Smartwatches, Fitness-Tracker und Datenbrillen zählen zu den Trends der diesjährigen Elektronikmesse Ifa in Berlin. Bislang war der Markt noch weit entfernt davon, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Das könnte sich schon bald ändern.

Zahlreiche Hersteller wie Samsung, Huawei, LG, Lenovo oder Asus präsentieren an der Ifa (4. bis 9. September) die neusten Modelle ihrer Smartwatches. Auch die gesamte Geräteklasse der sogenannten «Wearables» – Technik, die man direkt am Körper tragen kann – zählt zu den heissen Trends. Marktbeobachter rechnen damit, dass sich in Zukunft die Menschen wieder sehr viel häufiger Uhren umbinden werden. Dabei wird die Zeitanzeige allerdings zur Nebensache.

Im Mittelpunkt steht neben der Fitnessfunktion die Verbindung zum eigenen Smartphone. So kann der Nutzer mit einem Blick aufs Handgelenk nachsehen, wer ihn angerufen oder ihm Mails geschrieben hat. Die Analysefirma CCS Insight prognostiziert, dass sich der Markt mit tragbaren Computern - zu denen auch Fitnessarmbänder und Computerbrillen gehören - in den nächsten fünf Jahren auf mehr als 25 Milliarden Dollar verfünffacht.

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Über Ring zu Zusatzfunktionen

Der Fokus liegt oft auf Design, Möglichkeiten zur individuellen Anpassung und Hobby-Sportlern als Zielgruppe. Samsung zeigt in Berlin seine neue Uhr Gear S2, bei der sich der Smartphone-Marktführer erstmals für ein rundes Display entschied, das ein Nutzer aus 26 integrierten Vorlagen selbst entwerfen kann.

Der Bildschirm aus organischen Leuchtdioden (Amoled) hat einen Durchmesser von 1,2 Zoll (3 Zentimeter). Für den Zugang zu Apps wie Kalender und E-Mail oder Online-Netzwerken liess sich Samsung etwas Besonderes einfallen: Man steuert sie über einen Ring wie bei einer Taucheruhr am Display-Rand an.

Sportler als Zielgruppe bei Motorola und Intel

Die Lenovo-Tochter Motorola greift auf breiter Front an. Die zweite Generation der Uhr Moto 360 gibt es in zwei Grössen für Männer, einer Version speziell für Frauen sowie einer Sport-Variante mit einem eingebauten GPS-Chip. Auch Motorola setzt auf runde Displays – die natürliche Form einer Uhr, wie Marketing-Manager Lally Narwal betont.

Der Chiphersteller Intel will ebenfalls Sport-Enthusiasten anlocken. Die Software des Basis Peak genannten Fitness-Trackers stammt von der übernommenen Firma Basis und funktioniert sowohl mit Android-Handys als auch mit Apples iPhones. Der Navigations-Spezialist TomTom will mit einer Uhr ohne Touchscreen, aber mit GPS-Modul und Musikspeicher bei den Workouts dabei sein.

Lange kein Schwung im Markt

Erste Computer-Uhren kamen bereits vor einigen Jahren auf den Markt. Zu den Pionieren unter den Herstellern zählt unter anderem Sony. Samsung war 2013 in den Markt eingetreten, seitdem brachte das Unternehmen eine Reihe immer schlankerer Modelle heraus.

Lange blieben die hohen Erwartungen an die Smartwatches unerfüllt. Richtigen Schwung ins Geschäft brachte erst seit April die Apple Watch. Sie gilt Marktbeobachtern inzwischen als Messlatte. Nach Berechnungen der Analysefirma IDC setzte Apple im zweiten Quartal 3,6 Millionen Geräte ab, Samsung verkaufte den Marktforschern zufolge 600'000 Stück seiner Gear-Modelle.

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Marktleader Apple

«Derzeit dominiert Apple eindeutig den Markt», sagt IHS-Analyst Roeen Roashan. Er gehe davon aus, dass allein in diesem Jahr 16 Millionen Apple Watches über die Verkaufstische wandern. Insgesamt sollen nach IHS-Schätzung 29 Millionen Geräte verkauft werden. Wer Apple abgeschrieben habe, liege falsch, ergänzt Analyst Ben Wood von CCS Insight. Allein im ersten Verkaufsquartal hätten die Kalifornier eine Milliarde Dollar mit ihrer Watch umgesetzt.

Wer das Rennen letztlich macht, bleibt abzuwarten. Entscheidend dürfte sein, wie einfach die Uhren bedient werden können, wie viel Zusatznutzen sie im Alltag tatsächlich bieten. Und mit welchen Smartphones die Uhren Kontakt aufnehmen können.

Breite Kompatibilität verbessert Marktchancen

Nach Einschätzung von IDC hatte sich Samsung seine potenzielle Reichweite selbst eingeschränkt, da die Gear bislang nur mit einigen Top-Smartphones aus dem eigenen Haus interagierte. Mit der Gear S2 ist Samsung über seinen Schatten gesprungen: Sie arbeitet mit allen modernen Android-Smartphones ab Version 4.4 zusammen

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Google trägt den Wettbewerb auf das Feld von Apple und lässt mehrere neue Modelle mit seinem System Android Wear erstmals auch mit iPhones zusammenspielen. Der Funktionsumfang bleibt dabei allerdings schmaler als bei der Apple Watch.

Rennen und messen: Grosses Potential bei Fitness-Trackern

Der junge Markt der Wearables dürfte aber vor allem durch die wachsende Verbreitung von Fitness-Trackern angeschoben werden, die sich auf Funktionen wie Herzfrequenzmessung, Kalorienverbrauch und Schrittzähler beschränken, schätzen Marktbeobachter. Die Sportartikelbranche will den Trend nicht verschlafen, sondern mitgestalten. Fast alle großen Ausrüster bauen ihr Geschäft mit tragbaren Fitnessmessgeräten seit Jahren aus – darunter Branchenprimus Nike, Verfolger Adidas und deren aufstrebender US-Rivale Under Armour.

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Vor allem Jogger und Fußballer sollen auf die Geräte zurückgreifen, um ihre Leistungen zu überwachen. Geschwindigkeit, Strecke, Herzfrequenz und Armbewegungen werden mit Ortungsdaten, Landkarten und persönlichen Informationen wie Körpergewicht und Alter kombiniert. Apps werten die Informationen aus und stellen sie zu einem persönlichen Leistungsprofil zusammen.

Adidas-Chef Herbert Hainer schwärmte jüngst bei der Übernahme des österreichischen Fitness-App-Anbieters Runtastic für 220 Millionen Euro von dem Kundenpotenzial: Rund 70 Millionen Nutzer, etwa die Hälfte davon im wichtigen europäischen Markt, sind bei Runtastic registriert. Ab Oktober kooperiert auch Intel mit dem österreichischen Anbieter.

Datenbrillen nur begrenzt einsetzbar

Viele Nutzer treibe die Sorge um Datenschutz und Datensicherheit um, sagte Klaus Böhm von der Beratungsgesellschaft Deloitte. Nach Erhebungen des Bitkom haben 30 Prozent der potenziellen Nutzer von Smartwatches oder Fitness-Trackern Angst vor Datenmissbrauch.

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Neben den Fragen des Datenschutzes, die noch nicht umfassend geklärt sind, haben die neuen Uhranbieter noch weitere Aufgaben zu bewältigen. So müssen potenzielle Nutzer davon überzeugt werden, warum sie ein weiteres Gerät brauchen. Ferner halten die Akkus häufig noch nicht lange genug. «Alle Hersteller müssen bei der Benutzerfreundlichkeit und dem Mehrwert nachlegen. Das dauert noch, wird aber kommen», sagt Gartner-Analystin Annette Zimmermann.

Die Expertin empfiehlt den Anbietern, Kunden über eine Benutzerplattform an sich zu binden. Dies sei zum Beispiel Fitbit im Geschäft mit Fitness-Armbändern gut gelungen. Als Kunde des US-Konzerns kann man sich auf der Internetseite anmelden und mit anderen über sportliche Leistungen austauschen und gegenseitig anspornen.

Zukunft macht nicht Halt

Doch schon längst geht die Forschung in die nächste Richtung. Laut Zimmermann versuchen sich einige Anbieter derzeit an Pflastern, die Patienten mit Hilfe von Sensoren überwachen: «Das kann in einigen Jahren vor allem für die Gesundheitsbranche spannend werden.»

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Auch Datenbrillen sind nach dem Stopp der ersten Glass-Version von Google nicht gestorben. Vom Sprung in den Massenmarkt sind sie nach Einschätzung des Bitkom allerdings noch weit entfernt. Erfolg werde sich aber eher in bestimmten Einsatzgebieten ergeben, etwa als Ersatz für Audio-Führer in Museen oder für die Navigation im Auto.

(sda/reuters/jfr)