Marco Solari ruht nie. Wenn ein Sponsor oder ein Politiker anruft, dann ist er zur Stelle – für einen ­Anlass, einen Vortrag oder auch nur für die Beantwortung offener Fragen. Nicht nur im August während des Filmfestivals von Locarno, das er seit 2000 präsidiert, sondern immer. Jede Beziehung basiere auf Vertrauen und müsse ständig gepflegt werden, sonst drohe der Bruch, sagt er. Und das kann sich Locarno nicht leisten. Denn Solari ist überzeugt, dass sein Festival immer weiter wachsen muss. «Stillstand gleich Rückschritt», lautet seine Losung. Wer stagniert, hat schon verloren. Der «heute prächtig gedeihende Baum», mit dem er das Festival gerne umschreibt, könnte verkümmern.

Solari hat seinem Baum reichlich Dünger gegeben – und in 15 Jahren das Budget des Festivals von fünf Millionen auf 12,5 Millionen Franken erhöht. Er hat die Organisation professionalisiert, das Tessin und den Bund zu grösseren Beiträgen motiviert und Politikern und Wirtschaftskapitänen das Gefühl vermittelt, dass sie etwas verpassen würden, wenn sie im Sommer nicht einen Abstecher ans Filmfestival machten. So trifft sich alljährlich im Gönner­verein «Leopard Club», der von Valora-Chef Rolando Benedick ins Leben gerufen wurde, die Wirtschaftsprominenz – von Migros-Chef Herbert Bolliger bis zu Ex-UBS-Lenker Oswald Grübel. Zudem verwandelt sich Locarno Anfang August immer mehr zu einer Filiale von Bundesbern. Auch dieses Jahr stattet Kulturminister Alain Berset Locarno einen Besuch ab, ebenso Bundespräsident Didier Burkhalter. Und die nationalrätliche Bildungskommission hat das Festival gar als Tagungsort erkoren. Ein Novum.

3000 Festivals buhlen um Publikum

Die grösste ­Gefahr für Locarno geht von anderen Festivals aus, von anderen Bäumen, die Licht wegnehmen. Und es werden immer mehr. Wie viele Filmfestivals es mittlerweile gibt, weiss niemand genau. Experten sprechen von 3000 weltweit, wobei sich diese in Bezug auf Programm, Dauer, Anspruch und Ausrichtung stark unterscheiden. In der Schweiz sind es bereits um die 20 Filmfestivals – und sie erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Locarno verbucht mehr als 160 000 Zuschauer, Zürich gut 70 000, Solothurn 65 000 und Nyon 33 000 (siehe auch «Die Kontrahenten» auf Seite 64). Den Erfolg verdanken die Festivals vor allem ihrem Eventcharakter. Dazu kommt, dass sie für eine Filmvielfalt sorgen, während die Kinos ­zunehmend von den immer gleichen Blockbustern dominiert werden. Etwa ein Viertel der hierzulande rund 2000 jährlich gezeigten Filme waren ausschliesslich an einem Festival zu sehen, wie das Bundesamt für Statistik errechnet hat.

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Locarno hat klare Ansprüche: Das Festival will weltweit zu den Top 12 gehören, wie Solari betont. Zum Beleg dafür unterstreicht er auch die lange Geschichte des 1946 gegründeten Filmfestivals. Wie Cannes und Karlovy Vary (Karlsbad) gehört Locarno zu den Festivals, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden. Älter sind nur noch Venedig (1932) und Moskau (1935). In den fünfziger Jahren folgten Berlin (1951), Goa in Indien (1952), San Sebastián (1953) und Mar del Plata in Argentinien (1954). Alter und Tradition allein genügen als Kriterien nicht. Ein Ranking der bedeutendsten Filmfestivals existiert nicht. Auch beim Internationalen Filmproduzentenverband (FIAPF) nicht, bei dem sich eine bewusst limitiert gehaltene Anzahl von Festivals akkreditieren kann.

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