Ein niedriger, schmuckloser Bau direkt neben dem Bahnhof in Horgen, eingeklemmt zwischen Zürichsee und Bahnlinie: Hier soll der Firmensitz von Piega sein? Hinter diesem Garagentor sollen Boxen stehen, welche die Hi-Fi-Welt revolutioniert haben, bei deren Klang selbst versierten Audiophilen die «Nackenhaare hochgehen», wie eine Zeitung schreibt?

Tür aufgemacht und reingeschaut: Drinnen sieht es aus wie in einer Tüftler-Garage. Stapelweise Kartonschachteln, ein Schreibtisch an der Fensterfront, Motorradfotos an der Wand. Doch hinter den Glasscheiben links ist tatsächlich ein Vorführraum mit T+A-Anlage, dickem, grauem Vorhang, Corbusier-Sessel in der Mitte, und an den Wänden steht aufgereiht alles, was bei Piega hergestellt wird: von 300-Franken-Boxen bis zum 420-Kilo-Alu-Monolithen, für dessen Preis man auch einen Ferrari bekäme.

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Immer schon der Nerd

Mittendrin, hinter einem mannshohen Boxenpaar, kniet ein Mann und lötet Widerstände auf einer Holzplatte. Lange graue Haare, abgewetzte Fotografenweste, Adidas-Shorts und Turnschuhe – Kurt Scheuch richtet sich auf und lamentiert, dass er vor lauter Ideen gar nicht wisse, wie er alles in die Tat umsetzen solle. Und das nach 30 Jahren Lautsprecherbau. Scheuch war schon ein Nerd, als es den Begriff noch gar nicht gab.

1986 gründete er das Unternehmen zusammen mit Leo Greiner. Kurz gefasst erzählen die beiden die Geschichte so: Greiner baute schöne Boxen, Scheuch gute. Angestachelt und finanziert von einem Bekannten – heute würde man ihn Business Angel nennen –, begannen die beiden in Greiners Garage gemeinsam zu tüfteln. Greiners Sohn Manuel, Exportleiter und zukünftiger Geschäftsführer, erinnert sich noch genau, wie er als kleiner Junge in Vaters Garage halbkugelförmige Membranen eindrückte. «Der Klassiker», sagt der 30-Jährige und lacht.

Der Bändchenhochtöner

Damit machte Scheuch Ende der neunziger Jahre Schluss. Er erfand den Bändchenhochtöner, und von da an gab es nichts mehr einzudrücken. Hinter einem massiven Gitter sorgt eine hauchdünne Folie für ein Klangerlebnis, das aus mild belächelten Emporkömmlingen anerkannte Soundspezialisten machte. Grund: Die alubeschichtete Folie reagiert viel schneller als eine herkömmliche Lautsprechermembran auf elektrische Impulse und setzt sie deshalb präziser in Schall um. Es folgte die Entwicklung des Koaxialsystems, die Vereinigung von Hoch- und Mitteltöner zu einer physikalisch genauen Punktschallquelle, deren Emission im ganzen Raum gleich klingt.

Die Herstellung dieser Schallquelle ist das Markenzeichen der Firma. Sie findet in einem kleinen Raum zwei Etagen weiter oben statt, vorbei an noch mehr Kartons, an Reihen von zentnerschweren Alu-Gehäusen, die in einer Schmelze in Belgien lasergenau in 60 Meter langen Chargen gefertigt worden sind. Hinter den Büroräumen geht es noch eine Holzstiege nach oben, und hier rahmt ein Ex-Profisurfer seit zwölf Jahren in Hand- und Kniearbeit die hauchdünnen Folien, die das Herzstück der Piega-Boxen darstellen.

Zu speziell, zu komplex und zu schwer

Mario Ballabio, 49 Jahre alt, mit Pferdeschwanz und Dreitagebart, beugt sich über den niedrigen Tisch, dreht mit beiden Händen an Schrauben in einem quadratischen Gestell und drückt gleichzeitig mit dem Knie einen Hebel herunter. Er visiert mit den Augen dicht über die Folie, um eine Faltenbildung sofort zu bemerken, und spannt die Schrauben weiter an. Rund 10 000 Folien hat er schon geklebt.

Diese Handarbeit sei der Grund, dass die Firma nicht ohne weiteres wachsen könne, sagt Scheuch, und dass sie nicht einfach irgendwo im Ausland produzieren lasse. Zu speziell, zu komplex und zu schwer zu erlernen ist dieses Metier. Ein weiterer Grund: «Made in Switzerland» ist ein wichtiges Verkaufsargument. Schliesslich ist Piega Marktführer in der Heimat und die einzige Firma in der Branche, die das Koaxialsystem baut. Trotzdem: Gemessen an der Konkurrenz, seien sie ein kleiner Hersteller, sinniert Scheuch. «Wir müssten einfach etwas lauter hupen», sagt er. «Aber wir sind halt Schweizer.» Thomas Byczkowski