vertikale Ladebalken links und rechts geben Aufschluss über den Ladezustand der Batterie und signalisieren Fahrbereitschaft. Rechts oben verrät ein Icon den gewählten Fahrmodus. Alles sehr aufgeräumt und übersichtlich. Unter dem Tacho befindet sich ein horizontaler Ladebalken, der in Prozent und Kilometern Auskunft gibt: 98 Prozent steht links, 195 Kilometer rechts. Damit springt einem ein zentrales Thema der elektrischen Fortbewegung direkt ins Auge: die Reichweite.

Anzeige


Die Frage, die mir am zweithäufigsten gestellt wird: Wie weit kommt man mit dem Ding? (Anmerkung: Seltsamerweise sagen fast alle tatsächlich «Ding».) Sie ist berechtigt, aber – wenn man ehrlich ist – von bloss akademischem Interesse. Die korrekte Antwort lautet: Es kommt darauf an. Die tatsächliche Reichweite hängt vom Verbrauch ab. Und der hängt von Fahrweise, Fahrmodus und der Topografie der gefahrenen Strecke ab – sogar die Aussentemperatur spielt eine Rolle. Die Praxis sieht so aus: Wenn man von einer Minimalreichweite von 150 Kilometern ausgeht, bedeutet das bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 75 Kilometern pro Stunde zwei Stunden im Sattel. Wobei abseits der Autobahn in der Schweiz eine solche Durchschnittsgeschwindigkeit unrealistisch ist – jedenfalls wenn man im legalen Bereich unterwegs ist.

Wer sagt, dass Elektromotorräder keine «richtigen» Motorräder sind, hat vermutlich noch nie eines gefahren.

Erlebnis der besonderen Art

Ich mache die Probe aufs Exempel und fahre an einem Tag über mehrere Schweizer Pässe und über Land. 322 Kilometer kommen zusammen, während zweier Kaffeepausen – von nicht mal ganz einer halben Stunde Dauer – versorge ich die LiveWire mit Steckdosenfutter aus der Schnellladestation via CCS-Stecker und habe am Ende der Tour noch 27 Prozent Ladung und 62 Kilometer Reichweite übrig.


Es ist ein Erlebnis der besonderen Art, mit der E-Harley unterwegs zu sein: In Bewegung ist man fast unsichtbar, erntet aber hier und dort überraschte ­Blicke. Wenn die LiveWire steht oder parkiert, sorgt sie jedoch für Aufmerksamkeit und Gesprächsbedarf. Das passiert auch mit klassischen Motorrädern, aber bei denen sind es meist ältere Herren, die einen ansprechen, um von früheren Heldentaten zu erzählen. Hier dagegen: Frauen, Männer, Junge, Ältere, Wan­derer und E-Biker, «Gümmeler» – kurz: das volle ­Programm. Es wird viel gefragt. Beim Lesen des ­Harley-Schriftzugs auf dem «Tank» ungläubiges Staunen. Die Reaktionen sind durch die Bank positiv. Fussgänger zeigen mir den Finger – allerdings ist es der nach oben gereckte Daumen.
 

Anzeige

Noch ein Umweg vor der Steckdose

Wer sagt, dass Elektromotorräder keine «richtigen» Motorräder sind, hat vermutlich noch nie eines gefahren. Die LiveWire ist keineswegs lautlos, dafür ausgesprochen wendig und dynamisch. Und bei hochsommerlichen Temperaturen hat man keinen 120 Grad heissen Motor unter dem Hintern. Sie macht einfach Spass. Also doch noch einmal kurz ums Karree mit der Karre. Wobei Karre natürlich ein viel zu profanes Wort für dieses technische Meisterwerk ist. Und da­rum kommt auch immer wieder noch ein Umweg dazu – und noch einer –, bevor ich sie endgültig abstelle und an die Steckdose schliesse.

Fakten

Motor H-D Revelation Leistung 105 PS/78 kW Max. Drehmoment 116 Nm Bremsen Brembo-Vierkolben-Monoblock-Radialmontage vorne, Dual-Kolben hinten Höchstgeschwindigkeit Keine Angabe Beschleunigung von 0 auf 100 km/ h in ca. 3 Sekunden Reichweite 158 bis 235 km (Herstellerangabe) Batterie 15,5 kWh Rechargeable Energy Storage System (RESS) Ladezeiten Level 1 (220V-Steckdose) ca. 15 km pro Ladestunde, Schnelllader DCFC von 0 auf 80% in 40 Minuten, von 0 auf 100 in 60 Minuten Fahrwerkkontrolle Reflex Defensive Rider Systems Leergewicht 249 kg Sitzhöhe 761 mm Reifendimensionen Vorne: 120/70 ZR17 58 W / Hinten: 180/55 ZR17 73W Basispreis 36 500 Franken

Anzeige