Wer im Verborgenen lebt, lebt gut. Unter dieser Devise haben sich viele Mitspieler im Uhrengeschäft eine hübsche Position aufgebaut, ohne das Kapital ihrer Gesellschaften fürs Publikum zu öffnen. Die stille Grösse in der Uhrenbranche ist Rolex, die den Mythos konsequent zum Geschäftsprinzip erhoben hat. Das Haus gibt keine Zahlen bekannt und kommentiert auch keine herumgereichten Zahlen. Auf der anderen Seite weiss Rolex natürlich ganz genau, dass weder die Produktionszahlen noch die Verkaufspreise ein Geheimnis sein können. Da Rolex nämlich konsequent Chronometer produziert – mithin alle Werke vom Contrôle officiel zertifizieren lässt –, weiss man auch, dass das im Jahr 700 000 Stück sind. Diese Zahl, mit einem realistischen Durchschnittspreis ab Fabrik multipliziert, weist auf einen Jahresumsatz von 2,5 bis 3 Milliarden Franken. Damit spielt Rolex auf Augenhöhe mit den Multimarkenkonzernen Compagnie Financière Richemont und Swatch Group.

Uninteressiert an öffentlichem Kapital ist auch das Juwel der Schweizer Uhrenindustrie: die Genfer Patek Philippe, seit 1930 im Besitz der Familie Stern. Daneben haben sich mittlerweile einige sehr erfolgreiche Newcomer etabliert. Am breitesten aufgestellt von ihnen ist heute Chopard im Besitz der Familie Scheufele, die den nur ein paar Eingeweihten geläufigen Genfer Namen zu einer Weltmarke aufgebaut und ihn auch im Schmuckbereich sehr erfolgreich etabliert hat. Dass sich der Umsatz des Familienunternehmens auf eine Milliarde Franken zubewegen wird, ist absehbar.

Unübersehbar ist heute auch der Erfolg bei Breitling, die in Grenchen und La Chaux-de-Fonds deutlich über 100 000 Chronographen im Jahr produziert. Das Unternehmen gehört der Familie Schneider, die ihr Vermögen mit Sicura (Quarzuhren) gemacht und Breitling in den Baisse-Jahren erworben hat. Heute konzentriert sich die Familie ganz auf Breitling, und Nicolas Sarkozy, Frankreichs Innenminister, ist ihr prominentestes Testimonial.

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Bei der in Le Locle beheimateten Ulysse Nardin, ebenfalls in den Baisse-Jahren für kleine Münze veräussert, heisst der Alleinbesitzer Rolf W. Schnyder. Er hat ein starkes Standbein in Malaysia, wo er vor Jahren eine Fertigung für Uhrenkomponenten aufgebaut hat. Auch sein Erfolgsausweis steht ausser jedem Zweifel.

Erkennbares Format hat daneben Luigi Macalusos Sowind-Gruppe mit den beiden Marken Girard-Perregaux und JeanRichard, dazu kommen noch der Komponentenhersteller EMG und die Phoenix Marketing). Der frühere Rallyefahrer ist übrigens keineswegs der einzige Geschäftsmann von der Apenninenhalbinsel, der erfolgreich eine Schweizer Marke wieder aufbaut. Eberhard, ein alteingesessener Spezialist für Chronographen in La Chaux-de-Fonds, gehört heute einer Mailänder Familie.

Zu den erfolgreichen Stillen zählen Raymond Weil, mit knapp 500 000 Uhren im Jahr sicher unter den Top Ten beheimatet, Maurice Lacroix (im Besitz der Zürcher Handelsfirma Desco von Schulthess), Hublot (bei der Jean-Claude Biver eingestiegen ist) und wohl auch die Zürcher Mondaine (im Besitz der Familie Bernheim) mit ihrem erfolgreichen Volumengeschäft.

Signifikant für das Private-Equity-Interesse an der Uhrenbranche ist das Engagement der Sandoz-Stiftung, die mit Parmigiani, Vaucher und Atokalpa – für die Fertigung mechanischer Komponenten wie Triebe, Federn und aller Teile der Hemmpartie – auf allen Ebenen und mit massivem Kapitaleinsatz investiert.

Von den börsenkotierten Unternehmen hat etwa Tiffany ein vergleichsweise bescheidenes Uhrengeschäft. Der Anteil der Uhren erreicht gerade vier Prozent (bei einem Umsatz von drei Milliarden Franken). Ähnlich sieht es – ungeachtet einer eigenen Endfertigung und der engen Verbindung zu Vaucher – bei Hermès aus. Uhren sind für Hermès einstweilen kein signifikanter Umsatzgenerator.

Das gleiche Bild beim Grosskonzern LVMH, wo das Uhren- und Schmuckgeschäft mit TAG Heuer, Zenith, Dior Montres, Fred und Chaumet gerade 4,1 Prozent erreicht (Gesamtumsatz 2004: 13,9 Milliarden Euro).

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Anders sieht das Bild beim in Mailand notierten Uhren- und Schmuckkonzern Bulgari aus. Die Uhren (Steigerung im 4. Quartal 2005: 16,5 Prozent) erreichen mittlerweile 30 Prozent oder 268 Millionen Euro des Gesamtumsatzes. Produziert wird in Neuenburg im alten Gebäude des Grossuhrenherstellers Favag. Vor zwölf Jahren nutzte Bulgari lediglich eine Etage, heute ist das ganze Gebäude belegt.

Bulgari mit ihrem starken Schmuckgeschäft und dem exzellenten Ladennetz wurde unter Analysten zeitweise als Traumpartner für die leicht überkapitalisierte Swatch gehandelt. Aber die Familie als Mehrheitsaktionärin hat nicht die Absicht zu verkaufen, und Swatch – in Krisenjahren gross geworden – sieht offensichtlich keinen Grund, von ihrer stocksoliden Politik hoher Eigenmittel abzurücken. Bulgari, derzeit von 24 Analysten beobachtet, wird weit überwiegend mit «kaufen» bewertet. Die Zielkurse schwanken zwischen 8.50 und 10.80 Euro. (Derzeit – Stand 21. März 2006 – notiert der Titel bei 10.30 Euro.)

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Bei der Compagnie Financière Richemont tragen die Uhren (Baume et Mercier, Cartier, Dunhill, IWC, Jaeger-LeCoultre, Lange & Söhne, Montblanc, Panerai, Piaget, Vacheron Constantin) 50 Prozent zum Geschäftsergebnis bei. Die Gesellschaft wird von 30 Analysten beobachtet und weit überwiegend zum Kauf empfohlen. Das Kursziel schwankt derzeit zwischen 63 und 70 Franken.

Ronald Wildmann, Leiter des Swiss Equity Research der Bank Leu, sieht
Richemont heute als ein reines Luxusgüterunternehmen und – mit Ausnahme von Cartier – mit einer reinen Grosshandelsstruktur im Uhrenbereich.

Die Swatch Group dagegen verfolge mit nahezu 600 Swatch Stores (mehr als 400 im Franchisingsystem) und etwa 40 eigenen Geschäften für die Marken des oberen Preissegments ein Retailkonzept. Der andere Unterschied nach Meinung des Leu-Analysten: die industrielle Basis. Die Marktmacht liege bei Swatch Group. Richemont sei deren wichtigster Kunde.

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Bei den Marken ist für den Experten neben Omega, dem finanziellen Zugpferd des Konzerns, Breguet die grosse Story. Die Marke stehe heute fast gleichwertig neben Patek Philippe. Gut liefen auch Blancpain und Glashütte Original.

Angesichts der renditeverwässernden hohen Barmittel im Konzern bleibt der Swatch Group ein leichtes Nörgeln der Analysten nicht erspart. Deren Meinung: Ich will einen Luxustitel und keine Bank. Der Titel steht jedoch überwiegend auf der Kaufliste. Die Kursziele schwanken zwischen 215 und 240 Franken.

Nicht ganz auf solchem Niveau, aber immerhin in den USA kotiert ist die von Gedalio (Gerry) Grinberg kontrollierte Movado Group. Grinberg hatte sich aus Castros Kuba abgesetzt und als Uhrenverkäufer in den USA angefangen. Mit Concord, Ebel und Movado hat er drei bekannte Marken in seiner Movado Group zusammengeführt. Die weiteren Labels der Gruppe: ESQ, Coach Watches, Tommy Hilfiger, Hugo Boss und Juicy Couture. Grinberg ist bekannt für straffes Kostenmanagement und eine starke Distribution. Den Titel halten auch institutionelle Investoren wie Axa und Barclays.

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Und wie sehen es die Anleger? Dejan Srejic vom Bluevalor Equity Lifestyle Brand Fund, den Claude Braginsky im Juni 2005 lanciert hat, findet Richemont heute mit 10 bis 15 Prozent überbewertet und ist nicht darin investiert. Swatch hält er nicht mehr im Portfolio, da sein Kursziel erreicht wurde. Auf Grund der stabileren, vorhersehbareren Cashflüsse würde er jedoch Swatch gegenüber Richemont immer noch bevorzugen. Allgemein findet Srejic, dass im Bereich der Luxusuhren der Markenwert in Relation zum Marktwert hoch ist, sodass nicht mehr viel Aufwertungspotenzial auszuschöpfen sei. Grundsätzlich bevorzugt er auf Monomarken fokussierte Unternehmen, denn «Markenführung ist Chefsache» und bindet auf Konzernebene sehr viele Ressourcen.

Nachlassende Kundenloyalität ist denn auch eines der grössten Risiken in diesem Bereich.

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