Er surft immer hart am Zeitgeist. Filippo Leutenegger (46) organisierte die Anti-AKW-Bewegung, später gründete er die linke «Wochenzeitung» und jobbte gleichzeitig bei der Kreditanstalt. Heute wird dem «Sponti maximus» (Peter Bodenmann) vorgeworfen, sich als Wahlhelfer für die rechtslastige SVP missbrauchen zu lassen. Ideologisch war der in Rom geborene Diplomatensohn nie fixiert. Der Ökonom mit dem Charme des Südländers hat ein feines Gespür für sich abzeichnende Konstellationen, und er versteht es blendend, die richtigen Leute für sich einzunehmen. Der gewendete Linke symbolisiert als neuer Chefredaktor den endgültigen Abschied vom «linken Staatsfernsehen». Die Offensive der Privatkonkurrenz will er mit mehr Aktualität und verstärkter Politberichterstattung kontern. Mehr als Roger Schawinskis Tele 24 fürchtet er den neuen «Tagi»-Unterhaltungssender TV 3.

Sein «Arena»-Zirkus
Keine TV-Sendung ist so umstritten wie seine «Arena». Der Grund: Sie nagt an den Grundfesten der Konkordanzdemokratie. Elektoral profitierte sowohl die Linke als auch die Rechte von den TV-Hahnenkämpfen zwischen Peter Bodenmann (SP) und Christoph Blocher (SVP). Seit der Walliser abgetreten ist, beherrscht der Ems-Chef die Szene weit gehend. Zudem nutzt neuerdings auch der alte extreme Rechte Ulrich Schlüer (SVP) diese Plattform nicht ungeschickt. Kein Wunder, mündete Leuteneggers Engagement beim SVP-Parteifest in Holziken in ein Sommertheater: Er stand als Wahlhelfer Blochers am Pranger, dem er heute politisch näher steht als seinen linken Freunden von damals. SRG-Generaldirektor Armin Walpen hätte ihm den Auftritt am liebsten verboten. Walpens Partei, die CVP, klagt am meisten über die Politshow. Zu den «Arena»-Kritikern zählen viele diskursscheue Politprofessoren wie René Rhinow (FDP), Ulrich Zimmerli (SVP) oder Gian-Reto Plattner (SP); weiter Kaspar Villigers Spin-Doctor Daniel Eckmann und FDP-Medienwächter Alex Bänninger. Immer wieder Ärger hat der Politconférencier mit linken Feministinnen wie Nationalrätin Cécile Bühlmann, die ihm Macho-Gehabe vorwerfen. Grosse Stücke hält er auf FDP-Präsident Franz Steinegger und dem befreundeten Walliser Finanzdirektor Wilhelm Schnyder.

Seine CVP-Familie
Politik und Journalismus hat er im Blut. Sein Grossvater Walter Klingler war SanktGaller CVP-Nationalrat und Chefredaktor. Schon früh zeigte er einen Hang zur Rebellion: In Disentis flog er von der Klosterschule, worauf er die Matura bei den Benediktinern in Altdorf machte. Privat lebt der Vater von drei Kindern mit der TV-Journalistin Michèle Sauvain zusammen.

Linke und rechte Prominenz
In den Siebzigerjahren lebte er in Wohngemeinschaften, dem Melting Pot der bewegten Zürcher Jugend. Dort begegnete er Kenneth Angst, dem heutigen NZZ-Vize. Mit TV-Kollege Peter Spring teilte er die Wohnung, gemeinsam mit René Schuhmacher («Saldo») besitzt er ein Haus. Aus jener Zeit kennt er die linken Promis Peter Bodenmann, André Daguet, Barbara Haering, Andreas Herczog, Elmar Ledergerber und Moritz Leuenberger; aus seiner Tessiner Korrespondentenzeit «Tagi»-Chefin Esther Girsberger. Gute Kollegen haben bei der Konkurrenz angeheuert: Christoph Bürge (TV 3) und Mario Aldrovandi (RTL/Pro Sieben). Von der Prominenz schätzt er besonders Mario Botta, Philippe Bruggisser, Mathis Cabiallavetta, Beat Curti, Carla Del Ponte, Bruno Gehrig, Claudio Generali, Peter Nobel, Michael Ringier und Moritz Suter.

Karriere auf Umwegen
Beim TV startete er nicht als Shooting Star. «Ich habe kein Highlight von Filippo in Erinnerung», sagt Medientrainer Peter Wettler, der ihn zum «Kassensturz» geholt hatte. Das Wirtschaftsmagazin «Netto» machte erst Schlagzeilen, als Chef Leutenegger erfolglos gegen die Absetzung lobbyierte. Seine Chance packte er mit der Politshow «Arena». Er hatte sich Anton Schaller angedient und durfte in der Endphase dessen «Freitagsrunde» moderieren. Entgegen seiner Überzeugung machte TV-Direktor Peter Schellenberg doch einen Star zum Chefredaktor, mit dem er zudem oft über Kreuz lag. Meint TV-3-Chef und Studienkollege Jürg Wildberger: «Es wird schwierig, unter Leutenegger TV-Direktor zu sein.» Mit dem neuen Programmchef Adrian Marthaler setzt Schellenberg allerdings ein Gegengewicht zu ihm.

Seine TV-Equipe
Er ist noch nicht im Amt, und schon rollen die Köpfe. Der unterlegene Konkurrent Rolf Probala räumt den «Tagesschau»-Chefsessel. Entmachtet wird Helen Issler, die neben dem Alt-68er-Reservat «Schweiz Aktuell» auch den Stellvertreter-Posten verliert. Aufs Abstellgleis droht Newskoordinator Ueli Haldimann zu geraten, der wie Kurt Schaad («Spezial»), Hannes Britschgi («Rundschau») und Ueli Heiniger («Club») zu seinen Gegnern zählt. Frank A. Meyer (Ringier) schob Heiniger erfolglos vor, um Intimfeind Filippo als neuen Chefredaktor zu verhindern. Als Chefreporter und Programmentwickler ist Christoph Müller seine wichtigste Stütze. Mit Martin Hofer («10 vor 10»), Thomas Schäppi («Schweiz Aktuell») und Patrick Rohr («Arena») hievte er drei Männer in gehobene Positionen.