Ab kommenden Mittwoch pilgern erneut Tausende von Filmfans für 10 Tage (5. bis 15. August) nach Locarno. Das grösste Schweizer Filmfestival ist nicht nur ein Stelldichein für Cinéphile, sondern zunehmend ein gesellschaftliches Rundumereignis.

Auch wenn Meryl Streep am Mittwoch nicht zur Weltpremiere von «Ricki and The Flash» nach Locarno kommt: Der rote Teppich, über den die Filmdelegationen allabendlich unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen auf die Piazza Grande flanieren, wird verlängert und für ein breites Publikum sichtbar gemacht.

Illustre Festivalgäste

Erstmals können Schaulustige dieses Jahr nämlich bereits den Empfang der Stars mitverfolgen - unter ihnen Hollywood-Grössen wie «Birdman» Edward Norton, der gleich am Eröffnungsabend auf der Piazza einen Special Award entgegennimmt, oder Komödiantin Amy Schumer, die für die Europapremiere von «Trainwreck» ins Tessin reist.

Zu den illustren Festivalgästen gehören weiter US-Schauspieler Andy Garcia («Der Pate»), die 75-jährige französische Filmdiva Bulle Ogier, die für ihr Lebenswerk geehrt wird oder US-Regisseur Michael Cimino («The Deer Hunter»), der ebenfalls auf der Piazza einen Ehrenleoparden in die Höhe strecken wird.

Sie alle schwärmen von der einzigartigen Magie des 8000 Zuschauer fassenden Freiluftkinos auf dem langgezogenen Stadtplatz - sofern das Wetter mitmacht und dem Festival laue und trockene Sommernächte beschert. Immerhin macht das Piazza-Publikum rund 40 Prozent an den über 165'000 Eintritten aus, die das Festival jährlich verzeichnet.

Piazza «Herz» des Festivals

Auch für Festivaldirektor Carlo Chatrian ist die Piazza «das Herz des Festivals». Die dort gezeigten Filme sollen den «ganzen Reichtum und die Vielfalt des Programms repräsentieren und eine Reise durch das Weltkino bieten». Das diesjährige Piazza-Programm sei dafür ein gutes Beispiel: Nebst den US-Streifen laufen auch Filme aus Indien («Bombay Velvet») oder Brasilien («Heliopolis»).

Traditionsgemäss flimmern auch Schweizer Filme über die Freiluft-Grossleinwand. «Amnesia» des schweizerisch-französischen Regisseurs Barbet Schroeder und «La Vanité» des Waadtländers Lionel Baier waren im Mai am Festival von Cannes uraufgeführt worden und lancieren in Locarno vor grossem Publikum ihre Kinoauswertung.

Ob die auf der Piazza gezeigten Filme dann auch in den Sälen zum Kassenschlager werden, ist offen. Während die Kinos mit einem Zuschauerschwund kämpfen, erfreuen sich Filmfestivals steigender Zuschauerzahlen. Locarno verbuchte in den letzten Jahren kontinuierlich 1 bis 2 Prozent mehr Eintritte pro Jahr.

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Publikumsnähe als Trumpf

Mario Timbal, operativer Direktor des Festivals, führt die steigende Beliebtheit darauf zurück, dass die Festivaliers - in ihrer Mehrheit übrigens Deutschschweizer - nicht nur der Filmvorführungen wegen ins Tessin reisen. «Sie besuchen das Festival als Gesamtereignis».

Dabei profitieren sie nicht nur vom sommerliche Ambiente am Lago Maggiore: Kaum ein Filmfestival sei so «partizipativ» wie Locarno, betont Timbal. Nirgends sonst könne das Publikum so nahe in Kontakt treten mit den Stars. Die öffentlichen Podiumsdiskussionen mit prominenten Festivalgästen werden vom Publikum rege besucht.

Das Wachstum des Festivals ist nicht zuletzt durch die Kapazitäten der regionalen Hotellerie beschränkt. Deshalb will sich das Festival auch ausserhalb der Hochsaison im August als Event positionieren. So fand im April bereits zum dritten Mal das Spin-Off-Festival «L'immagine e la parola» statt - mit steigendem Zuschauerzahlen.

Mit dem sich im Bau befindlichen Palazzo del Cinema erhält das Filmfestival voraussichtlich 2017 zudem eine ganzjährige Heimat. Im alten Schulhaus nahe der Piazza Grande entsteht für 33 Millionen Franken das lang ersehnte Festivalzentrum - samt drei Kinosälen und der Infrastruktur für weitere Events der Filmbranche.

(sda/ccr)